Beruf,  Studium

Studienende. Job- & Sinnsuche

Heute möchten wir über den Übergang von Studium zu Beruf sprechen, und irgendwo auch über den Sinn von Arbeit. Einerseits haben viele von uns das Privileg, den Beruf seiner Wünsche bzw. Stärken und Interessen zu wählen. Wir machen unser Abitur, gehen Studieren und schnuppern in einige Berufe hinein. Bevor wir uns für eine Richtung entscheiden, können wir in der Regel ein paar Jobs ausprobieren und berufliche Erfahrungen sammeln, uns entwickeln und einen Beruf wählen, der zu uns passt. Das ist Luxus und das hat man sonst fast nirgendwo auf der Welt. Uns geht es gut. Un dennoch, müssen wir reden!

Das Studium

Das Studium ist für die meisten von uns eine tolle Lebensphase, in der wir uns entwickeln und das Leben noch etwas entspannter angehen können. Wir ziehen von zuhause aus, stehen das erste Mal auf eigenen Beinen und können noch die ein oder andere Veranstaltung an der Uni sausen lassen, wenn der Abend zuvor etwas länger geworden ist. Wir haben noch genügend Energie, um nach einem langen Unitag noch Freunde zu treffen, bis spät in die Nacht zu lernen oder einen Nebenjob nachzugehen. Uns gehört die Welt! Wir sind neugierig und probieren uns in verschiedenen Dingen aus … besuchen Yogakurse, steigen in den Zug in Richtung Nirgendwo oder machen auch mal eine Nacht durch. Es macht uns nichts aus, wenn die Jeans bereits Löcher hat oder wir uns einen Kaffee am Automaten ziehen müssen (ist billiger!). Wir tragen hauptsächlich Kapuzenpullis, Stoffschuhe und einen Rucksack und sehen irgendwie trotzdem immer cool aus.

Ende in Sicht

Doch auch dieser Lebensabschnitt nähert sich irgendwann dem Ende. Die meisten freuen sich sogar darauf. Warum nicht? Denn ein Studienabschluss bedeutet auch, endlich raus aus der versüfften WG, endlich unabhängig von den Eltern (und den damit verbundenen familiären Verpflichtungen), endlich keine Prüfungen mehr, keine Hausarbeiten, einschläfernde Dozenten, miefige Bibliotheken – und endlich eigenes Geld verdienen!

Der Übergang von Studium zu Beruf ist für die meisten die härteste Phase. Jetzt heißt es, einen Job finden, bevor man aus dem Studentenwohnheim rausgeworfen und bevor die Lücke im Lebenslauf auffällig groß wird.

Roter Faden und wie mach ich´s richtig?

Leider hat man noch wenig Berufserfahrungen vorzuweisen, so dass man sich eigentlich über jede Einladung zu einem Vorstellungsgespräch freuen darf, natürlich abhängig von dem, was man studiert hat. Wir sprechen in dem Fall von dem bzw. der typischen Geisteswissenschaftler*in!

In der Übergangsphase von Studium zu Beruf muss man aufpassen, dass der rote Faden (im CV) erkennbar bleibt, dass die Berufswahl irgendwie zum Studium (und den weiteren Lebensplänen) passt, dass man nicht zu wenig Gehalt aushandelt und dass man nicht in seinem Nebenjob* hängen bleibt. Man sollte nicht das nächst beste Angebot annehmen, aber darf auch nicht zu lange warten.

*Übrigens entwickeln sich Nebenjobs für den und die Studienabsolvent*in oft als erste richtige Vollzeitstelle. Wenn man seine Arbeit gut gemacht hat, kommt es immer wieder vor, dass einem nach Studienabschluss eine volle Stelle im selben Betrieb angeboten wird. Ob das immer gut ist, ist eine andere Frage. Es kommt auf die Stelle an. Man sollte vielleicht nicht mit einem Studienabschluss für immer Tankwirt*in, Verkäufer*in oder Kellner*in bleiben, kann sich aber mit der Zeit hocharbeiten, in leitende Position gehen, mehr daraus machen. Es geht nicht darum, diese Berufe abzusprechen oder als minderwertig zu definieren. Vielmehr sollte darauf achten, nicht zu wenig zu verdienen, was einem spätestens im Rentenalter zum Verhängnis wird. Ein Job, bei dem man jeden Cent zweimal umdrehen muss ist, auf Dauer auch frustrierend, selbst wenn man seinen vermeintlichen Traumjob macht. Traumhaft ist es erst, wenn man finanziell unabhängig ist – und das gilt heute für eine emanzipierte Frau noch viel mehr!

