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Rezension Nichts kaufen, alles haben

Wäre es nicht toll, wenn man nichts mehr kaufen müsste und doch alles hat? Wenn man sich all das Geld sparen könnte und doch alles das tut, worauf man im Leben Lust hat?!?

Es ist zu schön, um war zu sein. Und dennoch bemühen sich immer wieder Menschen auf der ganzen Welt, einen Weg zu finden, nachhaltig zu leben, konsumfrei und dennoch großzügig. Schließlich muss man die Dinge, die man im Leben benötigt, nicht immer gleich besitzen. Man muss nicht kaufen, um zu haben und erst recht nicht konsumieren, um zu sein.

Von der Theorie in die Praxis

Der Gedanke ist nicht schlecht. Aber wie sieht die Praxis in einer Welt aus, in der Kleidung, Kosmetik und Elektroartikel eben doch eine wesentliche Rolle nicht zuletzt im erfolgsorientierten Berufsleben spielen. Wie soll das anders funktionieren? Sollen wir künftig ungeschminkt zur Arbeit gehen, im ausgewaschenen T-Shirt zum nächsten Date, Geburtstag oder Vorstellungsgespräch? Ist es wirklich ratsam, ein Handy, dessen Software nicht mehr aktualisiert werden kann, so lange zu benutzen?

Langlebigkeit nicht erwünscht

Unsere Wirtschaft ist inzwischen sehr raffiniert: viele unserer Konsumgüter sind gar nicht mehr darauf ausgelegt, so lange wie möglich zu funktionieren. Sie sind so gebaut und ausgestattet, dass sie bald wieder erneuert und ausgetauscht werden müssen. Einweg, Wegwerf, One season & To go. Früher baute man den Computer auseinander und wechselte einfach die Festplatte aus. Heute beträgt die Lebensdauer eines neuen Gerätes gerade Mal sechs (maximal 10) Jahre. Die Reparatur eines Druckers lohnt sich oft gar nicht, weil das neue Gerät als Neuware viel billiger ist. Unsere Blusen, Shirts und Kleider tragen wir doch keine fünf Jahre. Man kann sie nach einem Jahr höchstens noch zum Streichen oder als Nachthemd verwenden. Und wie lange hält unser Smartphone? Das letzte wurde doch erst kürzlich gegen ein neueres Modell getauscht (obwohl wir uns doch fest vorgenommen haben, es länger zu behalten).

Noch viel zu tun

Eigentlich wissen wir es besser. Und wir wollen es endlich besser machen. Unsere Kollegin weisen wir gerade darauf hin, dass ihre Blaubeeren, die sie vom Supermarkt hat, unter widrigsten Bedingungen in Spanien angebaut werden, dabei fahren wir gemeinsam mit Freunden am Wochenende nach Italien – jedes Paar im eigenen PKW versteht sich, weil wir doch alle so flexibel bleiben müssen. Wir posten Bilder von unserem Kaffee bei Insta – natürlich im Mehrwegbecher – und vergessen dabei die Plastiktüte, in der unsere Kekse eingewickelt sind. Ups. Das können wir besser!

Wie sollen wir es der Welt nur recht machen? Wie können wir uns in einem gesellschaftlich angemessenen Rahmen bewegen, ohne gleich als Freak abgestempelt zu werden oder einen psychischen Schaden davon zu tragen? Wir wollen nicht ignorant aber auch nicht pedantisch, nicht egoistisch und auch nicht super ängstlich sein. Wir wollen dazugehören und mitreden. Gleichzeitig wollen wir nicht abgehängt oder benachteiligt werden, nur aufgrund dessen, dass wir uns bestimmte Dinge nicht (mehr) leisten (wollen).

Haben es selbst in der Hand – zumindest wir

Nicht kaufen, alles haben – das ist auch der Unterschied zu jenen, die es nicht können. Wir haben die freie Entscheidung. Wir können uns aus freien Stücken zu einem konsumfreien und nachhaltigen Leben entscheiden, aber eben nur, weil es Menschen da draußen gibt, die diese Strukturen weiter aufrechterhalten. Wir dürfen das nicht vergessen. Derartige minimalistisch orientierte Gedanken können schnell zu Luxusproblemen konvertieren. Prinzipiell ist der minimalistische Ansatz toll und erstrebenswert: Weniger ist mehr. Plastikfrei, Local travel, Slow food und Share Economy. Mieten statt kaufen, tauschen statt besitzen, geben statt nehmen. Minimalistisch ist aber nur hilfreich (für uns und unsere Umwelt), wenn wir das Leben tatsächlich damit vereinfachen, Erfüllung finden, weniger Schaden anrichten, dankbar bleiben und uns mit unseren Mitmenschen vernetzen. Wenn wir dadurch lernen, die Dinge und Menschen um uns herum wertzuschätzen und das zu genießen, was bereits ist.

Gebrauchsanweisung – in 7 Schritten

Im Buch von Liesl Clark und Rebecca Rockefeller werden sieben Schritte gezeigt, wie ein solches großzügiges Leben funktioniert, ohne einen Cent auszugeben. Sie spielen auf die sogenannte BUY-NOTHING-Bewegung an, der beide Autorinnen angehören. Die Autorin Liesl Clark ist außerdem preisgekrönte Filmemacherin und hat unter anderem für National Geographic Wissenschaftsdokumentationen gedreht. Rebecca Rockefeller hilft Künstler*innen und Non-Profit-Organisationen als Social-Media-Beraterin zu mehr Sichtbarkeit im Netz.

Im Buch geht es den beiden im Wesentlichen um 1. Geben, 2. Bitten, 3. Wiederverwenden, 4. Nachdenken, 5. Selbstmachen, 6. Teilen und 7. Dankbeisein (=7 Schritte). Und das aktuelle, ins deutsch übersetzte Buch Nichts kaufen, alles haben (Goldmann Verlag) will auf ca. 350 Seiten genau dazu anleiten. An dieser Stelle, vielen Dank für das Rezensionsexemplar.

Für wen ist das Buch?

Gehörst Du zu den Menschen, die nicht mehr genau wissen, wo das gelbe Sommer-T-shirt liegt? Oder noch besser, wie viele T-shirts sich überhaupt im Schrank befinden? Bist Du jemand, der oder die shoppt, um sich von etwas anderem abzulenken und ständig etwas Neues braucht, weil Dich Dinge schnell langweilen? Gleichzeitig fühlst Du Dich entfremdet oder gar einsam? Verbringst viele Stunden (ungewollt) allein, schaust Serien und wünschest, das wäre Dein aufregendes Leben?

Das Buch hat viele Beispiele und ist sehr alltagsbezogen. Es greift gleichsam moralische Themen auf, etwa die der Nächstenliebe und Dankbarkeit. Es zeigt uns wunderbare Situationen, in die wir automatisch kommen, wenn wir aufhören zu kaufen. Wir müssen fragen, bitten und leihen – ohne dabei unser Gesicht zu verlieren. Schnell gehören wir zu denjenigen, die lieber selbst schenken, reparieren und teilen, weil es sich eben so unglaublich gut anfühlt! Wir hören besser zu, finden Gefallen am Selbstmachen und nehmen unsere Mitmenschen wieder stärker wahr.

Besonders interessant sind die Abschnitte “Eine Buy-Nothing-Hochzeit”, “50 Dinge die wie nie mehr kaufen” und “das höchste Geschenk”. Nein, es sind keine Pseudotipps oder esoterischen Überlegungen. Aber das Buch hat jetzt auch keine super neuen Ansätze, die man noch nie gehört hat (vor allem, wenn man sich mit dieser Thematik schon eine Weile beschäftigt). Im Vordergrund steht die Vorstellung der bereits genannten Buy-Nothing-Bewegung, zu der eingeladen wird, sich ihr anzuschließen.

Fazit

Nichts kaufen, alles haben ist natürlich eine reißerische und provokante Headline. So ganz ohne Konsum geht es natürlich nicht – und will man persönlich vielleicht auch nicht. Konsumieren im gewissen Rahmen macht ja auch Spaß und ist notwendig, um vielleicht die konsumfreien Dinge überhaupt realisieren zu können (wer seinen Garten bepflanzen, ein Brot backen, ein Tiny House bauen, jemandem eine Freude bereiten will etc., braucht Utensilien und muss Geld ausgeben). Und warum sonst sollte man Arbeiten gehen, wenn nicht deshalb, um Geld zu verdienen?

Der Ratgeber bietet viele kleine Denkanstöße, mit interessanten und wichtigen Tipps und einer Message, die Mut macht, auch alternative Wege (zum Konsum) zu finden. Denn, man kann dieses Geld ja auch sinnvoll(er) einsetzen. Es ist wichtig, in unserer Gesellschaft darüber nachzudenken und sich natürlich weniger über Materielles zu definieren. Gleichzeitig kann ein solch derartiger Luxusgedanke wie Nicht-Kaufen-müssen nur funktionieren, wenn es immer noch Menschen gibt, die gewisse Strukturen aufrechterhalten. Es geht natürlich vieles auch anders (siehe Länder wie Bhutan), aber dann müssen wir den Preis auch dafür zahlen und bereit sein, ein ganz anderes Leben zu führen. Die Frage ist, können und wollen wir das – wenn wir nicht einmal auf unseren jährlichen Urlaub verzichten können, wie die aktuelle Pandemie deutlich zeigt?! Oder schaffen wir alle am Ende ein bisschen WENIGER, um MEHR daraus zu gewinnen?! Ein Versuch ist es wert.