Buchtipp,  Über Heidelberg

50 x Heidelberg. Eine spannende Zeitreise durch die Stadtgeschichte

Das wunderbare an der Stadt Heidelberg ist, dass sie sowohl als gegenwärtiger Ort, als auch als historische Stätte unglaublich interessant ist. Das findet auch der Literaturwissenschaftler, Historiker und Journalist Georg Patzer, der eine spannende Zeitreise durch die Stadtgeschichte unternimmt und seine Entdeckungen im neuen Buch 50 x Heidelberg vorstellt (2020 erschienen im Silberburg Verlag)*.

Von der Steinzeit bis in die Wilden 1970er – 611.000 Jahre auf 120 Seiten! Das klingt nach einer Spritztour im Bugatti Chiron, mit 500 PS durch die Zeitgeschichte! Ist das überhaupt möglich? Patzer sagt schließlich bereits im Vorort, in Bezug auf ein Zitat von Loeben, dass Heidelberg sich (natürlich) nicht kurz beschreiben lasse, “man muss nur seinen Namen nennen und dann schweigen”.

Man findet heute noch Relikte aus dieser Zeit

Zum Glück aber schweigt er nicht, sondern schreibt. Beschreibt den sagenhaften Fund von Maurer bei Heidelberg, den Homo heidelbergensis (609.000 v.u.Z.), oder das, was noch von ihm geblieben ist. In der Jungsteinzeit, als sich hier die Römer und Kelten breit machten (um 5.000 v.u.Z.), wurde die Region um Heidelberg langsam besiedelt. Man findet heute noch Relikte aus dieser Zeit: Steinpfähle, Keramiken, und Bauwerke, die man zum Teil noch in der freien Landschaft oder im Kurpfälzischen Museum betrachten kann. Da fällt mir dieses Video von meiner Heidelberger Freundin, Historikerin und Archäologin Deborah Pape ein, was dies gut veranschaulicht:

Leider ist uns alles, was dazwischen und die nächsten 6.000 Jahre passiert ist, nicht wirklich bekannt. Aber umso spannender wird´s ab dem 11. Jahrhundert: Patzer erzählt von Persönlichkeiten wie Adelheid (Erbtochter von Otto I. von Weimar und Orlamünde) und Agnes (Cousine des Kaisers Heinrich VI. und heimliche Ehefrau von Heinrich V.).

Von der ersten bis zur tausendfachen Erwähnung

Die Stadt Heidelberg wird 1196 (n.u.Z.) erstmals erwähnt, das Schloss erst 500 Jahre später. Wir erfahren im Schritttempo – Anschnallen also nicht nötig – was es mit dem Codex Manesse auf sich hat (1300-1340), von der Universitätsgründung 1386 (und somit die älteste Uni Deutschlands), von Oswald von Wolkenstein und Martin Luther. In Heidelberg verteidigt Luther seine Rechtfertigungslehre in vier Leitsätzen und prägt damit zahlreiche Theologen, die die Reformation von hier in ganz Süddeutschland fortführen. Die Kurpfalz wird kurz darauf evangelisch (1556) und Heidelberg romantisch.

1616 wird der berühmte sogenannte Hortus Palatinus (pfälzische Garten) am Heidelberger Schloss angelegt – der als achtes Weltwunder in die Geschichte eingeht. Vier Jahre später folgt der Dreißigjährige Krieg, der auch Heidelberg in die Mangel nimmt (am Ende leben hier nur noch 300 Menschen). Natürlich erfahren wir von der wohl berühmtesten Heidelbergerin Liselotte von der Pfalz, die einen Weltrekord im Briefeschreiben aufstellen könnte (1652-1722) und vom schwer in die Stadt verliebten Dichter Hölderlin (1770-1843).