Fehler erlaubt. Nur kein Job-Hopping

Zu Beginn macht man vielleicht Fehler. Das ist vollkommen in Ordnung. Jeder hat einen Joker in Petto und so lässt sich die ein oder andere Fehlentscheidung tolerieren. Doch Job-Hopping im Lebenslauf wird spätestens beim zweiten Anlauf auffällig und unattraktiv. Man könnte schnell als Kandidat*in wahrgenommen werden, die sich wohlmöglich nicht entscheiden kann. Jemand, der oder die nicht lange bleibt und sich die Einarbeitung für die Firma wohlmöglich nicht lohnt.

Im Berufsleben angekommen. Der Wahnsinn beginnt…

Hat man endlich eine Stelle gefunden, bei der man sich zumindest vorstellen kann, hier eine Weile “mitwirken” zu wollen, beginnt der eigentliche Wahnsinn des Berufslebens! Warum? Das wird jeder Berufstätige in Vollzeit spätestens nach ein paar Monaten beantworten können, Sinnkrise (wenn Sie nicht schon während des Studiums oder auf der Suche nach einem Job aufgekommen ist) vorprogrammiert!

Typischer Job-Alltag

Vollzeit in Anstellung bedeutet vor allem eines: Von Montag bis Freitag völlig neben der Spur zu stehen. Keine Zeit, keine Energie, irgendwann auch keine Motivation für Dinge außerhalb der Arbeit. Wie sollte es auch ander gehen? Aufstehen um 6:00 Uhr. Duschen, Kaffee, Ankleiden und raus. Auto, Bus, Bahn … wie auch immer man zur Arbeit kommt, angenehm fühlt sich anders an.

8:00 Uhr, willkommen im typischem Büroalltag. Kurzer Small Talk unter Kolleg*innen, Telefonate, Meetings, Hektik – oft von außen produziert – vorprogrammiert. 12:00 Uhr endlich Mittagspause. Geil. Diese Stunde “Freizeit” verbringt man irgendwo zwischen Supermarkt und Sitzbank im Industriegebiet. Vielleicht in der hausinternen Kantine (herzlichen Glückwunsch!), in der Kaffeeküche (wo es thematisch alles nur um den Job dreht) oder doch am Arbeitsplatz, versteckt hinter seinen zwei Bildschirmen. Das Essen verdirbt einem regelrecht den Magen. Es gibt oft nur Fast Food, “etwas vom Bäcker” oder Pseudogesundes, aufgewärmt in der Mikrowelle. Kaffee, Brezel, Vitamintabletten, Schokoriegel. Vielleicht sogar eine Zigarette. Und gleich darauf wieder viele Stunden am-Bildschirm-kleben. An einem Schreibtisch, der dem Rücken definitiv nicht gut tut, in einem Büro, das viel zu heiß / zu kalt ist, mit Kolleg*innen, die viel zu laut reden und unnötig diskutieren. Konzentration gleich Null. Doch der Chef fragt zum dritten Mal nach, wo der Bericht bleibt, ob Kunde X schon kontaktiert wurde, ob die Präsentation für heut nachmittag steht. Blablabla und es ist erst 15:00! Noch drei Stunden. Wofür nochmal?

Irgendwie schädlich, oder?

Eigentlich sehnen wir uns dieser “Vollzeitstelle” seit wir Denken können, entgegen. In der Schule wurden wir angehalten, “gut zu lernen”, “gute Noten” nach Hause zu bringen (unsere Eltern waren “stolz” auf uns), um auf der Uni wiederum “gute Ergebnisse” zu liefern, um ein “gutes Abschlusszeugnis” zu erhalten, dass uns für einen “guten Job” qualifiziert. Und dann? Sitzen wir den ganzen Tag von acht bis 18 Uhr vor einem Bildschirm, der unseren Augen schadet, arbeiten Aufgabenberge ab, die nicht zu bewältigen sind und sind täglich enormen Druck ausgesetzt, der unserer Gesundheit definitiv schadet.

Natürlich gibt es Tage, an denen uns der Beruf einfach nur Spaß bereitet. Und im Großen und Ganzen arbeiten wir hier gerne. Wir mögen die Herausforderung, die Thematik, mit der wir uns beschäftigen und einige Kolleg*innen sind bereits gute Freunde. Der Weg bis hierher war lang und etwas holprig. Und wir lieben eigentlich das, was wir tun! Un doch haben wir mit Themen und Aufgaben, mit körperlichen Schmerzen, psychischen Belastungen und gelegentlich idiotischen Menschen zu tun, die unseren Beruf manchmal unerträglich machen.

