Beruf,  Buchtipp

Lesend durch Osteuropa III

Ostwärts – Julia Finkernagel

Hätte Julia ihren Studienabschluss in Design ernst genommen, würde sie nicht am Flughafen Frankfurt als Projektmanagerin arbeiten. Bräuchte sie nach 10 Jahren keine Verschnaufpause von diesem Beruf, wäre sie nie mit dem Rucksack um die Welt gereist. Dann hätte sie auch nicht so tolle Storys zu berichten und träfe nie auf die MDR-Kulturchefin, die sie für ein Praktikum im Fernsehen anheuerte. Anschließend arbeitete Julia als Reiseberichterstatterin, Autorin und Filmemacherin (ARTE, HR, MDR) – bis heute.

Julia Finkernagel ist seither im Osten unterwegs: Polen, Ungarn, Bulgarien, aber auch Kirgistan, Usbekistan und in der Mongolei. Und darum handelt das Buch Ostwärts – mit der gleichnamigen 40-teiligen Filmreihe „Mit dem Rucksack der Sonne entgegen“.

Die Autorin von Ostwärts ist sympathisch und witzig. Getreu dem Motto „If it´s wrong, it´s right for television”, bricht sie auf in Richtung aufgehende Sonne, mit Rucksack, Empathie und Wortwitz, begleitet von einem Kameramann (Michael) und einem frischen Uniabsolventen (Tom), der die Reise tatkräftig assistiert. Und wer die Doku-Reihe noch nicht selbst im Fernsehen gesehen hat, sollte dies via Metdiathek (oder Youtube) nachholen.

In Polen folgt sie „jüdischen Spuren“, in Ungarn geht sie „reiten“. In Rumänien trifft sie auf Peter Maffay und in Bulgarien erlebt sie die „schlimmste Nacht“ der Reise. Sie ist betört von der osteuropäischen Gastfreundlichkeit und landet in Russland – im Gefängnis. Sie lernt das kirgisische Nationalgericht „Plov“ kennen und lieben und erfährt, dass man sich in Tadschikistan mit Cola und Bier eindecken muss. Im selben Land landet das Ostwärts-Team auf einer Hochzeit, bei der die Braut zwar nicht Lächeln darf, aber ihre Augenbrauen endlich “zupfen darf”. Und der anfängliche Schock in Ulan Bator, sie „ist die kälteste Hauptstadt der Welt […] und die hässlichste“ wird noch mit zahlreichen weiteren Ungewohnheiten der Kultur vermischt: das Leben nach innerem Kompass (Ortsnamen oderoffizielle Routen gibt es nicht), die innere Ordnung einer Jurte und strikte Trennung der Geschlechter, die Arbeitsteilung, die Schlachtung von Tieren und schließlich das Verzehren der Innereien.

Die Reise macht Spaß und zerrt zugleich an den Kräften – insbesondere, weil sie mit Öffentlichen Verkehrsmitteln zurückgelegt wird. Doch eines ist sicher: jede Reise lässt Julia anders nach Hause zurückkehren.

„innerlich reicher und bunter, ein klitzekleines bisschen klüger […]. Ich trage die Bilder und Geschichten mit mir herum, erzähle sie gerne und andauernd, und Gewohnheiten aus anderen Kulturen mogeln sich in meinen Alltag.“

Julia Finkernagel, Ostwärts (2019)

Sei es die kirgisische Reisspezialität oder die Offenheit Georgiens. Es ist anders, nicht auf eigene Faust durchs Land zu reisen, sondern mit den Einheimischen einige Zeit zu verbringen. Solche Begegnungen halten einem einen Spiegel vor Gesicht. Man wird gelassener, hinterfragt eigene Gewohnheiten, stellt sich auf Neues ein und findet heraus, dass auch das wunderbar funktioniert. Das Buch lädt ein, all das mit der Autorin auszuprobieren und eine schöne Zeit – trotz Fettnäpfchen und Kulturschock – zu haben. 

Das Buch „Ostwärts“ wurde 2019 im Knesebek Verlag veröffentlicht und DER HEIDELBERGERIN als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Vielen Dank dafür. Es begleitet die gleichnamige MDR TV-Serie und wurde als Literatur Bestseller im SPIEGEL ausgezeichnet.

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