Buchtipp,  Leute,  Lifestyle

Lesend durch Osteuropa I

Egal ob ehemalige DDR, Wladiwostok oder die Transsibirische Eisenbahn… in diesen vier Büchern gehts immer Richtung Osten. Es wird spannend auf der Couch in Moskau, auf der Pritsche eines Yaks und auf der Hochzeit im Kaukasus. Diese Autor*innen sind mehr als neugierig und weltoffen. Sie tauchen ein Stück ein in die “Russische Seele” und schauen vielleicht manchmal etwas zu tief ins Glas (und da ist sicherlich kein Wasser drin!). Ob mit Kind aufm Schoß oder Kamera auf der Schulter. Hier geht es um Begegnungen besonderer Art. Denn Menschen aus Ostasien sind für ihre ganz besondere Gastfreundschaft bekannt. Diese Bücher machen Lust auf den Osten. Auf geht´s Richtung aufgehende Sonne:

Couchsurfing Russland – Stephan Orth

Stephan Orth will es (wieder) wissen! Der Buchautor und Reporter – unter anderem für den SPIEGEL – macht sich auf eine 10-wöchige Reise durch ein Land, über welches es hierzulande aktuell nichts Gutes zu berichten gibt: Russland. Er will zum Putin-Versteher werden (so auch der Untertitel des Buches). Nicht Sympathisant – wie er abermals betont, sondern echter Versteher! Er will die Menschen kennenlernen, die in einem Land leben, dessen Regierung seit 2008 von dieser einen Person gelenkt wird. Wie tickt die Bevölkerung? Was ist den Menschen wirklich wichtig und wie gestalten sie ihren Alltag?

Der sympathische und humorvolle Globetrotter war schon im Iran, in China und Saudi-Arabien. In Russland steuert er Ziele an, die weniger touristisch interessant, dafür umso authentischer, nahe am Menschen sind: darunter die muslimisch geprägten Orte Grosny (Tschetschenien) und Machatschkala (Dagestan), das buddhistische Elista (Kalmückien), die vom Militär geprägten Städte an der Wolga Astrachan und Wolgograd, aber auch zentrale Städte Sibiriens namens Nowosibirsk und die Republik Altai, Scharowsk in der Taiga, Kysyl in Tuwa. Er besucht die kleine Diamantenstadt Mirny und die östlichste Stadt Russlands Wladiwostok. Stephan sucht sogar den “russischen Jesus” auf und hätte um Haaresbreite den größten Schamanen Russlands getroffen.

Ein wahres Abenteuer, dem man sich als Leser*in nur schwer entziehen kann (seine weiteren Reisen, ebenfalls im Buch festgehalten, sind schon bestellt)! Denn Stephan reist anders. Er surft von Couch zu Couch – ein Konzept, dass darauf basiert, kostenfrei irgendwo unterzukommen (es muss nicht immer die Gästecouch sein). Im Gegenzug bringt er Zeit und Neugierde mit, einer sinnvoller Tausch, wie man lesen kann. Bei Stephan geht das Konzept immer auf. Bereits während seiner Suche nach dem oder der passenden Gastgeber*in (bei couchsurfing.com), filtert er nach möglichst interessanten, authentischen und vielleicht auch etwas skurrilen Persönlichkeiten. Darunter sind abstinente kontrollwütige Einzelgänger, Waffennarren, intellektuelle junge Frauen. Besonders spannend ist immer auch der Blick ins Bücherregal: die Russ*innen lesen Nietzsche und “Germann Gesse”. Sie tragen 10 cm hohe Absätze aber auch Jogginghosen, wie sie im Buche stehen.

Reisen ist für ihn kein käufliches Produkt oder Konsumgut, bei dem es am Ende um möglichst viel Spaß, Fotomotive Entspannung und Sonne geht. „Mein Urlaub findet im Alltag meiner Gastgeber statt.“ Er ist auf der Suche nach dem Normalen (und nicht nach “Bären und Balalaikas”) und will so viel Zeit wie möglich mit den Einheimischen verbringen.

Mit „Couchsurfing in Russland“ gelingt dem Autor etwas, das nur den wenigsten Reisejournalist*innen gelingt: ein Portrait von einem Land zu zeichnen, dass wirklich vom Anderen ausgeht. Mit seiner besonderen Beobachtungsgabe und einer guten Portion Humor vermittelt er ein Bild, dass die „Seele Russlands“ authentisch skizziert. Sympathisch ist, dass seine Reise keinem Selbstzweck dient (im Sinne von: „mich selbst finden“, „meinem Leben einen neuen Sinn geben“, „dem eigenen Alltagstrott entfliehen“ usw.), sondern sich zum Sprachrohr etlicher interessanter Menschen entwickelt, die ihre ganz persönliche Geschichte zu erzählen haben. Und diese sind wirklich anders. Spannend und zugleich berührend. Das Buch sagt jedenfalls mehr über Russland, aus als die gängigen Reiseführer.

Das Buch „Couchsurfing in Russland“ wurde 2017 im MALIK Verlag veröffentlicht und DER HEIDELBERGERIN als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Es wurde zum SPIEGEL Bestseller und erhielt den ITB Buch-Award.  

Auch interessant: