Lifestyle,  Philosophisches

Wie lebt es sich auf der “Insel der Glückseligen”?

Man wird nicht als Heidelbergerinnen geboren… Man wird zu einer (mit Anspielung und einem kleinen Augenzwinkern auf Simone de Beauvoir, Das andere Geschlecht).

Einige von uns haben die Schulzeit wahrscheinlich eher negativ in Erinnerung. Lernen war langweilig, es wurde uns aufgezwungen und hauptsächlich von außen bestimmt. Wir haben nicht immer gute Erinnerungen daran. Lernen wird erst nach der Schule interessant. Dann hat man endlich die Zeit und Freiheit, sich damit zu beschäftigen, wofür man sich wirklich interessiert. Sei es in Form einer Ausbildung, eines Auslandsaufenthalts oder der Einschreibung an der Universität. Dann kann Lernen sogar etwas ganz Wundervolles sein! Bildung bekommt einen ganz neuen Stellenwert in unserem Leben.

Heidelberg ist eine großartige Lern- und Bildungsstätte. Hier lernt man nicht für die nächste Prüfung, sondern fürs Leben und das färbt sich auf alle Lebenssituationen ab. Lebenslanges Lernen ist keine Drohung, sondern wird zur interessanten Lebensaufgabe.

Um uns Heidelbergerinnen besser zu verstehen, taucht man besser in die unendlich weite Welt der Bildung ein. Die Themen, die uns auf den Nägeln brennen, sind weit gefasst. Doch vor allem wird es in Gesprächen mit uns oft sehr philosophisch, tiefenpsychologisch oder gar gesellschaftskritisch. Damit wollen wir natürlich niemanden verschrecken, beleidigen oder einschüchtern. Wir möchten die Welt wirklich besser verstehen und glauben eben nicht jeden Quatsch. Wir langweilen uns mit Oberflächlichem, hinterfragen lieber festgefahrene Muster und öffnen uns neuen Denkweisen. Wir wollen damit ein Stück zu einer besseren Welt beitragen!

Muss eine Heidelbergerin automatisch auch studiert haben oder eine Studentin sein? Selbstverständlich nicht. Wir sind von Natur aus wissbegierig, aufmerksam und weltoffen. Studieren kommt schließlich vom lateinischen Begriff studere, was soviel heißt wie „nach etwas streben, sich um etwas bemühen“. Und das tut die Heidelbergerin wie von alleine. Aber warum ist das so?

Eine Erklärung wäre folgende: Wir werden von der Stadt stark geprägt – von der wir ja wissen, dass hier mehr als 40.000 Studierende leben. Fast die Hälfte aller Einwohner*innen sind unter 30. Man ist also ständig umgeben von jungen Menschen. Sie sind lebenshungrig, interessiert und neugierig. Sie sind gerade dabei, das Leben zu entdecken und viele Erfahrungen zu sammeln. Jugendliche leben eher im Moment und haben es noch nicht verlernt, das Leben mit allen Sinnen zu genießen. Sie gestalten ihr Umfeld aktiv und lassen keine Chance ungenutzt. Und natürlich färbt das ab!

Es kommt also oft vor, dass die typische Heidelbergerin mindestens einen Studienabschluss hat oder sogar einen Doktortitel trägt.

Wir können unendlich lange zu einem bestimmten Thema diskutieren – aber nur, wenn wir gefragt werden. Wir hausieren natürlich nicht mit unserem Wissen und halten es insgesamt oft für selbstverständlich, informiert zu sein. Wir haben in der Regel zu allem eine fundierte Meinung und irgendwann eine Studie dazu gelesen. Wir wollen es eben ganz genau wissen.

Und wenn wir mal nichts dazu zu sagen haben, schweigen wir.

Eine Heidelbergerin sein, heißt also vor allem eine Denkerin, Philosophin und Träumerin sein. Doch unsere Träume sind keine unerfüllten oder schwer erreichbaren, oder gar im romantischen Sinne gemeinten Tagträume. Wir sind dabei sehr bodenständig und richten unsere Aufmerksamkeit einfach nur stärker auf innere Vorgänge.

Wir sind auch gar nicht so romantisch wie alle über Heidelberg sagen. Klar verlieben wir uns sofort in diese Stadt ab der ersten Sekunde unserer Ankunft und zeigen unseren Gästen jedes Jahr aufs Neue die romantischen Plätze dieser Stadt. Wir sind selbst jedes Mal ergriffen von der Schönheit – insbesondere dann, wenn wir gar nicht damit rechnen. Etwa morgens auf dem Weg zur Arbeit, beim Überqueren einer der Brücken: Sonnenaufgang, Nebel über der Altstadt, das glitzernde Wasser, der mystische Wald. Einfach alles! Abends nach Feierabend. Farbenspektakel am Horizont, strahlende Schlossruine, sanft fließender Neckar, leuchtend grüne Bäume. Bei all dem stockt uns der Atem, immer wieder!

Übrigens lieben wir Balkone. Wir würden alles dafür tun, selbst einen kleinen Balkon zu haben. Dafür würden wir sogar ein kleineres Appartement in Kauf nehmen, das ist doch logisch! Dort verteilen wir dann unsere Kräutertöpfe, hängen bunte Lichterketten ums Geländer und stellen die hölzernen Klappmöbel auf. Auf diese Weise holen wir uns den Urlaub nach Hause.