Heidelberger Romantik

Die Heidelberger Romantik ist nun voll im Gange und sorgt für Heidelbergs überregionale Popularität. Und diese beiden Herrschaften waren so etwas wie die Marketing-Spezialisten und Influencer der damaligen Zeit: Achim von Arnim (1781-1831) und Clemens Bretano (1778-1842). Die beiden Schriftsteller waren Freunde und gründeten eine Gruppe, die den Knaben Wunderhorn, eine Sammlung von Volksliedern, herausbrachten. Später kamen noch Joseph Görres, Johann D. Gries, Caroline Rudolphi, Friedrich Creuzer, Caroline von Günderode und die Brüder Eichendorff hinzu.

Auch Johann W. von Goethe, Ludwig von Feuerbach und Robert Bunsen werden hier portraitiert. Die Industrialisierung ist übrigens schon voll im Gange: 1840 bekommt Heidelberg einen Bahnhof, zehn Jahre später gibt´s die ersten Druckmaschinen und 1885 die erste Straßenbahn. Anna Blum, Mark Twain und Max Weber gehören fest zum Heidelberger Inventar, wie auch Richard Benz, Maria von Graimberg und Hans Prinzhorn.

Weltkriege und danach

Was passierte in Heidelberg während des Ersten und Zweiten Weltkriegs? Zwei Kapitel, die man lieber überspringen möchte, wenn wir ehrlich sind. Dennoch ist die Auseinandersetzung notwendig, um zu verstehen, warum ausgerechnet in Heidelberg eine richtige Denkrevolution startete, dessen Vertreter*innen sich sowohl politisch, philosophisch, als auch ethisch, gesellschaftskritisch und rechtlich mit dem Warum auseinandersetzen. Zu erwähnen ist der Heidelberger Gustav Radbruch, Karl Jaspers oder Hilde Domin.

Georg Patzer beendet die Zeitreise mit einem Portrait zu Marie Marcks (1922-2014), eine Karikaturistin der Süddeutschen Zeitung. Die Alleinerziehende hatte alles andere als ein leichtes Leben, weshalb sie das Thema Feminismus prägte, vorantrieb und so für mehr Gleichberechtigung sorgte.

Fazit: So wichtig ist Stadtgeschichte

Das Buch zeigt – auch dank der vielen Abbildungen – warum Heidelberg das ist, was die Stadt heute ausmacht. Ohne ihre Geschichte, die politischen Zerwürfnisse, die Machtstrukturen, Eroberungen und Religionsverhältnisse, aber auch ohne der Mythologisierung, Romantisierung und in gewisser Weise auch “Verzauberung” durch die Dichter und Denker, ohne die Wissenschaft und Forschung, die kleinen und großen Revolutionen, hätten wir nicht das Heidelberg, was wir heute so sehr schätzen.

Wir hätten keine so schöne Schlossruine, keine Alte Brücke oder Thingstätte (eigentlich ein Nazi-Erbe). Unsere Stadt wäre ein paar Kirchen ärmer und hätte ein paar Besucher*innen weniger. Der erste Reichspräsident wäre dann wohl kein Heidelberger (Friedrich Ebert) und große Denker*innen wären womöglich in Mannheim stecken geblieben oder gleich nach Frankfurt oder Stuttgart weitergereist.

Aber wir können von Glück sprechen, dass Heidelberg schon immer eine magische, ja fast mystische Anziehungskraft auf die Menschen jeder Epoche ausgeübt hat und die meisten stets darum bemüht waren, diesen Zauber zu erhalten. Wie Georg Patzer schließlich bemerkte,

“gab es in Heidelberg Einzelne, die Erstaunliches geleistet haben […] (i)mmer wieder auch einflussreiche Gruppen […], Wissenschaftler, fortschrittliche Juristen, Literaten […] Die Liste ließe sich lange fortsetzen.”

Der Autor möchte mit diesem Buch zu einer weiteren Beschäftigung mit den einzelnen, herausragenden Persönlichkeiten anregen. Denn, “(h)ier haben die Söhne und Töchter der Stadt mehr geleistet als auf allen anderen Gebieten.”

Wer Heidelberg kennenlernen will und an der Stadtgeschichte interessiert ist, fährt bereits sehr gut mit den 50 ausgewählten Beispielen. An dieser Stelle, herzlichen Dank an den Silberburg Verlag, der das schöne Exemplar zur Verfügung gestellt hat.