Buchempfehlung,  Über Heidelberg

Ein Amerikaner in Heidelberg

Mark Twain Village, Mark Twain Center, Mark Twain Spielplatz… hier in Heidelberg und Umgebung ist Mark Twain unser Superstar. Jeder kennt ihn! Uns fällt sofort sein “Bummel durch Deutschland” ein und selbstverständlich die Abenteuer von “Tom Sawyer” und “Huckleberry Finn”. Soweit, so gut. Aber um ehrlich zu sein, endet bei den meisten von uns genau hier das Wissen über ihn.

Wer genau war dieser Mann mit “Schnauzbart”? Was hat Twain mit Heidelberg am Hut? Wann hat er überhaupt gelebt? Warum ist er heute so berühmt und wieso sollten wir uns eigentlich mit ihm beschäftigen?

Klassiker, unvergessen, weltberühmt

Der Schriftsteller sieht zugegeben ein bisschen aus wie Albert Einstein und Albert Schweitzer (es muss wohl der Schnauzer als modische Erscheinung des 19. Jahrhunderts gewesen sein – und er machte ihn bewusst zu seinem Markenzeichen). Twain wird aber weder mathematisch begabt, noch medizinisch zugange gewesen sein (das ganz sicher nicht!). Denn Mark Twain hat nämlich überhaupt keinen Schul- geschweige denn Studienabschluss. Mit 11 verließ er notgedrungen die Schule. Dennoch gehört Mark Twain heute zu den berühmtesten Autoren weltweit – auch ohne Diplom in der Tasche 🙂

Er ist für seinen Humor und gleichzeitig seine Scharfsinnigkeit, für seine Beobachtungsgabe und Ironie bekannt. Er ist wortgewandt, welthungrig und erfinderisch. Ein Autodidakt, ein Reisender und Menschenfreund.

Geheime Autobiografie – erst 100 Jahre später

Und Twain weiß seine Leserschaft stets bei Laune zu halten. Klar ist, dass er ein sehr bewegtes, schicksalhaftes Leben führte. Wen das im Detail interessiert, kann sich gern weitere Werke, vor allem aber seine eigene Autobiografie, zur Vertiefung heranziehen. Wirklich spannend ist die Tatsache, dass er 35 Jahre an dieser “geheimen Autobiografie” schrieb, die erst 100 Jahre nach seinem Tod – also, tatsächlich erst im Jahr 2010 veröffentlicht werden durfte. Die Verlage hielten ihr Wort. Und obwohl die Veröffentlichung eine Sensation war, blieben kritische Stimmen kurz darauf nicht aus. Vielleicht erinnerst Du Dich noch daran. Die Zeitungen titelten

Nach hundert Jahren: Mark Twain spricht aus dem Grab!

(WELT)

Und der Cicero schlussfolgerte

Zu lesen bekommen wir ein Buch voller Erinnerungen: persönlich, authentisch und manchmal beleidigend für die Betroffenen!

(Cicero)
Intim, ungezwungen, frei und ehrlich

Mark Twain legte ein unvollendetes und dennoch zweibändiges Werk, mit insgesamt über 1.000 Seiten vor. Und weil er es mit dem Bewusstsein schrieb, dass er längst tot ist, wenn es veröffentlicht wird, hat es etwas sehr intimes, sehr ungezwungen ehrliches und gleichzeitig radikales. Natürlich bleibt er auch hier stets ironisch, selbst im vorzufindenden Tagebuchformat.

Erstveröffentlichung und Übersetzung

Die geheime Autobiografie erschien als Originalausgabe mit dem Titel Autobiography of Mark Twain. The Complete and Authoritative Edition, Volume 1 zunächst 2010 beim US-amerikanischen Verlag University of California Press. Zwei Jahre später wurde sie ins Deutsche übersetzt und kam im Aufbau Verlag (zweibändig) heraus. Im Anaconda Verlag wurden schließlich alle autobiografischen Texte zusammengefasst und 2016 in zweiter Ausgabe veröffentlicht (diese wurde hierfür netterweise von Seiten des Verlags zur Verfügung gestellt).

Gliederung und Meinung

Man könnte meinen, oder in Worten Rolf Vollmanns (Vorwort) sagen, es handele sich um eine fast “unendliche Geschichte”, eine, die er nicht selbst geschrieben, sondern hauptsächlich diktiert hat. Das erklärt auch den Charakter des manchmal “anstrengenden” Textes. Einige Rezensent*innen beklagen diese Ausschweifung, die alles andere als ein “Lesegenuss” sei. Es reiche “reinzuschmökern”, weil vieles “überflüssig” sei, heißt es. Manche wundern sich, warum überhaupt ein derart großer Rummel durch die 100 Jahre später geplante Veröffentlichung gemacht wurde. Liegt hier vielleicht das typisch “Spöttische” vonseiten des Autors vor? Eine “Enthüllung” sei die Autobiografie zwar nicht, bemerken einige Rezensent*innen, doch ein Zeugnis seiner Emotionen und Empfindungen, aber vor ein seines Humors.

Präzise Beschreibungen, gelegentliche Abschweifungen und Reflexionen wechseln sich im Zweiteiler ab. Der erste Abschnitt beschäftigt sich mit der Autobiografie an sich (er ist nochmals in “Meine Autobiografie”, “Florentiner Diktate” und “New Yorker Diktate” unterteilt) und der zweite mit vorläufigen Manuskripten und Diktaten (unter anderem mit “erstem Versuch”, dann folgen “Grant-Diktate”, die Jahre “1890-1897”, die “vier Skizzen über Wien” und schließlich die Jahre “1898-1905”).

Die Überschriften verraten bereits: Twain hat keine Mühen gescheut, den Menschen und das Leben und zu verstehen und sich selbst darin zu verorten. Er war ein nimmer-müde-werdender-Schriftsteller, der allerdings für die Themen den Schreibtisch verließ. Und tatsächlich war eine wesentliche Station, der Ort Heidelberg. Hier hat es ihm besonders gut gefallen. Und willst Du wissen warum? Die Reise beginnt in einem kleinen Dorf im US-Bundesstaat Missouri

Von der Geburt bis zum Europabummel

Im Jahr 1835 wurde Samuel Langhorne Clemens (wie er richtig heißt) geboren. Als er 11 Jahre alt war, starb sein Vater und er musste plötzlich für die Familie aufkommen (er hatte, glaube ich noch einen älteren Bruder, drei weitere Geschwister starben früh). Jedenfalls machte er eine Lehre als Schriftsetzer und veröffentlichte nebenbei Kurzartikel in der Zeitschrift Hannibal.

Die ersten Reisen unternahm der Junge mit 17 Jahren. Er lebte an den Ufern des Mississippi und lies sich auf dem Dampfschiff ausbilden. Diesen Job führte er schließlich vier Jahre lang aus, bis schließlich der Bürgerkrieg (1861) ausbrach. Irgendwie landete er in der Goldgräber-Szene. Er musste sich wahrscheinlich irgendwie Geld verdienen. Doch war er hier (aufgrund seiner schmächtigen Statur) wirklich schlecht aufgehoben. Deshalb machte er sich als Reporter: berichtete über das aktuelle Tagesgeschehen und schrieb sozusagen über den Wild West. In dieser Zeit wurde er aus Samuel Langhorne Clemens schließlich Mark Twain (1863), sein Pseudonym.

Erneut musste er seine Branche wechseln (oder gar fliehen?). Er machte den berühmt berüchtigten “Bummel durch Europa” und verbrachte drei Monate davon allein in Heidelberg. Seine “Überfahrt” (natürlich kam er mit dem Schiff und brauchte dafür zwei ganze Wochen) endete in Hamburg. Dann ging´s kurz darauf schon nach Heidelberg. Was er hier beobachtete und zu Papier brachte, ist wirklich lesenswert! Besonders der Abschnitt über das “studentische Leben” in seinem Werk Ein Amerikaner in Heidelberg sagt viel über den Alltag damals aus:

“Man sieht zu allen Stunden so viele Studenten unterwegs, daß man sich bald fragt, ob sie überhaupt jemals arbeiten und studieren. […] Der Student […] mietet seine eigene Bude, wo es ihm beliebt, und nimmt seine Mahlzeiten ein, wann und wo es ihm gefällt.”

(Mark Twain aus Ein Amerikaner in Heidelberg in Der Grüne Zwei 102)
Studentenleben in Heidelberg

Mark Twain ist sichtlich fasziniert vom studentischen Treiben in Heidelberg. Er besucht sogar eine Vorlesung und beschreibt das Verhältnis der Studierenden zu ihrem Prof als völlig entspannt. Man trinkt und feiert gemeinsam, ohne jedoch Grenzen zu überschreiten. Außerdem, so Twain

“erschien es richtig und in Ordnung, daß Studenten sich Hunde hielten; aber alle anderen hatten auch welche.”

(Mark Twain aus Ein Amerikaner in Heidelberg in Der Grüne Zwei 102)

Trotz Freizeitüberschuss und ständige Feierlaune hält Twain die Studenten aber nicht für faul oder dumm. Im Gegenteil. Er lobt das deutsche Bildungssystem. Die neun Jahre auf dem Gymnasium zwingen einen unerbittlich, wie ein “Sklave zu arbeiten”. Die Unis sind dann höchstens noch eine Vertiefung dessen, was sie ehe schon wissen.

