Buchtipp

Wasser und andere Welten

Vergesst Buddhas Lehren, vergesst die Religion. Im Wasser liegt die Erkenntnis… so oder so ähnlich drückt es die Kunstfigur Siddharta von Hermann Hesse aus, der diese auf seiner Suche nach Wahrheit, schließlich am Flussufer fand. Dass fließende Wasser lehrt alles, was im Leben wichtig ist, stellt er nach vielen Jahren und Erfahrungen als indischer Brahmane (religiöser Spezialist), später als Asket, als erfolgreicher Kaufmann, Freund und Vater fest.

Eine lesenswerte Dichtung, die mich seither achtsam werden lässt, wenn ich mit meinem Fahrrad morgens am Neckarufer entlang radele, vielleicht etwas unter Stress und in Gedanken an anstehende Arbeitsprojekte oder abends wie immer nachdenklich, gelegentlich grübelnd, jedenfalls nie im Hier und Jetzt. Der Fluss erinnert daran, runter zu kommen, durchzuatmen und in Worten Siddhartas “für einen Moment, Einsicht in die wahre Natur der Dinge” zu haben.

Wasser als Ursituation von Glück, Traum und Gegenwart

Nun soll es hier nicht um den Klassiker von Hermann Hesse (1922) gehen, sondern um eine Neuerscheinung im Februar 2021 des Titels Wasser und andere Welten von John von Düffel (2021) im DUMONT Verlag*. Auch er sieht die Weisheit im Wasser spiegeln:

“Die Faszination für (Wasser) und Schreiben sind meine biografischen Konstanten […] aufs Wasser zu schauen, ist für mich die Ursituation von Glück, von Erinnern, Träumen und Im-Moment-Sein.”

(John von Düffel)

In dem Buch versammelt der Autor und leidenschaftliche Schwimmer zahlreiche Geschichten über das Schwimmen und Schreiben. Die Kapitel haben Bezeichnungen wie Alphabetisierung des Blaus, Quo vadis, Badehose, Passivschwimmen und Wasser lesen lernen. Dieser Ansatz erinnert einwenig an den deutschen Philosophen und Kulturwissenschaftler Walter Benjamin (1892-1940). Denn, dieser unterscheidet sich ebenfalls in seiner Herangehensweise von anderen Denker*innen, indem er Alltagsgegenstände zu seinen philosophischen Untersuchungsobjekten macht. Kein Wunder, schließlich war Benjamin Sohn eines Antiquitätenhändlers und Kunstsammlers und wuchs mitten in der Industriellen Revolution auf.

Wasser in Zeiten von Klimawandel

Von Düffel ist Gegenwartsautor. Der in Göttingen geborene und heute als Dramaturg in Berlin arbeitende Professor für Szenisches Schreiben beschäftigt sich in diesem Buch in gewisser Weise mit dem Erbe der Industrialisierung (=ein dem Einfluss auf das Klima). Wasser ist sein Lebensthema. “Fast alle Probleme im Leben lassen sich durch Schwimmen lösen” ist er überzeugt. Aber was ist, wenn es knappes Gut wird, weil sich das Klima verändert und damit die Natur?

Klimawandel – diese Thematik gibt dem Professor und passionierten Schwimmer den Anlass, heute erneut über Wasser nachzudenken, jedoch weniger politisch, sondern poetisch. Es ist allerdings keine Kampfschrift, kein Fingerzeig oder Anlass zur Freitagsdemo. Es ist die offenbarte, innige Liebe zu einem Element, dass von Düffel seit jeher fasziniert. Mindestens 20 Jahre ist es sein literarisches Thema, und Hobby sowieso. Über die Jahre verfasste von Düffel Bücher mit den Titeln Wassererzählungen, Der brennende See, Vom Wasser und Houwelandt – um nur einige zu nennen – die allesamt (natürlich!) dem Wasser frönen. Dieses Buch ist trotz poetischem Ansatzes mit etwas Skepsis besetzt.

“Und doch ist es heute weder dasselbe Wasser […] Aus meinem Lebensthema ist ein Überlebensthema geworden.”

