Buchtipp,  Studium

Noise. Was unsere Entscheidungen verzerrt

Vor gut zehn Jahren hielt ich das 630-seitige Buch Schnelles Denken, langsames Denken von Daniel Kahneman in den Händen und dachte, damit habe ich erst einmal was zu tun. Der israelisch-US-amerikanische Psychologe, Nobelpreisträger und Hochschuldozent erklärt darin, wie menschliches Verhalten “funktioniert”. Ja, er benutzt tatsächlich mechanisches Vokabular, um etwas sehr humanes zu erklären. Kahnemann spricht von zwei (Denk)Systemen, die bestimmen – je nachdem, welches wir benutzen – warum, wie und wann wir bestimmte Entscheidungen treffen. Und die sind alles andere als berechenbar! Kahneman bot damit eine interessante Herangehensweise und neue Sichtweise auf das menschliche Verhalten.

Was unsere Entscheidungen verzerrt

Nun liefert er mit seinem neuen Buch Noise: Was unsere Entscheidungen verzerrt – und wie wir sie verbessern können (im Mai 2021 im Siedler Verlag* erschienen) – bereits jetzt ein Bestseller – zusammen mit den Autoren Olivier Sibony und Cass R. Sunstein eine neue, spannende Erklärung für die Frage nach dem WARUM. Warum also treffen wir, je nach Umstand und Situation, unterschiedliche Entscheidungen, obwohl es dieselbe Ausgangslage ist.

*für die Einsicht in das neue Werk NOISE von Kahneman et al. vonseiten des Verlags bedanken wir uns.

NOISE und seine Bedeutung

Die englische Originalbezeichnung “Noise” (Lärm, Krach, Geräusch) lässt sich in dem Sinne mit “Störgeräuschen” übersetzen. Kahnemann et al. gehen auf die vielen verschiedenen (negativen) Einflüsse auf unsere Entscheidung ein.

Auch dieses Buch ist mit seinen 480 Seiten nichts für die Hosentasche und gleichzeitig aufgrund seiner abstrakten, hochwissenschaftlichen Ausdrucksweise nicht als Bettlektüre geeignet. Dennoch lockern die vielen Beispiele, mit denen nicht gespart wird, das Buch auf.

Zwei Fehler, gleich zu Beginn

Die Intro beginnt gleich mit einer Metapher (“Schießübungen”), zieht sich auf 16 Seiten, welche zwei wesentliche Urteilsfehler in Hinblick auf Verzerrungen (“Bias”) beschreibt. Soweit so gut. Im darauf folgenden Abschnitt (Teil 1) geht es um die Entdeckung eben dieser Störfaktoren im Alltag. Kahnemann et al. haben hierfür das “Lotteriespiel” als Beispiel hinzugezogen.

Spätestens jetzt weiß man, dass es sich bei Noise/ Störgeräusch nicht um den physischen Lärm handelt, sondern um eigentlich zufällige und unerwünschte Einflüsse (Noises) auf unsere Entscheidungen.

Richtlinien statt Bauchgefühl

So spielt zum Beispiel die Uhrzeit eine wesentliche Rolle, wie man sich entscheidet. Manchmal neigt man zu schnellen, unüberlegten Handlungen. Kahneman betont, dass die Welt von jedem Individuum unterschiedlich wahrgenommen wird. Deshalb brauche es allgemeingültige “Richtlinien” statt Intuition bzw. Bauchgefühl. Denn, wieso kommen zwei Expert*innen mit derselben Information, zu komplett anderen Schlussfolgerungen, fragt sich der Autor.

Sechs Abschnitte: von der Theorie zum Ratschlag

Das Werk ist insgesamt in sechs Abschnitte eingeteilt. Teil 2 geht in die Tiefe. Der Abschnitt mit dem Titel “Unser Intellekt ist ein Messinstrument” befasst sich mit unseren Urteilen und wie man Fehler messen könnte. Teil 3 wird noch einmal stark theoretisch. Es geht um “Noise in prädiktiven Urteilen” und zielt auf die Absehbarkeit bzw. Berechenbarkeit unseres Denken und Handeln ab. Spannend ist der vierte Teil. Hier geht es um die Entstehung von Noise. Kahneman greift zum Beispiel die Heuristiken auf, die man schon aus seinem Schnelles Denken, langsames Denken kennt. Was also sind die Muster, die Quellen von Noise, die unsere Urteilsbildung stören oder negativ beeinflussen? Teil 5 ist der praktische Abschnitt, jener mit Ratschlägen und Anwendungsoptionen. Kahneman et al. sprechen hierbei von “Entscheidungshygiene”, von gezielter Steuerung des Informationsflusses und Selektion und Aggregation bei Prognosen. Und schließlich geht es im sechsten Teil um das Optimale – mit Plädoyer für eine Welt mit weniger Lärm.

Fazit

Den Autoren dieses sehr umfangreichen Werkes, dass sicherlich auch kürzer gefasst werden könnte, geht es schließlich darum, “Störgeräusche” des Alltags zu verstehen und zu lernen, mit ihnen umzugehen. Auf diese Weise können wir langfristig bessere Entscheidungen treffen.