Buchtipp

Heidelberg – Jahrbuch zur Geschichte der Stadt

Willst Du zuerst die gute oder die schlechte Nachricht hören? Beginnen wir mit der Schlechten: Die Corona-Pandemie wirkt sich leider auch auf die ehrenamtliche Tätigkeit aus. Beispielsweise auf diejenigen, die sich mit viel Mühe und Detailarbeit der Erforschung der Heidelberger Stadtgeschichte widmen.

Nun die Gute: Umso erfreulicher, dass das neue Jahrbuch zur Geschichte der Stadt Heidelberg 2021 trotzdem erschienen ist. Auf diesem Wege kann sich die interessierte Öffentlichkeit den Themen widmen, die ansonsten auch im direkten Kontakt bei Vorträgen, Seminaren und Stadtführungen erfahrbar sind.

Ein Blick ins neue Buch

Das ca. 300 Seiten umfassende Jahrbuch bietet eine Vielzahl an Spezialthemen. Neben Aufsätzen zur Stadtgeschichte sowie Topografie, Bau- und Kunstgeschichte, finden wir auch Miszellen (das sind kleine Aufsätze verschiedenen Inhalts, besonders in wissenschaftlichen Zeitschriften), die Rubrik Quellen, Berichte sowie Rezensionen.

So manch Historiker*in oder Student*in wird hier für die Erforschung eines Themas ein schönes Fundstück finden

Zu den Autor*innen zählen Professor*innen, Historiker*innen, Politikwissenschaftler*innen, Lehrer*innen im Ruhestand, Student*innen, Schüler*innen und viele weitere Ehrenamtliche mit verschiedensten Ausbildungshintergründen.

Herausgegeben wird das Jahrbuch vom Heidelberger Geschichtsverein zu dessen Redaktion unter anderem der bekannte Heidelberger Historiker Prof. Dr. Frank Engehausen gehört sowie zum Vorstand der Altstadtrat Hans-Martin Mumm (ehemaliger Kulturamtsleiter der Stadt Heidelberg).

Man sieht: In dieses Jahrbuch können es nur die besten Aufsätze schaffen

Den Schwerpunkt des Jahrbuchs bildet das 20. Jahrhundert. Im Rahmen dieser Rezension sollen ein paar Themen beispielhaft hervorgehoben werden, um dazu zu ermuntern, das ganze Jahrbuch zur Hand zu nehmen.

Beispiel 1: Warum Eppelheim NICHT zu Heidelberg gehört. Eine Spurensuche

Prof. Dr. Frank Engehausen untersucht „Die Nicht-Eingemeindung Eppelheims nach Heidelberg“ und das ist eine echte Detektivsarbeit: So kann man bei ihm lesen, dass eine Eingemeindung Eppelheims nach Heidelberg nicht nur in den 1970er Jahren thematisiert wurde, sondern bereits 50 Jahre früher. Wichtige Informationen zu den Diskussionen in der 20er und 30er liefert ein Quellenfund im Jahr 2019 aus dem Eppelheimer Rathaus. Diese Dokumente wurden auf dem Rathausdachboden gefunden – also ab und zu mal “saubermachen”, schadet nie! Wer weiß, auf welche spannende Quellen man da sonst noch stößt!

Beispiel 2: Die zufällige Entdeckung einer Kirche

Florian Schmidgall geht in seinem Aufsatz „Die ´Nothkirche´ im Innenhof der Hauptstraße 22“ auf die Biografie eines Gebäudes” ein. Das ehemalige römisch-katholische Kirchengebäude beinhaltet heute die Ausstellungsräume des Deutschen Verpackungsmuseums. Die Biographie des Gebäudes als Kirche umfasst einen Zeitraum von ca. 150 Jahren.

Und so kam´s dazu: Während der Zeit des „Kulturkampfes“ wurde diese Notkirche für papsttreue Katholiken eingerichtet. Etwas später gründete sich dann auch die alt-katholische Gemeinde in Heidelberg. Nach der Nutzung als Kirche wurde das Gebäude ab Beginn des 20. Jahrhunderts als Geschäftsraum für Lederwaren, Korb- und Spielwaren verwendet. Erst bei aufwändigen Sanierungsarbeiten in den 1990er Jahren wurde dann wiedererkannt, dass es sich bei diesem Gebäude um eine Kirche handelte. Die baulichen Änderungen hatten dazu geführt, dass man dies gar nicht mehr so wahrnehmen konnte. Anschließend wurde das Gebäude umfassend saniert. Seit 1997 ist das auf Spendenbasis finanzierte Privatmuseum Deutsches Verpackungsmuseum dort ansässig. Hier kann man sich die kulturhistorische Bedeutung der Marken- und Warenverpackung anschauen.

Beispiel 3: Ein verräterisches Foto mit wichtigem Hinweis

Hans-Martin Mumm berichtet über „Ein neu entdecktes Foto der alten Hauptpost Rohrbacher Straße 3“. Auf diesem in einem Nachlass entdeckten Foto ist erstmals auch die vollständige Nordfassade zur Kleinen Plöck zu sehen. Der gesamte Gebäudekomplex hat dadurch eine ganz andere Wirkung. Das Foto entstand vermutlich vor 1885, bevor das nördlich angrenzende Grundstück bebaut wurde. Insbesondere der Verlust durch den Abriss des Gebäudes im Jahr 1974 wird dadurch ersichtlich. Um das Foto in einen Kontext zu setzen, hat Herr Mumm die Geschichte des Fernmeldewesens in Heidelberg aufgearbeitet und sich dabei hauptsächlich auf eine Auswertung der Adressbücher der Stadt Heidelberg gestützt. Er beschreibt die Zeit des Baus der Hauptpost von 1882 bis 1885, das Gebäude und seinen Architekten. Zudem die Erweiterungen, Verlagerungen und den Abriss 1974. Den Abriss des Gebäudes bedauert der Autor, da hier eine öffentliche Einrichtung mit gewisser Größe und Qualität verloren gegangen ist.

Resümee

Es ist schon sehr interessant mit der Geschichte und der Geschichtsschreibung: Sobald man sich in ein neues Thema vertieft, das einem vorher völlig unbekannt war, kann hieraus ein neues Interesse und vielleicht auch ein neues Hobby entstehen!

Erfahre hier mehr über die Jahrbücher zur Geschichte im Kurpfälzischen Verlag* (es ist ebenfalls möglich, auch die älteren Auflagen zu erhalten, bei Interesse einfach beim Verlag anfragen).

*Herzlichen Dank für die gute Zusammenarbeit und das Rezensionsexemplar.