(John von Düffel)

Poetische Sicht auf das Thema

Ein literarischer Blick auf die Umwelt ist für den Autor nichts Neues. Der unerfahrene*n Leser*in wird aber überrascht sein, wie er dies zusammenbringt. Wie liest sich ein poetisches Buch über Wasser, mit Bezug auf den Klimawandel? Wie passen Dichtkunst mit aktueller Klimapolitik zusammen? Von Düffel gelingt es mit literarischer, ja fast sprachviruoser Vermittlung seines Lieblingsthemas, in das er buchstäblich eintaucht.

Er greift ein Thema auf, was für uns wahrscheinlich “nicht der Rede wert” ist. Was aber ist und kann Wasser? Schon der griechische Philosoph Thales von Milet (625-545 v.u.Z.) war überzeugt, “das Prinzip aller Dinge ist Wasser. Aus Wasser ist alles und ins Wasser kehrt alles ein.” Und wir wissen, Wasser ist lebensnotwendig, wir bestehen aus 70% Flüssigkeit und würden nach nur ein paar Tagen Verzicht tot umfallen.

Wasserstress – auch in Deutschland

Wenn Wasser immer knapper wird, spricht man von Wasserstress. Dem Umweltbundesamt zufolge bedeutet Wasserstress “ein steigendes Risiko für Umweltprobleme und wirtschaftliche Schwierigkeiten”. Und dieser ist nicht nur in Regionen wie Afrika und Indien zu verzeichnen, auch Deutschland leidet bereits in manchen Regionen – zum Beispiel in Hessen oder Brandenburg – unter einem solchen Wasserstress (World Ressouce Institute, WRI). Laut WRI leidet sogar 1/4 der Menschheit in Ländern an Wasserknappheit.

Von Düffel ist dieses Problem bewusst. Er vermittelt die Kostbarkeit, die Einzigartigkeit und Besonderheit dieses Elements durch seine Geschichten. Dabei taucht er selbst tief ein. Im Schwimmen findet er sein Glück und entdeckt die Zeitlosigkeit. “In der Zwiesprache von Wasser und Körper gibt es ein anderes Maß, dass sich einstellt auf den langen, unzählbaren Strecken. Und es macht mich vielleicht nicht besser, aber glücklich, die Zeit zum Verschwinden zu bringen.”

Nebenbei erzählt er von seinem ersten Beruf und seiner besonderen Reise in die Schweiz. Er widmet sich ausgiebig der Intimität von “Bademode” und empfiehlt “Schwimmen als Zweitsprache”. Aber die Hauptbotschaft bleibt eine andere. Er fordert einen anderen Umgang mit dem Rohstoff …

“Die Liebe zum Wasser […] gehört zu dem elementaren Respekt vor unseren Lebensgrundlagen und kann ein Leitfaden sein für einen anderen Umgang mit der Natur. […] Es geht um das richtige Verhältnis von Mensch und Natur, seine Korrektur und Neujustierung.”

(John von Düffel)

… damit wir es wieder zu schätzen wissen, damit sparsamer umgehen. Nach dieser Lektüre dürfte uns Wasser keine Selbstverständlichkeit mehr sein.

Jetzt erst recht sehe ich meinen Weg entlang des Neckars aus einer neuen Perspektive. Ich bleibe am Wegesrand stehen. Mein Blick schweift über den Fluss. Er ist ruhig, manchmal silbrig und oft im Nebel verhüllt. Nachmittags, wenn das Wetter gut ist, spiegelt sich die Sonne darin – so schön, als würde sich auf dem Grund des Bodens der Niebelungenschatz befinden. Und plötzlich die Einsicht: Leben am Wasser ist wirklich ein Geschenk, ja schon fast eine Lebensoffenbarung. Es stellt die direkte Verbindung zur Natur her und verdeutlicht uns die Gesetzmäßigkeit des Lebens: alles fließt – oder in Worten von Düffel: “Wenn ich aus dem Wasser steige [….] bin ich da, wo ich sein sollte. Im Lot.”

Das Buch Wasser und andere Welten von John von Düffel wurde erstmals 2002 im DUMONT Verlag veröffentlicht. Die Neuerscheinung im Februar 2021 wurde komplett vom Autor überarbeitet und aktualisiert. Vielen Dank für die zur Verfügungstellung des Buches. Hier gehts zum Verlag.

Über das Klima nachdenken … das tut auch diese Heidelbergerin, Ayla, bereits eine kleine Berühmtheit, die gerade als Singer-Songwriterin durchstartet. Hier gibt´s das Interview mit ihr: