Buchtipp,  Lifestyle,  Philosophisches

Echter Wohlstand. Warum sich die Investition in inneren Reichtum lohnt

Der ein oder andere hat vielleicht noch eine Oma, die ihr Leben auf dem Land verbracht hat. Sie weiß, wie und wann man Gemüse am besten anbaut, kennt die verschiedenen Kräutersorten, die nicht nur als Gewürze, sondern als wirkungsvolle Medizin eingesetzt werden können und kann das Wetter besser als jede App bestimmen. Unsere Oma hat die Bettwäsche noch mit eigenen Händen gewaschen und die Socken kann sie selbstverständlich selbst flicken. Stricken, Brotbacken, sich um die Hühner kümmern. Sie ist es auch, die die Familie zusammenhält, ihr Wissen behutsam (und nur mündlich) weitergibt, wunderschöne Lieder und Gedichte kennt. Unsere Oma, vielleicht der Innenbegriff für alte Tradition und Werte, die uns modernen, urbanen Menschen wahrscheinlich abhanden gekommen sind. Doch uns ist scheinbar noch etwas sehr Wesentliches verloren gegangen, davon erzählt Vivian Dittmar.

Echter Wohlstand – Plädoyer für neue Werte

Das neue Buch von Vivian Dittmar mit dem Titel “Echter Wohlstand: Warum sich die Investition in inneren Reichtum lohnt – Ein Plädoyer für neue Werte” (2021 veröffentlicht im Kailash Verlag, der freundlicher Weise das Rezensionsexemplar für Die Heidelbergerin zur Verfügung gestellt hat) richtet sich auf genau diese Rückbesinnung, um echten Wohlstand zu kultivieren. Denn, jener Wohlstand, der uns heute offensichtlich vorgelebt wird – großes Auto, schicke Villa, volles Bankkonto – scheint eine zweite, eher traurige Seite der Medaille zu offenbaren. Wir haben zwar alles, was wir brauchen (und noch viel mehr…) und dennoch fehlt es uns scheinbar an Zeit, an Kreativität, echten und tiefen Beziehungen, an spiritueller und ökologisch nachhaltiger Ausrichtung.

Keine ausweglose Lage

Das sind vielleicht gewagte Thesen. Und dennoch zeigt sich gerade in der Corona-Pandemie, wie es um unsere Gesellschaft steht: wachsende Ungleichheit, steigende Arbeitslosigkeit, Armut, psychische Erkrankungen, Vereinsamung und sozialer Abstieg (lese hier über die Auswirkungen der Corona-Pandemie in Deutschland).

Doch die Lage ist nicht ausweglos. Darum geht es schließlich im neuen Buch von Vivian Dittmar, die sich als Expertin für emotionale Intelligenz und eine ganzheitliche Entwicklung von Mensch, Gesellschaft, Wirtschaft und Bewusstsein einsetzt. Dittmar ist Gründerin der sogenannten Be the Change-Stiftung für kulturellen Wandel und ihre weiteren Bücher tragen Titel wie “Der emotionale Rucksack”, “Beziehungsweise” und “Das innere Navi”.

Materielle vs. innere Armut

Kommen wir zurück zu Omi. Denn bei ihr verstehen wir sehr gut, worauf Vivian Dittmar hinauswill. Die Autorin ist selbst als Kind in einem eher ärmlichen balinesischen Dorf aufgewachsen, bevor sie als Teenager nach Amerika auf ein Internat kam und dort unter den privilegiertesten Menschen der USA lebte. Der Unterschied war so gravierend und anscheinend so prägend, dass sie diesen Vergleich als Basis ihres Buches wählt: auf der einen Seite die traditionsbewussten, einfachen, sehr armen aber dennoch innerlich erfüllten Balines*innen, auf der anderen Seite wohlhabende, hyperkonsumierende US-amerikanische Familien, mit teils psychischen Problemen und einem sinnentleerten Alltag.

Das könnte Dich auch interessieren:

Echter Wohlstand
Zeit

Daraus tüftelt Dittmar nun ihr Geheimrezept – für ein Leben mit echtem Wohlstand, eines, dass auch noch unserer Großmutter bekannt vorkommen dürfte. Es geht unter anderem um Zeitwohlstand, ein Alltag im Slow-Modus (statt auf der Überholspur). Denn, es gibt nichts Schlimmeres als das ständige Gefühl von (Zeit)Druck und Hetze.

Zeitwohlstand bedeutet, das Phänomen Zeit ohne Hast und ohne Überdruss zu erleben. Beides […] sind Symptome eines Unfriedens im Umgang mit Zeit. […] Hast entsteht, wenn wir meinen, Zeit sparen zu müssen, um möglichst viel aus einem Tag, einer Stunde, einer Minute oder einem Leben herauszuholen. Überdruss […] deutet auf einen Mangel hin: Beziehungsarmut oder Kreativitätsarmut.

