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Klaus von Beyme. Werkbiografie

Wer kennt ihn nicht?!? Den alten, und doch junggebliebenen Professor auf seinem Fahrrad durch die Heidelberger Altstadt. Ein kreativer, ein wissbegieriger und intellektueller Mann, bei dem jede Vorlesung (leider nur noch bis 2018) eine Bereicherung fürs Leben bedeutet! Dieser Professor gehört zu den wichtigsten Gesichtern Heidelbergs und er ist inzwischen so etwas wie eine Legende. Jetzt ist eine Werkbiografie im Springer Verlag* von der Wissenschaftlerin Isabelle-Christine Panreck über ihn erschienen. Die Rede ist vom Politikwissenschaftler Prof. Klaus von Beyme. Aber fangen wir von vorne an…

Bedeutendster deutscher Forscher

Klaus von Beyme gehört zu den bedeutendsten deutschen Forschern im Bereich politische Theorien und Vergleichende Regierungslehre und machte sich über Europa hinaus einen Namen. Seine Werke wurden in viele Sprachen übersetzt (und das waren nicht wenige). Eines seiner größten Talente ist eben das Schreiben, außerdem Gärtnern und Malen.

Auch interessant: das wohl kürzeste Interview der Welt mit Prof. von Beyme in der RNZ (02/20).

Die Werkbiografie von Panreck zeigt gleich Dreierlei: Sie verknüpft sein politikwissenschaftliches Werk mit biographischer Erfahrung und zeithistorischen Umständen. Zudem wird von ihr untersucht, in welchem Kontext und mit welcher Wirkung sich die Produktion von Wissen im Werk von Beymes vollzieht. Das ist nicht nur hochaktuell, sondern spannend – selbstverständlich auch für Nicht-Politolog*innen.

Privat und beruflich

Die Leser*innen erfahren interessante Aspekte und Anekdoten sowohl aus dem privaten als auch aus dem beruflichen Leben eines Mannes, der bald sein 87. Lebensalter erreicht. So war bereits sein Großvater ein bekannter Professor (Bereich Ökologischer Landbau/ Weizenzucht).

Von Celle nach Heidelberg

Den jungen von Beyme aus Saargau (Niederschlesien, heutiges Polen) interessierte daher schon früh das Leben eines Professors in der Stadt. Aufgewachsen ist er in Celle (Niedersachsen). Hier hat er nach dem Abitur noch eine Ausbildung zum Verlagsbuchhändler angehängt, bevor es ihn für ein Jurastudium nach Heidelberg verschlug. Nicht Rechts- sondern Politikwissenschaft war schließlich das Fach, dass ihn begeisterte.

Schnell wieder in Vergessenheit geraten?

Seine persönliche Geschichte wirft auch immer wieder allgemeine Fragen zum Sinn des Lebens und zur Rezeption von Wissenschaftlern und ihre Wirkung auf. Offensichtlich bedauert er, dass zu Lebzeiten bekannte Wissenschaftler*innen nach nur wenigen Jahrzehnten wieder in Vergessenheit geraten. Ob von Beyme gerne wissenschaftlich unsterblich wäre? Er denkt allerdings in eine andere Richtung: persönlich schließt er einen Freitod als selbstbestimmte Antwort auf eine schwere Krankheit nicht aus. Solche und andere Fragen werden in der Werbiografie aufgegriffen.

Man erfährt hier über die damals einfache Lebensweise. Es gab nicht einmal fließend Wasser im Haus, allerdings schrieb er Bücher wie am Fließband.

Zudem erfahren die Leser*innen von den Turbulenzen während der Anfangszeit der Professur sowie seiner einfachen Lebensweise in den 1960er Jahren, in denen er nicht einmal fließendes Wasser im Haus hatte, allerdings Bücher wie am Fließband schrieb. Damals gab es keine Ablenkung in Form von digitalen Medien und auch die Manuskripte wurden noch per Hand verfasst. Es gab Zeit und wenig Ablenkung. Vielleicht liege es auch an den digitalen Medien, dass die heutige Generation oft nicht an die Quantität und Qualität der 1970er und 1980er herankommt.

Professor unfehlbar?

Interessant ist wahrscheinlich vor allem für aktuell Studierende der Politikwissenschaft, dass auch eine Koryphäe wie Klaus von Beyme nicht unfehlbar ist. So werden ihm in den Gutachten zu seiner Dissertationsschrift und Habilitation begriffliche Unschärfe und weitere Mängel vorgeworfen. Auch einer seiner bekanntesten Schüler, der Nachfolger seines Lehrstuhls, Manfred G. Schmidt, wirft von Beyme bei einem Werk methodische Mängel vor. Der Disput wird in einer Fachzeitschrift fortgeführt. Von Beyme allerdings gelingt es mit Eloquenz und Metaphern jegliche Kritik zu entkräften. Wobei fraglich bleiben darf, ob man seine Methodik mit einer passenden Metapher wissenschaftlich legitimieren kann.

Wirken

Festzuhalten zum politikwissenschaftlichen Werk von Beymes ist, dass er zur Internationalisierung des Faches sowie zur Bekanntheit des Heidelberger Instituts für Politische Wissenschaft (IPW) wesentlich beigetragen hat. Er hat knapp 20 Editionen, 50 Monographien und etwa 500 Aufsätze verfasst (hier ein kleiner Überblick seiner Publikationen der letzten Jahre).

Interessen

Von Beyme ist ein Generalist und forscht zu fast allen politikwissenschaftlichen Themen: von vergleichender Untersuchung der Regierungssysteme in Europa (inbesonderes des ehemaligen Ostblocks), über Kulturpolitik, Politische Thoerien, bis hin zu Wohnungs- und Städtebaupolitik. Seine Leidenschaft sind übrigens Kunst und Architektur. Prägend wirkt er in der Erforschung der Parteiensysteme und Interessengruppen mit.

Ein Comeback?

Die ehemaligen Studierenden werden sich mit Sicherheit noch an die interessanten Anekdoten erinnern, die sie immer in seinen Seminaren hören konnten. Und wer weiß es schon: vielleicht gibt es mit Klaus von Beyme doch noch einmal ein Comeback? Oder aber, die vorliegende Werkbiografie muss in eine zweite Auflage gehen, da der Wissenschaftler ein neues bahnbrechendes Werk schreibt – oder vielleicht schon dabei ist. Überraschen würde es jedenfalls nicht.