Und so führt Twain fort. Er beschreibt den Studentenkarzer (ehemaliges Tagesgefängnis für aufmüpfige Studenten), die Aktivitäten auf dem Paukboden (das sogenannte traditionelle Fechten unter den Burschenschaften), das Corpsbrauchtum im Allgemeinen und seine Ausflüge in die umliegende Region (Schwarzwald, Baden-Baden, Mannheim etc.).

“Die schrecklich deutsche Sprache”

Richtig interessant wird es wieder in seiner aberwitzigen Abhandlung über die “schreckliche deutsche Sprache”, die sich Twain in kurzer Zeit autodidaktisch angeeignet hat. Naja, Twain konnte damals noch nicht wissen, dass Deutsch zu einer der schwierigsten Sprachen weltweit gehört! Schließlich scherzt er selbst, dass nur Gott die deutsche Zeitung lesen könne.

“Ganz bestimmt gibt es keine andere Sprache, die so ungeordnet und unsystematisch, so schlüpfrig und unfaßbar ist; man treibt völlig hilflos in ihr umher […] und wenn man schließlich glaubt, man hätte eine Regel erwischt, die festen Biden böte […], blättert man um und liest: “Der Schüler beachte sorgfältig folgende Außnahmen.””

(Mark Twain aus Ein Amerikaner in Heidelberg in Der Grüne Zwei 102)
Die Abenteuer und die Heidelbeere

Die Stadt Heidelberg inspiriert und fasziniert Twain anscheinen so sehr, dass er kurz darauf eine seiner Hauptfiguren im Abenteuerroman den Namen “Huckleberry Fynn” verleiht (huckleberry = Heidelbeere). Es wird ein Welt-Bestseller, der die freche, ironische (und gesellschaftskritische) Geschichte von einem Halbwaisen namens Huck und einem schwarzen Sklaven namens Jim erzählt. Sie brechen aus ihrem Alltag aus und begeben sich mit einem Hausboot auf ein Abenteuer flussabwärts. Dass es sich hierbei nicht nur um eine Kindergeschichte handelt, zeigt die versteckte aber ausdrückliche Kritik am Alltagsrassismus. Es gilt heute als Schlüsselwerk der US-amerikanischen Literatur.

Twains letzten Jahre, Ironie und Schicksal

Zurück zu Twain. Auch er muss im “Fluss des Lebens” einigen “Wellen” und Schicksalsschlägen standhalten. Nach der Heirat seiner halb gelähmten Frau Olivia, stirbt das Erstgeborene kurze Zeit später. Sie bekommen noch weitere Kinder. Er wird Kaufmann, gründet eine Firma und geht Pleite. Twain häuft Schulden an und begleicht diese durch Vortragsreisen in Europa. In dieser Zeit sterben schließlich seine Frau und zwei seiner Töchter. Parallel startet er durch als Schriftsteller, erhält Auszeichnungen und sogar einen Ehrendoktortitel an der Uni Yale. Sarkasmus, Ironie und eine Prise Kulturpessimismus prägen seinen Schreibstil. Genau das liebt und schätzt man an ihm. Er selbst stirbt mit 74 Jahren (in Connecticut) und geht als Ikone der Literatur in die Geschichte ein.

Berühmte Zitate

Die wohl berühmtesten Zitate von ihm lauten, “Gib jedem Tag die Chance, der schönste deines Lebens zu werden” oder “Kein Mensch kann sich wohl fühlen, wenn er sich nicht selbst akzeptiert“. Außerdem soll er gesagt haben, “Menschen mit einer neuen Idee gelten solange als Spinner, bis sich die Sache durchgesetzt hat” und “Der beste Weg, sich selbst eine Freude zu machen, ist: zu versuchen, einem andern eine Freude zu bereiten” – Kalenderspruchreif, nicht wahr?! Das ist Twain. Ein lebenshungriger Amerikaner, in Heidelberg und viel Humor.

Ich hoffe, Dir hat die kleine Twain-Einführung gefallen. Willst Du noch mehr berühmte Heidelberger Persönlichkeiten kennenlernen? Dann könnte Dich auch das interessieren:

Weitere Infos über Mark Twain findest Du hier:

https://www.geo.de/geolino/buechertipps/5063-rtkl-mark-twain-aus-dem-leben-eines-lausbuben

https://www.deutschlandfunkkultur.de/mark-twains-reisebericht-dem-aequator-nach-in-395-tagen-um.974.de.html?dram:article_id=476104

https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article206928451/Actionszenen-der-Weltliteratur-Wie-Mark-Twain-der-Quarantaene-entkam.html

https://www.cicero.de/kultur/100-jahre-warten-auf-mark-twain/52117

https://www.deutschlandfunk.de/die-nie-vollendete-abschweifende-autobiografie.700.de.html?dram:article_id=226433