Philosophisches

Rollentausch – Frauen wie Männer wie Frauen

Ist das so? Sieht die Welt aus der Perspektive der Frau anders aus, als die aus Männeraugen? Und was ist damit gemeint?

Ich hatte kürzlich eine Unterhaltung, mit einem jungen Mann, der mir erzählte, dass er erstmals ein Sachbuch las, dass er nicht verstehen konnte. Er störte sich an “etwas” und wusste nicht genau, was es war. Die Sichtweise? Die Herangehensweise? Die Argumentation? Er stellte schließlich fest, dass es von einer Frau geschrieben war. Lag es vielleicht daran? Hat er überhaupt schon einmal ein (Sach-)Buch von einer Frau in den Händen gehalten, geschweige denn, gelesen? Er hatte offensichtlich Probleme, den Gedankengängen der Autorin zu folgen und fragte nun mich (eine Frau!), woran das liegen könnte.

Ich musste zugeben, dass auch ich bereits in meinem geisteswissenschaftlichen Studium bemerkte, dass die Bücher, die mir die “Welt erklärten”, ausschließlich von Männern geschrieben waren – sogar jene Literatur explizit über Frauen (zum Beispiel Biografien über sie). Achtet mal selbst darauf!

Schon damals ärgerte es mich. Doch kam ich selbst nur schwer an weibliche Literatur während meiner Studienzeit. Ich muss zugeben, ich akzeptierte es damals. Ich lernte das, was als Pflichtlektüre galt und verschob mein Behagen auf später. Jetzt holt es mich wieder ein! Jetzt sitzt mir ein junger Mann gegenüber, der zugibt, wenig mit Frauengedanken anfangen zu können. Das irritiert, verletzt und verwirrt mich zugleich. Wie kann das sein? Warum sind wir – trotz Bemühungen von großen Frauen wie die von de Beauvoir, Woolf und Butler – noch immer unterrepräsentiert, missverstanden, unzugänglich? Frauen schreiben höchstens Romane, Kinder- und Rezeptbücher, könnte man schnell meinen! Sie werden noch immer nicht ernst genommen oder sie haben nicht dieselbe Chance, sich zu wirklich relevanten Themen der Gesellschaft zu äußern. Und wenn sie es tun, werden sie dennoch untergraben.

Schaut mal in eure Regale. Wie viele Bücher sind tatsächlich von einer Frau geschrieben? Wie viele davon sind ernster Natur, die Dir die Welt ein Stückchen zugänglicher machen? Vielleicht wirst auch Du schnell feststellen, dass sie kaum vertreten ist!

Das Thema ist heikel. In diesem Kontext fällt natürlich das Wort Feminismus. Und das hat allerdings einen bitteren Beigeschmack (Stichwort #Gendergap #MeeToo #Kampflesben). Frauen werden aufgrund ihrer Kritik an der Misslage schnell in einen Topf geworfen – und das nicht selten von Frauen selbst. Dabei geht es eigentlich nur darum, gehört oder besser gesagt, gelesen und ernst genommen zu werden. Aber auch im 21. Jahrhundert gibt es genug “Männer” die dies nicht zulassen wollen. Der “allwissende Mann” ist einfach überall (WELT 2019) und meinungsstarke Frauen gelten schnell als “Zicke” (ntv 2018). Auch die aktuelle Corona-Pandemie zeigt die missliche Lage sehr deutlich: Die Berichterstattung wird uns “vom Mann” erklärt. Auffällig ist, dass Frauen hier deutlich seltener als Expertinnen befragt werden (NRD 2020). Und wenn sie einmal zu Wort kommen, wird ihre Expertise einfach untergraben, wie dieses aktuelle Beispiel zeigt:

In der ARTE-Dokumentation mit dem Titel “Coaching – Betrug oder Befreiung?” (08/2020) geht es um den Berufstrend “Coaching” und “Persönlichkeitsentwicklung” im Allgemeinen. Die promovierte Philosophin Julia de Funes hat hierzu eine Streitschrift veröffentlicht, in der sie “Coachings” in Unternehmen untersucht und hinterfragt. Sie trifft in der Sendung auf einen solchen Coach, der sich von ihr angegriffen fühlt. Mal unabhängig davon, worum es inhaltlich auch in der Sendung geht, wird bereits in seiner Körpersprache deutlich, was er von ihrem Ansatz hält. Er fühlt sich sichtlich angegriffen und zeigt seine Abneigung, indem er sich von ihr wegdreht und nur zum Moderator spricht. Er lässt sie nicht ausreden, fällt ihr mehrmals ins Wort und spricht sogar in dritter Person von ihr, obwohl sie anwesend, ja sogar genau neben ihm sitzt.

Was ist das für ein Verhalten? Virginia Woolf und später auch Rebecca Solnit betitelte ein solches Verhalten als Mansplaining – Männer, die herablassend gegenüber Frauen agieren. Und ihnen (den “Dümmchen”) die Welt erklären (Man + Explaining).

Um zurück zur Ausgangsfrage zu kommen: Liest sich eine Frau anders? Und wenn ja, warum hat man das Gefühl, Frauen unterscheiden sich von Männern – etwa in ihrer Ausdrucksweise – wenn sie letztendlich doch auch in einer von Männern dominierten Welt aufgewachsen und sozialisiert wurde? Was genau unterscheidet ihre Texte von anderen?

Auch das, was wir hier denken und schreiben, all das, was wir wissen und meinen zu wissen, wird mit Sicherheit hauptsächlich einer von Männern erdachten Welt entspringen. Das kann man nun einmal nicht (so schnell) ändern. Aber muss oder kann man hier eine klare Grenze ziehen? Worum geht es wirklich?

Wir müssen, wenn es nach Judith Butler ginge, die binäre Sichtweise endlich ablegen. Wir müssten eigentlich sogar die Definition von Mann und Frau überwinden und uns auf das Eigentliche konzentrieren. Das Eigentliche ist hier die Unterpräsenz der Frau (als Stimme, als Denkerin).

Dieser Blog will ein Anfang sein. Margarete Stokowski sagte einmal, “jedes Buch, in dem heute eine Frau ihren eigenen Gedanken folgt, öffnet eine Tür für weitere Autorinnen.” Und das liegt uns allen sehr am Herzen.

Dann wird mein Bekannter hoffentlich bald mehr von uns lesen, sich mit unserem Gedankengut anfreunden und mit mir über den Inhalt reden wollen.

In dem Zuge fällt mir noch ein Film ein, den ich vor einigen Jahren gesehen habe und an dieser Stelle gerne empfehlen möchte. Dass die Männerwelt sehr präsent ist, wird deutlich, wenn wir übertrieben mit dem Finger darauf zeigen. Und das tut der Film (natürlich auf eine ironische und humoristische Weise):

“Je ne suis pas un homme facile” von Éléonore Pourriat – Mit einem Schlag taucht ein Mann in die Rolle einer Frau und andersrum, er begegnet Frauen, die sich wie Männer benehmen. Alles wirkt surreal, obwohl es andersherum inzwischen ganz normal ist. Würden wir uns tatsächlich (wie im Film) wie unsere männlichen Zeitgenossen benehmen, würden wir alle schnell merken, dass etwas nicht stimmt. Aber warum klappt es andersrum? Warum kann ER sich so aufführen? Wer Netflix hat, sollte sich den Film unbedingt anschauen. Hier der Trailer:

Interessiert Dich das Thema? Dann empfehle ich noch folgende Literatur:

  • Rebecca Solnit, Wenn Männer mir die Welt erklären
  • Margarete Stokowski, Untenrum frei
  • Sandra Konrad, Das beherrschte Geschlecht. Warum sie will, was er will
  • Caroline Criado-Perez, Unsichtbare Frauen: Wie eine von Daten beherrschte Welt die Hälfte der Bevölkerung ignoriert 

Kennst Du schon diesen Blogbeitrag? Auch hier findest Du interessante Literatur von Frauen für … die ganze Welt 🙂