Buchtipp,  Urlaub

Lesend durch Ostasien III

Tage in Tokio – von Christoph Peters

Der Berliner Christoph Peters liebt Japan (日本) seit mindestens 35 Jahren und alles, was man mit dem Land und seiner Kultur in Verbindung bringt: er beschäftigt sich mit japanischen Holzschnitten, der Kalligrafie, japanischen Serien (etwa die Serie “Shogun” (将軍) und vor allem fasziniert ihn das Büchlein Zen in der Kunst des Bogenschießens (von Eugen Herrigel). Er bewundert die japanische Teezeremonie, sammelt schön verzierte Keramiken und praktiziert selbst Zazen (eine besondere Form der Meditation aus dem Zen-Buddhismus).

Peters hat schon zahlreiche Bücher über das “Land der aufgehenden Sonne” geschrieben, doch selbst war er noch nie da. Oft aus Geld- oder Zeitgründen oder es standen ihm immer andere Projekte im Weg. Bis zum Zeitpunkt, als er als “Writer in Residence” an die Keiō-Universität (慶應義塾大学) in Tokio (東京) im Jahr 2019 eingeladen wird.

Zwischen Fantasie und Realität

Wie wird es sein? Sind die Bilder, die er sich all die Jahre von Japan gemacht hat, kompatibel mit denen vor Ort? Wie passen Fantasie und Realität zusammen? Eine Freundin mutmaßt, “Du bist bestimmt aufgeregt, […] weil es ja sein kann, dass es ganz anders ist, als du erwartest hast – vielleicht bist Du enttäuscht.” Ein anderer ist sich sicher, “nachdem du in Japan gewesen bist, willst du nie wieder darüber schreiben.” Peters bemerkt, dass jedes Mal eine latente Gereiztheit mitschwingt, wenn er sich mit seinen Bekannten über Japan unterhält: “doch die Antworten, wenn ich nach den Gründen frage, bleiben jedes Mal vage wie bei einem dunklen Familiengeheimnis.”

Schließlich geht es diesem Geheimnis nach. Er setzt sich in den Flieger und nimmt die Reise auf sich!

Seine Erlebnisse und Beobachtungen hält er im Buch Tage in Tokio fest. Das Buch wurde 2021 im Luchterhand Literaturverlag veröffentlicht und ist mit Zeichnungen des deutschen Zeichners und Grafikers Matthias Beckmann ausgeschmückt. Tage in Tokio wurde Der Heidelbergerin als Rezensionsexemplar für diese Reihe zur Verfügung gestellt.

Kunst und Kultur – strenge Form und Improvisation zugleich

Für Christoph Peters stehen vor allem die Kunst und Kultur Japans im Vordergrund. Ihn beeindruckt die außergewöhnliche Kombination: Auf der einen Seite steht die totale und formale Strenge an größtmöglicher Klarheit – beispielsweise in der Architektur, in der Form, in der Komposition. Andererseits bemerkt man die expressive, fast spontane Improvisationskunst – etwa in der Malerei, Keramik oder der Kalligrafie. Diese Verbindung ist einzigartig! Das fasziniert des Japankenner Peters sehr.

Stationen der Reise (Gliederung des Buches)

  • Ankunft – Landschaft
  • Ein Ryokan (旅館) in Ningyocho (人形町駅)
  • Zen und Rauch
  • Kunst und Metro
  • Gründe, Zufälle und Vollkorn-Sushi
  • “Sumimasen” (すみません)
  • Frauen mit Brillen und das älteste Kaufhaus der Welt
  • Tempel und Kämpfe

Die Stille, ein besonderes Phänomen

Als genauer Beobachter sind ihm viele Dinge sehr vertraut und gleichzeitig ist so vieles fremd. Insbesondere fällt ihm auf, wie leise die Stadt Tokio (mit seinen fast 10 Mio. Einwohner*innen) ist. Wenn man an die öffentlichen Verkehrsmittel, an die berühmte Shibuya (渋谷区)-Kreuzung (Zebrastreifen) denkt, stellt man es sich unheimlich laut und chaotisch vor. Aber Peters wird an der U-Bahn vom Flughafen Richtung Innenstadt des Besseren belehrt:

“Die wenigen, die hier warten, reden nicht miteinander – und wenn, dann nur leise -, niemand spricht in sein Telefon […]. Ich sage, weil es in der Welt, aus der ich gerade gekommen bin, in dieser Situation peinlich wäre, einfach zu schweigen, wie großartig es ist, endlich hier zu sein […] Meine Stimme klingt unangemessen laut, das, was ich sage, erscheint mir selbst konfus.”

Peters, Tage in Tokio (2021)

Wenn man nicht gerade die Rushhour erwischt, sind die Öffentlichen vermutlich leerer als in Berlin. Es herrscht eine auffällige Ordnung. Es rennt keiner, es gibt kein Gedränge.

Ihm fällt auf, dass die Distanziertheit, die man über Japaner*innen sagt, nicht zutrifft. Er kommt immer wieder ins Gespräch mit den Einwohner*innen, erlebt eine erstaunliche Herzlichkeit und Offenheit.

Zusammenfassung

Dieses Buch ist definitiv eine Reise wert. Es ist nicht nur ein Liebesbekenntnis des Autors an Japan, sondern eine Versuch, die besondere Liebe zu erklären. Seine Verliebtheit überdauerte mehrere Jahrzehnte. Nun ist es an der Zeit, die Schönheit mit allen Facetten zu Gesicht zu bekommen. Christoph Peters reist in ein Land, das mehr ist als Sushi, Sakura und Manga. Japan ist The-Place-to-Be. Es ist ein herzliches und offenes Land (wie er schnell feststellen wird). Ein Land der Widersprüche und Kontraste, der Big Cities und des Big Silence. Peters Tage in Tokio sind genaue Beobachtungen des täglichen Geschehens, der verbalen und nonverbalen Kommunikation: Riten, Glaube, Überzeugungen, Gesten, Körperhaltung und spontane Ausdrucksimpulse werden akribisch von ihm beobachtet und zu Papier gebracht. Wer Japan liebt, wird dieses Buch lieben. Und wer dieses Buch liest, wird nach Japan reisen wollen.

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