Vivian Dittrich, Echter Wohlstand 2021
Beziehungen und Kreativität

Es geht aber auch um echte, tiefe Beziehungen – um Menschen, auf die man sich wirklich verlassen und für die man selbst immer da sein kann (Stichwort: Einsamkeit – das wachsende Leiden). Und um Kreativität, das heißt, Dinge, die man selbst herstellen und kreieren möchte, anstatt sie einfach per Knopfdruck zu bestellen. Dittrich dazu:

DIY statt Netflix, Hausmusik statt Spotify, und fertig ist der kreative Wohlstand? Nein, so einfach ist es nicht. […] Im Kern geht es um Potentialentfaltung: Gelingt es uns, die Vielfalt unserer Talente zu entwickeln und der Welt zu schenken? Kreativer Wohlstand umfasst alle Aspekte des Lebens: Wie wir arbeiten, wie wir unsere Freizeit verbringen, wie wir unsere Beziehungen gestalten, […] die Betonung liegt hierbei auf wie, statt auf was.

Vivian Dittrich, Echter Wohlstand 2021

Sie hinterfragt die uns heute doch sehr stark prägende Idee, aus unseren Talenten und Interessen gleich auch Geld machen zu wollen (Stichwort: Infuencer*in, Coaching). Doch gerade dann, wenn wir unser Hobby zum Beruf machen, geisseln wir uns. Es “verändert unseren ureigenen künstlerischen Ausdruck” so Dittmar. “Man könnte sogar so weit gehen zu sagen, dass sie (unsere Hobbys) zu heilig (sind), um sie zu kommerzialisieren.” Denn, sobald wir aus unserem Talent eine Dienstleistung machen oder eine Sache zum Verkauf herstellen, sie also gegen Geld eintauschen, sind wir profitgesteuert und manipulierbar.

Spiritualität und Ökologie

Schließlich legt Dittmar den Augenmerk auf Spiritualität und Ökologie, um echten Wohlstand zu erreichen. Spiritualität sieht die Autorin jedoch nicht primär im Glauben an eine übermenschliche Kraft, sondern eher im Sinne eines Bewusstseins für Verbundenheit und Einheit von und mit allem. Merkmale eines derartig spirituellen Wohlstands seien Empfindung für Schönheit, Liebe, Sinn, innere Anbindung und Streben nach Weisheit.

Konkret äußert sich das in dem, was ich unseren inneren Navi nenne. Dieses besteht u.a. aus unserer Intuition, unserer Inspiration und unserer Herzintelligenz. Durch sie empfangen wir konkrete Handlungsimpulse, Eingebungen und eine natürliche Verbindung mit dem Wahren, Guten und Schönen. Wir hören auf, uns als kleines, abgetrenntes Individuum zu erleben und beginnen, uns als organischer Teil des Ganzen zu bewegen.

Vivian Dittrich, Echter Wohlstand 2021
Darauf kommt es an

In der ökologischen Ausrichtung geht es schließlich um das, was Oma schon längst wusste: Mit dem zufrieden sein, was wir bereits haben. Schließlich muss sie nicht jedes Jahr auf Kreta, an die Adria oder Costa Brava, um glücklich zu sein. Ihr genügt die Bank unterm Birnenbaum und ein perfekt aufgegangenes Sauerteigbrot. Der Sonnenuntergang ist schließlich überall gleich und echte Entspannung lässt sich – wenn wir ehrlich sind – vor allem in den eigenen vier Wänden finden.

Auch die Autorin, eine ehemalige Vielfliegerin, erkennt, dass sie so nicht weitermachen kann. Dabei entdeckt sie eine völlig neue Art zu Reisen – ein Unterwegs-sein der ursprünglichen Art. Ihre 20-stündige Zugfahrt von Deutschland nach Schweden beschreibt sie so: “Es war sehr aufregend. […] Wir konnten miterleben, wie sich die Landschaft veränderte, begriffen tatsächlich, dass wir unterwegs waren. […] Inzwischen sehne ich mich danach, noch langsamer voranzukommen.” Großmutter würde an der Stelle nur leise lächeln. Die Verbindung zur Langsamkeit wurde ihr quasi in die Wiege gelegt. Sie kennt es nicht anders, weiß allerdings sehr gut, was es heißt, “anzukommen”.

Keine romantische Verklärung

Immer wieder betont Vivian Dittmar, dass sie keine Nostalgikerin ist, keine, die sich ein Zurück in alte Zeiten wünscht. Es geht nicht um eine romantische Verklärung der Vergangenheit oder um Idealisierung alter Traditionen. Ihr Ziel ist ein Richtungswechsel im Spiegel dieser alten Werte. Sie möchte mit dem Buch dazu einladen, zu erkennen, was uns wirklich fehlt.

Fazit

Wir jagen oft falschen Vorstellungen von Wohlstand hinterher. Doch unsere konsumistische, materialistische Lebensweise macht uns nicht glücklich, höchstens hochgradig süchtig. “Echter Wohlstand” ist und bleibt unbezahlbar. Und das ist es auch, was ihn so wertvoll macht. Denn, jeder von uns kann ihn besitzen. Aus diesem Blickwinkel ist Omi wohl die reichste Frau der Welt. Doch, was wussten wir insgeheim schon lange!