Wir sind gemütlich, tiefenentspannt und verliebt in das Leben! Wir sind aber auch oft nachdenklich, skeptisch und melancholisch. Das sind allerdings Phasen, die wir sehr gut zu nutzen wissen: Wenn wir zweifeln, traurig sind und schlecht schlafen, entwickeln wir neue Ideen, werden aktiv und suchen nach Lösungen. Natürlich sind wir schnell ausgelaugt, weil dieses kreative Stimmungstief ziemlich viel Kraft kostet. Doch nur so kommen wir auf neue Erkenntnisse. Getreu dem Motto, „was uns nicht umbringt, macht uns nur stärker“ gelangen wir genauso zur Gelassenheit und Tiefenentspannung, die uns Heidelbergerinnen oft nachgesagt wird und wir beginnen zu schätzen, was wir haben.

Wir sind nicht uncool, spießig oder trist – auch wenn wir im Vergleich zum Großstadtmädchen eher unsichtbar wirken. Die Heidelbergerin braucht eben keine materiellen Statements, kein offizielles Drama und keine große Klappe (Georgina Fleur, die Ex-Bachelorette und Reality-TV-Promi stellt da eher eine Ausnahme dar). Wir behaupten uns eben mit Köpfchen und daran arbeiten wir so ziemlich das ganze Leben.

Sind wir sexy? Drücken wir es mal so aus: In erster Linie setzen wir auf unseren Verstand. Wir investieren lieber viele Stunden in dessen Ausbildung, als in die perfekte Frisur. Uns ist klar, Wissen macht sexy. Der Rest kommt von alleine!

Manchmal sagt man uns nach, wir wären eingebildet! Begegnet man uns mal auf der Straße, kann es schon mal vorkommen, dass wir nicht grüßen. Wir sind entweder in unsere Gedanken vertieft oder, was noch wahrscheinlicher ist, wir haben einfach unsere Brille nicht auf. Wir sind einfach nur kurzsichtig! Also, bitte verzeiht uns unsere abwesende Art und gelegentliche Zerstreutheit, die vielleicht eine gewisse Arroganz vermittelt. Wir haben einfach nur unsere Brille zu Hause liegen lassen.

Wer uns besser kennenlernt, wird auch feststellen, dass wir manchmal frech und schlagfertig sind. Wir können aber auch charmant sein und man kann immer eine gute Zeit mit uns haben. Bei zwei Gläsern Rotwein erklären wir Dir gerne den Sinn des Lebens oder wir werden die beste Zuhörerin. Suche es Dir aus!

Wir sind Genießerinnen. Sowohl kulinarisch, als auch intellektuell. Zum Beispiel lieben wir Süßes, vor allem, wenn es selbst gemacht ist. Wir nehmen uns selbst gern einen ganzen Sonntagnachmittag Zeit, um für unsere Freunde oder Arbeitskolleg*innen zu backen. Am liebsten verwenden wir dafür frische Früchte: Himbeeren, Heidelbeeren, Zwetschgen oder Äpfel. Auch wir schätzen es sehr, wenn uns jemand etwas Süßes mitbringt, vor allem, wenn es selbstgemacht ist. Es ist eine große Geste, ein Zeichen von Hingabe, Respekt und Freundschaft. So ein süßes Angebot schlägt man natürlich selten aus.

Auch wenn wir Naschkatzen sind, wissen wir, wann genug ist. Wir achten schließlich auf unsere Figur und auf die Gesundheit unserer Zähne.

Der intellektuelle Genuss bezieht sich auf schöpferisches Gestalten bzw. dem künstlerischen Schaffen in jeglicher Form. Sei es Musik, Tanz, Kunst, Literatur, Theater, Sprache oder Poesie. Wir lieben es, uns ein Theaterstück anzuschauen, ins Museum oder auf ein Konzert zu gehen. Wir mögen die besondere Atmosphäre und lassen sie gerne in Ruhe auf uns wirken. Wir genießen es sehr, mit allen Sinnen einzutauchen: Farben, Gerüchte und Töne sind für uns kein Beiwerk, sondern stehen für uns im Mittelpunkt der Betrachtung. Auch wenn wir nicht alles sofort verstehen – wir tun auch nicht so – dennoch bemühen wir uns darum.

Wir sind nicht perfekt. Wir haben Fehler und Schwächen, wie jeder andere Mensch auch. Da ist zum Beispiel unser Perfektionismus und manchmal steht uns unsere Abhängigkeit von Eltern, Wein und Schokolade im Weg. Wir tragen gerne Kleidung mit Blümchen, Punkten und Rüschen, Perlenohrringe und Schleifen – ärgern uns aber gleichzeitig, dass wir dann für niedlich gehalten und nicht ernst genommen werden.

Wir kämpfen genauso mit unseren Pfunden, wie mit unseren Pickeln, Augenringen und unserer Motivation. Wir haben Cellulite, Liebeskummer und laute Nachbarn. Und wir schlafen schlecht, ärgern uns über unseren Professor oder Chef und träumen von einer Flucht in das perfekte Leben– von dem wir natürlich wissen, dass es das nicht gibt – schließlich leben wir bereits auf der Insel der Glückseligen! Wo soll es bitte schön noch besser sein?

Wir wollen so schlau sein wie Svenja Flaßpöhler, so wortgewandt wie Elke Heidenreich, so initiativ wie Michelle Obama und so frech sein wie Caroline Kebekus. Aber wir sind Heidelbergerinnen und das gibt uns jeden Tag die Gewissheit, jemand ganz besonderes zu sein – ganz genau so, wie wir sind.