Am Ende etwas Schönes für die Seele

Wir haben es oben schon kurz erwähnt. Egal, wie toll der Job auch ist, wie gut die Bezahlung, die Atmosphäre, die Kolleg*innen oder Aufgabe sein mag, die Anwesenheit von acht Uhr morgens bis ca. 18 Uhr abends macht den Tag an sich (für sich) unbrauchbar. Es fehlt oft die Kraft, nach Feierabend noch etwas Sinnvolles zu tun. Ein Buch lesen? Freunde treffen? Tiefsinnige Gespräche führen? Regelmäßig Sport treiben? Undenkbar, vor allem, wenn man bereits einige Berufsjahre auf dem Buckel hat. Aber genau das braucht es am Ende doch? Ausgleich. Bewegung. Etwas Schönes für die Seele?!?

Die Wochenenden reichen kaum aus, sich wieder vollständig zu erholen. Es fehlt an Schlaf, genügend Bewegung und gesunder Ernährung! An Wochenenden müssen wir oft Aufgaben des Alltags erledigen, die unter der Woche zu kurz kommen: Pakete retournieren, Einkaufen gehen, Wäsche waschen, Bügeln, Pfandflaschen wegbringen, Emails beantworten, Familienmitglieder zurückrufen, Reparaturen im Haus vornehmen, Wohnung putzen etc. Nur die wenigsten, die wirklich konsequent und fokussiert vorgehen, haben eine Chance, alles unter einen Dach zu bringen. Ihr Zeitmanagement ist auf die Minute genau (doch will man das?). Unser Körper ist kein Roboter. Wir haben Bedürfnisse, Gefühle, Emotionen. Wir werden einfach müde und ausgelaugt, egal wie viel Salat wir essen oder wie viel Sport wir treiben. Das Berufsleben hat es in sich und macht uns von Jahr zu Jahr wahrscheinlich ein Stück schwächer, wenn wir nichts unternehmen.

On top

Nicht erwähnt haben wir jetzt Menschen um uns herum, die auch noch mehrere Stunden am Tag Pendeln, sich um ihre Kinder oder sogar um kranke Verwandte kümmern müssen oder selbst an einer Erkrankung leiden. Was passiert dann? Was ist überhaupt noch möglich? Wie machen sie das? Manche opfern ihre wenige Freizeit und Urlaubswochen für Renovierungen, Umzüge, Hausbau. Wo bitte zaubern die sich so viel Zeit herbei? Wir haben doch nur 24 Stunden. Wann schlafen sie? Wann kümmern sie sich um sich?

Sinnsuche 2.0 – wozu das Ganze eigentlich?

Und man fragt sich immer wieder: Wozu mache ich das alles? Hat das alles wirklich einen Sinn? Habe ich all die Jahre gelernt, fleißig studiert, Praktika gemacht, Weiterbildungen absolviert, unbezahlte Überstunden geschoben für … was noch mal?

Den Sinn für´s Leben finden … Philosophen wie Camus zweifeln ja, dass es ihn überhaupt gibt. Wer seinen Tag sinnfrei beschreitet, wird wahrscheinlich glücklicher. Statt von Sinn, sollte man vielleicht eher über Erfüllung sprechen.

Was erfüllt mich? Der Beruf sollte jedenfalls nicht das Leben komplett ausfüllen. Doch was dann? Da war doch was? Arbeiten um zu Leben … richtig?! Das Leben ist viel zu kurz, zu kostbar, zu einmalig, um sein Leben lang nur arbeiten zu gehen. Doch wir verhalten uns so. Leben um zu arbeiten. Wer von uns trifft denn schon regelmäßig unter der Woche seine Freunde? Veranstaltet Kochabende, schwingt sein Tanzbein, lernt eine Fremdsprache und verausgabt sich regelmäßig beim Lieblingssport? Schön wär´s. Der Alltag sieht oft anders aus.

Was ist die Lösung?

Aber eine Lösung zu finden ist fast unmöglich. Das System erlaubt es nicht. Seine Stunden reduzieren können sich nur die wenigsten leisten. Ein Jobwechsel macht in den meisten Fällen nur mehr Arbeit, ohne wirklich eine Lösung zu bieten. Sich selbstständig machen, seine eigene Firma gründen etc. ist unserer Meinung riskant und oft unsinnig. Die meisten stürzen sich in finanzielle Probleme und Abhängigkeiten, über die keiner spricht. Solche sogenannten Newjobs werden lediglich gehypt (und ebenfalls Profit daraus gezogen): Autor*in, Trainer*in, Youtuber*in, Yogalehrer*in, Follower*in, Coach, Auswander*in, Minimalist*in, Aktionär*in, Frugalist*in etc. sind aktuell zwar angesagt, aber mit ihnen lassen sich keine Mieten bezahlen. Also, was ist die Lösung?

Was sind eure Erfahrungen? Das würde uns interessieren!