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Woher kommt der Wunsch nach ständigem Reisen?

Die eigenen vier Wände sind eine wunderbare Ausgangslage, um einzukehren, es sich gut gehen zu lassen, sich dem Geschehen draußen eine Weile zu entziehen und endlich bei sich selbst zu sein. Vorausgesetzt natürlich, man fühlt sich auch 100% zuhause, da wo man sich momentan aufhält. Wir sollten uns also zu allererst fragen: Wie lebe ich? Und fühle ich mich wohl in meinem Zuhause?

Denn der Wunsch nach der Ferne kann umso lauter werden, je mehr wir uns in unserem eigenen Zuhause gestört fühlen. Es lohnt sich also, seine Umgebung zu beobachten, in sich hineinzuhorchen und sich zu überlegen, was man im Hier und Jetzt ändern kann, damit jeder Feierabend wirklich erholsam ist.

Der Wunsch nach Ferne als Ausdruck von Unwohlsein

Eine Freundin von mir arbeitet in Vollzeit in der Industriebranche und verdient dabei ziemlich gut. Sie kann sich eine helle, großzügig geschnittene und zentrumsnahe 2-Zimmer-Wohnung mit Balkon leisten und diese hat sie mit viel Liebe zum Detail eingerichtet. Vor allem die großzügige Eckcouch (darauf könnte eine ganze Fußballmannschaft Platz nehmen) und der überdimensional große Flachbildschirm im Wohnzimmer stechen besonders ins Auge.

Sie hat sich zudem eine beachtliche Weinsammlung zugelegt, womit sie fast täglich den Feierabend mit Freunden oder den Eltern, die spontan vorbeikommen, einläutet. Bis zu ihrem Premium Fitness-Studio sind es nur ein paar Meter und ins Stadtzentrum braucht sie gerade Mal 10 Minuten zu Fuß.

Zeitstress trotz Zeitersparnis

Das klingt alles zunächst ziemlich perfekt. Trotz offensichtlicher Zeitersparnis dank der kurzen Wege, klagt sie hauptsächlich über Zeitstress. Denn vor allem für die Arbeitsstelle, die sie nur mit dem Auto erreichen kann, gehen mindestens zwei Stunden am Tag drauf. Überstunden sind in ihrer Branche ganz üblich. Außerdem hat sie sich dazu entschieden, nebenher noch eine Weiterbildung zu absolvieren, um ihre Karrierechancen zu verbessern. Das bedeutet, zusätzlicher Stress und weniger freie Zeit am Feierabend und an den Wochenenden.

Überall auf der Welt, nur nicht zuhause

Wenn man sie besucht, fallen die vielen Fotografien auf, die an den verschiedensten Orten der Welt aufgenommen wurden: Nordlichter in Skandinavien, die Napali Coast von Hawaii, der Machu Picchu in Peru, Angkor Wat in Kambodscha und so weiter. Sie reist unglaublich gerne und in den letzten Jahren sogar vermehrt oft. Jeder Urlaubstag ist inzwischen für die nächste noch unbekannte Destination verplant. Klar wird, ihrer eigenen hübsch eingerichteten Wohnung verbringt sie kaum Zeit.

Wenn man sich zuhause unwohl fühlt, ohne zu merken, warum

Eines abends wusste ich dann auch warum: Geräusche aus den benachbarten Wohnungen, die man tagsüber kaum wahrnimmt, werden abends umso lauter. Man kann nicht nur die Tagesschau hören, sondern vernimmt auch die Selbstgespräche, die der Rentner in der Wohnung nebenan führt. Nicht ganz freiwillig bekommt man dann auch noch die Streitereien eines Paares mit, die – wie ich später erfahre – jeden Abend fortgesetzt werden.

In mir wühlt es etwas auf. In diesem Moment bin ich plötzlich sehr angespannt und erschrecke bei jedem Geräusch, das folgt. Ich fühle mich zunehmend unwohl. Jetzt verstehe ich auch, warum meine Freundin sich abends zum Lernen lieber zu ihren Eltern verzieht, anstatt in ihrer eigenen Wohnung zu bleiben.

Als ich sie darauf anspreche, ist sie zunächst etwas verwundert. Sie habe es nicht bewusst wahrgenommen auch nie darüber nachgedacht. Sie weiß nur, sie will einfach nur raus, am liebsten weit weg. Woher dieser ständige Wunsch nach Reisen kommt, wisse sie auch nicht so recht.

Kompensation mit Reisen

Ich kann mir die Flucht aus diesem Alltag nur so erklären. Doch anstatt umzuziehen oder die Arbeitsstunden zu reduzieren, wird das Unbehagen in den eigenen vier Wänden (und vielleicht auch der zusätzliche Karrieredruck) mit Reisen kompensiert.

Natürlich ist nicht jeder Wunsch nach Reisen auf Unwohlsein, Zeitstress, Karrieredruck oder Unzufriedenheit im Alltag zurückzuführen. Wir reisen ja auch aus purem Vergnügen, aus Neugier, Entdeckungsfreude und der Lust auf Unbekanntes. Das Fremde lockt uns seit je her. Wir sind angetan vom Freiheitsgefühl, von der Unbefangenheit und Unverbindlichkeit. Manchmal ist es der Wunsch nach Abwechslung, Inspiration und nicht selten die Suche nach einem außergewöhnlichen Erlebnis oder gar dem Paradies auf Erden.

Doch all diese Wünsche und Vorstellungen können wir gar nicht da draußen finden, sondern, wenn überhaupt bei uns selbst! Es lohnt sich vielleicht, einmal mehr in sich hineinzuhorchen und zu fragen, was einen tatsächlich antreibt und wirklich glücklich macht.

Kommt Dir die Situation meiner Freundin bekannt vor? Geht es Dir auch manchmal so? Gibt es etwas, was Dich reizt, negativ beeinflusst und die den Schlaf raubt? Vielleicht hast Du es selbst noch nicht bemerkt. Vielleicht muss erst jemand Außenstehendes draufschauen, um zu erkennen, was Dir fehlt.

Frag doch mal Deine Freunde, Kolleg*innen, Ärzt*innen oder Lehrer*innen. Wie schätzen Sie Deine Lebenssituation ein? Kriegst Du alles wirklich unter einen Hut?