Philosophisches

Wer Angst hat, hat verloren

Eine wahre Geschichte – erzählt von einer Freundin, die ihre Mittagspause üblicherweise auf dem Philosophenweg verbringt. Sie ist rührend und verstörend zugleich. Sie zeigt uns, was Angst – ein zentrales Gefühl der Machtlosigkeit – bewirken kann, wenn wir sie einfach zulassen und kein Vertrauen ins das Gute aufbringen können. Aber lies selbst…

In der Mittagspause drehe ich die übliche Runde, spaziere am Neckar und gehe den Schlangenweg hinauf. Ich entdecke einen Vogel. Dieser muss sich am Flügel verletzt haben. Er sitzt verängstigt auf dem Boden, zwischen den Mauern gefangen. Kaum entdeckt er mich – ich versuche langsam und vorsichtig an ihm vorbeizukommen – wird er hektisch und versucht trotz sichtlichem Schmerz von der Stelle zu kommen. Er springt, fällt, überschlägt sich mehrmals und alles nur aus Angst, ich würde ihm etwas tun. Ich bin kurz perplex. Ich will doch nur an ihm vorbei. Der kleine Vogel braucht sich nicht zu fürchten. Er setzt sich selbst in Gefahr! Ich schaffe es schließlich, an ihm vorbeizukommen. Ich fühle mich schlecht, mein Herz rast.

Oben auf der ersten Aussichtsplattform, atme tief durch. Ich beiße in mein Brötchen und versuche zu vergessen, was mir soeben passiert ist. Mein Blick schweift über die Dächer der Heidelberger Altstadt. Wunderschön, ein Gedicht! Doch gleich muss ich wieder los, zurück zur Arbeit.

Auf dem Rückweg dann das gleiche Szenario. Dieses Mal versucht der verletzte Vogel in die andere Richtung, die Stufen abwärts, zu fliehen. Er ist sichtlich erschöpft und angeschlagen. Er hat panische Angst, stolpert, überschlägt sich mehrmals, rollte die Treppen runter. Der Vogel hat bereits ein ganz zerzaustes Federkleid. Es ist nass und kalt, er schreit, fällt weitere Stufen hinunter, bis er nicht mehr kann. Er liegt mit dem Rücken auf dem Boden, die Füße zum Himmel gestreckt, starrt voller Angstzu mir nach oben. Unsere Blicke treffen sich, ich zucke kurz zusammen. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Ich habe Mitleid, möchte dem armen Vogel helfen, ihn in die richtige Position drehen, damit er sich wieder bewegen und sich eventuell besser verstecken kann. Hier laufen ja ständig Leute entlang. Ich besorge mir kurzerhand einen Stock und taste mich vorsichtig an ihn heran. Doch der Vogel bleibt panisch, schreit um sein Leben. Ich fühle mich richtig unwohl dabei. Ich will ihm doch nur helfen und denke mir, die Angst des Vogels ist gleichzeitig sein Untergang. 

Schnell gebe ich auf! Ich bemerke, dass sich Spaziergänger*innen nähern. Sie sollen mich bloß nicht dabei sehen, wie ich mit dem Stock nach dem verletzten Vogel … ach, herrje, was für ein furchtbares Bild dies wäre. Ich bin doch keine Tierquälerin. Daher lasse ich den Stock schnell fallen und mache mich wieder auf dem Weg zur Arbeit. Allmählich wird mir klar,

“die Angst des Vogels ist gleichzeitig sein Untergang.” 

Und sehe Parallelen zu vielen Situation im eigenen Leben! Der Mensch ist nicht anders. Meist wird aus einer harmlosen Situation ein schreckliches Szenario erdacht. Und das alles nur, weil Angst geschürt wird. Wir haben Angst vor dem Unbekannten, das uns unsere Freiheit nimmt, vielleicht unseren Besitz angreift, unsere Gesundheit zerstört. Wir fürchten uns vor dem Fremde, aber auch vor dem Neuen und lassen uns oft von unserer Fantasie, von Vorurteilen und Stereotypen und letztendlich von unserer Angst leiten.

Die Angst beherrscht uns Menschen so sehr, dass wir manchmal nicht mehr klar denken können. Doch die Realität lehrt uns oft eines Besseren – vorausgesetzt, wir achten bewusst darauf! Das Leben ist gut und hält uns viele gute Dinge bereit, auch wenn sie nicht auf den ersten Blick danach aussehen. Doch, wenn unser Augenmerk bloß auf die Angst gelenkt ist, wenn wir nicht aufpassen (und uns reinsteigern), kann auch sie vielleicht irgendwann unseren Untergang – im übertragenen Sinne natürlich – bedeuten.