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Lesend durch Osteuropa II

Mut für zwei – Julia Malchow

Julia ist eine Individualistin und braucht das Reisen, wie Luft zum Atmen oder zumindest, um „Antworten“ zu finden. So auch eine, als sie ein Baby kriegt und fortan mit typischen Floskeln wie „jetzt wird nichts mehr, wie es vorher war“ oder „jetzt musst Du das Reisen erst einmal sein lassen“ u.ä. konfrontiert wird. Die Reiseveranstalterin und Buchhändlerin wehrt sich vehement gegen diesen Gedanken und überhaupt gegen die uns in Deutschland vorgegebenen Erziehungsmuster. Wer behauptet eigentlich, dass das Reisen mit Kind schwer ist oder gar unmöglich wird? Warum drücken die meisten jungen Eltern auf die Pausentaste und warten, bis die Kinder „groß genug“ sind, um die Lebensfahrt wieder aufzunehmen? Was läuft schief in unserer Gesellschaft, wenn Kinder nicht Teil des gewohnten Alltags werden können?

Julia will es wissen und bucht kurzentschlossen eine mehrwöchige Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn – von St. Petersburg über die Mongolei bis Peking. Ihr Freund kommt nach und begleitet sie ein Stück auf der Suche nach einem kompatiblen Alltag, der auch in München – ihrem Hauptwohnsitz – funktionieren soll. Die Reise mit der Bahn hat mehrere Vorteile für die junge Mutter: man ist unterwegs und doch in einem geschlossenen Raum. Hier begegnet man Menschen, die verschiedene Motive haben, eine solche Reise zu vollziehen. Julia ist sofort hingerissen von der Herzlichkeit des russischen Volkes. Sie selbst wird oft für eine Russin gehalten, obwohl sie kein einziges Wort Russisch spricht. Und ihr 10 Monate alter Sohn – wie sich schnell herausstellen wird – ist der Türöffner für sämtliche Kommunikation, die trotz Sprachbarriere wunderbar funktioniert.

Die junge Mutter begegnet nicht nur herzlichen Menschen, die eine Art Familienersatz für sie werden, sondern erfährt auch, was für sie und Levi (ihrem Kind) guttut. Sie steckt ihre Grenzen neu, lernt, ihren Sohnemann auch für eine Zeit aus den Händen zu geben, zu vertrauen und die Dinge einfach passieren zu lassen. Ihrem Kind tut die Reise mindestens genauso gut. Er spürt, wenn es der Mutter nicht gut geht und weiß intuitiv, wenn es Zeit ist, Abschied zu nehmen. Eine derartige Reise mit Kind heißt oft auch, sein Zeitmanagement neu zu überdenken, Slow zu reisen, Pausen einzulegen – alles Dinge, die man als Erwachsene*r gern überspringt. Doch gerade diese Achtsamkeit schenkt die richtigen Antworten auf die wesentlichen Fragen: Wie wollen wir eigentlich leben? Was macht das Leben lebenswert – mit oder ohne Kind? Das Buch gibt viele Denkanstöße, auch für kinderfreie Menschen … denn, wenn wir ehrlich sind, stoßen wir ständig auf Grenzen, die allein in unserem Kopf bestehen. Alles ist machbar, wenn wir wollen. Die Autorin Julia zeigt es eindeutig am Beispiel mit Levi auf ihrer Abenteuerreise mit der Transsibirischen Eisenbahn.

Das Buch „Ostwärts“ wurde 2017 im PIPER Verlag veröffentlicht und DER HEIDELBERGERIN als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Es beinhaltet 32 Abbildungen.

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