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Interview mit Marco Tidona (von aponix)

Schauen wir uns heute ein anderes Startup-Beispiel an. Wir wollen Dir den “Mann mit dem grünen Daumen”, Marco Tidona vorstellen.

Lieber Marco magst Du uns kurz ein paar Worte zu Dir erzählen? Was ist Dein Hintergrund, mit was beschäftigst Du Dich?

Marco Tidona: Gerne. Ich habe vor ca. 8 Jahren angefangen mich mit dem Thema Gartenbau zu beschäftigen und festgestellt, dass zwischen dem professionellen Gartenbau und der Art und Weise wie wir den urbanen Raum mit Pflanzen bespielen eine große Lücke klafft aber auch ein großes Potential steckt. Da beide Räume ihre spezifischen Eigenschaften und Anforderungen haben und es für den professionellen Bereich bereits sehr gut entwickelte Gerätschaften, Wissen und Methoden gibt, wurde mir klar daß wir mit angepasster Ausrüstung im urbanen Raum, in und um Ballungszentren herum sehr viel mehr aus dem Thema Pflanzen machen können – zum einen essbare Pflanzen, aber auch mehr Biodiversität, gutes Mikroklima und sinnvolle Tätigkeiten für urbane Unternehmer zu schaffen. Nachdem ich 2014 eine Aquaponik-Anlage in einem gemieteten Keller der Stadt aufgebaut und betrieben hatte und selbst auch Ausrüstung für den platzsparenden und modularen Aufbau von Pflanzplätzen benötigte, habe ich angefangen mein erstes Produkt zu entwickeln: Eine vertikale Pflanztonne, die man aus modularen und kompakten Bauteilen zusammenstecken kann. Die Höhe und Anzahl der Pflanzplätze ist dabei variabel und man kann mehrere Einheiten hintereinander schalten. Im professionellen Gartenbau gibt es das gleiche, aber flach in 2D und man nennt es NFT-Channel (nutrient film technique) oder Rinnen-System. Das aponix Vertical Barrel ist konsequent ein 3D-NFT: bewässert vertikal, statt horizontal und ist in seiner Art tatsächlich eine einzigartige Lösung.

Bist Du berufstechnisch aus dem Garten- bzw. Landschaftsbau?

Marco Tidona: Ursprünglich habe ich BWL studiert und bin seit 1999 selbständig als IT-Backend Entwickler. Ich baue auf Web-Technologie basierte individuelle Anwendungen – quasi was ein Systemhaus macht, aber alle Rollen inkl. Infrastruktur von einer Person. Das macht die Wege sehr kurz und die Ergebnisse mit der Erfahrung in dem Bereich unschlagbar schnell und effizient. In dieser Rolle bin ich immer noch aktiv und hier habe ich auch meinen Pragmatismus und meine modulare Denkweise her. Diese Arbeit ist auch heute noch die Quelle für die Finanzierung von aponix.

Was ich in den letzten Jahren im Rahmen meiner Aktivitäten mit aponix gelernt habe, ist ein gutes Verständnis der Planetary Boundaries (von Johan Rockström): hierbei geht es darum, wie wir es schaffen können eine neue Art der Kreislauf-Wirtschaft aufzusetzen, indem wir erstmal hyperlokal unsere eigenen Ressourcen nutzen und ein erfülltes und kraftvolles Miteinander gestalten, das auf dem freien Austausch von Wissen und Fertigkeiten basiert. Und dazu muss es auch mal okay sein, sich zu überlegen, wie wir die Dinge gerne organisiert sehen wollen, wenn wir sie noch einmal komplett neu erfinden dürften. Ich versuche meinen Beitrag dazu zu leisten, indem ich die passenden Infrastruktur-Bauteile dafür designe, laufend verbessere, verfügbar mache und die zukünftigen Nutzer inspiriere, mehr Pflanzen in neuen Formaten zu produzieren und solche Bauteile in einer kreativen Art und Weise dazu in ihren Räumen zu benutzen.

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Urban Gardening… das sagt uns etwas. Aber Vertical Urban Farming? Was genau ist das?

Marco Tidona: Der Begriff “Vertical Farming” kommt von Dickson Despommier, einem Professor aus New York, der diesen erstmals in seinem Buch The Vertical Farm 2010 nutzte. Er meint damit mehrstöckige Farmen in Hochhäusern. Für mich ist das ein Synonym zu Urban Farming, wobei ich das sehr viel breiter sehe. Dazu gehören für mich gemeinschaftlich bewirtschaftete Hochbeete in Stadtteilen bis zu den Indoor-High-Tech-Farmen, die eher aussehen wie eine Halbleiterfabrik, inklusive aller Varianten und Spielarten bis zum Einbaugerät und App.

Die Typologie von Urban Farming ist mehrdimensional zu betrachten:

  • Ort – kann unterirdisch, in, auf oder an Gebäuden sein. Mitten drin, in privaten Bereichen oder am Stadtrand
  • Organisationsform – betrieben von einem Einzelunternehmer, einer Gemeinschaft oder Genossenschaft, einer Firma oder einer Gemeinde
  • Zweck – kommerzell, für die Forschung, den Lebensraum, Dekontamination, als Lehrbetrieb oder sozial gemeinschaftlich organisiert. Haben wir Zugang zu natürlichem Sonnenlicht oder sind wir drinnen und benutzen Pflanzlicht  oder eine saisonale Mischung

Als nächstes stellt sich die Frage, welche Anbau-Methoden wir dafür benutzen: erdlos wie bei Aquaponik oder Hydroponik. Welches ist die Quelle der Nährstoffe? Wir können z.B. Substrat benutzen. Für mich gehört auch der “Prosumer” dazu: das ist der Endverbraucher, der selbst einen Teil seines Bedarfs an essbaren Pflanzen selbst produziert. Das kann im einfachsten Fall die Herstellung von Keimlingen und Sprossen in der Küche sein. Wenn man sich damit kurz beschäftigt, wird einem schnell klar, daß das sehr einfach, sehr günstig und enorm nahrhaft ist. Neben den essbaren Pflanzen kommen dann auch mehr Pflanzen für die Verbesserung von des Mikroklimas und der Atmosphäre der Stadt – drinnen wie draußen.

 

Lässt sich dieses Konzept auch auf den eigenen Balkon umsetzen oder für was ist die Konstruktion v.a. vorgesehen?

Marco Tidona: Theoretisch ja. Es kommt immer darauf an, einen passenden Ort dafür zu finden und neben der passenden Ausrüstung und Verbrauchsmaterialien auch die Fertigkeiten und Erfahrung dazu zu erwerben oder verfügbar zu haben. In Zweifel fängt man mit einfachen Sachen wie einem Sprossenglas oder Saatschalen mit einem Substrat wie Kokos- oder Jutematten und dem passenden Saatgut an. Einfach mal ein paar Youtube Videos raussuchen, loslegen und es den Nachbarn und Freunden zeigen.

Es gibt neben dem klassischen Blumentopf sehr viele verschiedene Lösungen für den privaten Bereich und alle haben unterschiedliche Eigenschaften. Aponix könnte hier beispielsweise das neue Living WallSystem liefern oder das Vertical Barrel für die ambitionierten Nutzer, die sich auch von erdlosen Kulturen nicht abschrecken lassen.

Beim Barrel braucht es schon eine gewisse Menge mehr an Zutaten für einen erfolgreichen Betrieb. In jedem Fall kann ich versprechen – egal mit welchem System ihr anfangt – dass ihr euch auf eine sehr interessante und lehrreiche Reise damit begebt und neue Fähigkeiten erwerben werdet.

Wieso eigentlich der Name “aponix”? Und wie groß ist euer Startup inzwischen?

Marco Tidona: Ursprünglich war es nur ‚ponix‘ – abgeleitet von Aquaponics, Hydroponics etc. Mir ist dann aufgefallen, dass sich eine Firma aus Österreich zeitgleich auch ponix genannt hat. Da habe ich einfach ein ‚a‘ vorne angehängt, um auch bei der Firmenauflistung A-Z oben zu stehen 🙂

Aponix ist juristisch gesehen eine One-Man-Show ohne schickes Büro oder Fluff. Da ich hier selbst mein eigener Investor bin, schaue ich dass alles sehr pragmatisch und effizient abläuft. Natürlich wäre das alles ohne Unterstützung von außen nicht machbar. Ich setze hier auf externe und eigenständige Partner, mit denen ich eine starke Verbindung eingehe und die ebenso von Effizienz – auf eigene Rechnung und einer gemeinsamen Vision – getragen wird.

Hast Du ein Beispiel?

Marco Tidona: Da gibt es zum Beispiel mein Hersteller mm plastic aus Heppenheim. Er spielt eine Schlüsselrolle bei der Produktentwicklung, der Logistik und Finanzierung der Produktionswerkzeuge, ebenso bei der Produktion, Lieferfähigkeit und Abwicklung von größeren Produktionsprojekten.

Und auf welche geografische Größe erstreckt sich das Projekt? Wer sind Deine Kund*innen?

Marco Tidona: Tatsächlich liefert aponix seit 2017 weltweit. Ich habe dazu mal eine Landkarte gebaut. Die Nutzer sind vielfältig: Universitäten, Schulen, Hobby-Nutzer, echte Grower und Produkt- und Integrationspartner. Das ist übrigens auch ein wichtiger Punkt. Aponix selbst liefert nur seine nackten Infrastruktur-Bauteile. Die eigentlichen kreativen Lösungen bauen und vertreiben unsere Produktpartner in ihrem eigenen Territorium auf eigene Rechnung für ihre eigenen Kunden. Hierzu gibt es eine paar ganz pragmatische Regeln, die jeder Produktpartner anerkennt. Interessant ist dabei zu sehen, wie vielfältig die Lösungen praktisch ausgestaltet werden.

Klingt nach viel Spielraum. Wie erklärt Du Dein System den Interessenten?

Marco Tidona: Die Arbeit mit den Produktpartnern ist jederzeit zielorientiert und sehr kreativ. Ich veranstalte täglich online Produkt-Demos der aponix Lösungen oder brainstorme mit Integrationspartnern, wie und ob man eine bestimmte Installation mit unseren Komponenten machen könnte. Wenn einmal der Knoten geplatzt ist und alle verstehen, dass wir hier nur den Teil einer Lösung liefern (Komponenten), der den tatsächlichen Pflanzplatz bereitstellt, und dass aber noch viele andere Aspekte für ein schlüsselfertiges Farm-Layout zu bedenken sind, wird es immer schnell lustig und kreativ. Und das ist auch genau meine Mission mit den aponix Teilen – Gestaltungsmöglichkeiten bieten und inspirieren. Die Lösungen werden auch ständig erweitert durch alle möglichen Adapter und Bauteile mit neuen Funktionen.

Was plant ihr in der nächsten Zeit? Welche Vision habt ihr?

Marco Tidona: Im nächsten Quartal wollen wir unser neues Wand-System lieferbar und auch so schnell wie möglich ein paar Demo-Installationen sichtbar machen. Das Vertical Barrel ist ein sehr technisches und planungsintensives Produkt. Es ist zu komplex für den Endverbraucher und eher für essbare Pflanzen gedacht. Dach-Systeme gibt es sehr viele und gute. Allerdings für das dauerhafte Bepflanzen von Wänden gibt es zumeist Vlies-basierte Taschen-Systeme, die für die Expo dann ganz cool aussehen, nach ein bis zwei Jahren aber dann in einem unwartbaren Zustand kippen. Diesen Raum möchten wir mit einer weiteren aponix Urban Farming Komponente ausfüllen, dem aponix living WallSystem. Die Module haben ein optionales Wasser-Reservoir und einen auswechselbaren Pflanztopf, der das Substrat und die Pflanze von der eigentlichen Wand per Klick trennt. In der gleichen modularen Denkweise wie beim Vertical Barrel ergeben sich diverse Einsatz- und Erweiterungsmöglichkeiten.

Ich hoffe, es werden 2022 wieder mehr Gartenbau-Messen mit physischer Präsenz stattfinden. Die waren immer ein großes Highlight. In diesem Sinn wären wir gut vorbereitet für die kommende Nachfrage nach mehr Urban Farming Lösungen in der wir uns klar als Komponenten Lieferant positionieren.

Zu guter Letzt: Wie stellst Du Dir die “perfekte” Stadt der Zukunft vor? Was muss sich Deiner Meinung nach noch verbessern?

Marco Tidona: Der sich ausbreitende urbane Raum verschließt Flächen, für die wir einen ausgleichenden urbanen Dschungel schaffen müssen. Das wird diverse positive Nebeneffekte haben, wenn wir uns die Planetary Boundaries als Leitlinien hernehmen und versuchen den Druck da zu lindern, wo er am größten ist.

Damit können wir mit extremen Wetterereignissen besser umgehen, das Mikroklima und die Luft verbessern und eine eigene urbane Biodiversität fördern. Wir können organische Abfallstoffe in Nährstoffe umwandeln und lokal weiter verwenden. Mehr Pflanzen nehmen mehr CO2 auf und speichern es temporär oder machen es in anderer Form als Input verfügbar. Mit essbaren Pflanzen können wir unseren Konsum mehr auf pflanzenbasiert umstellen und die Frische von hyperlokalen Erzeugnissen gibt uns die passenden Nährstoffe für Gesundheit und Vitalität.

Wenn wir das dann noch alle zusammen machen und es schaffen, die eingesetzten Stoffe besser getrennt in technischen und ökologischen Kreisläufen zu drehen, wäre das der Fortschritt, den ich mir wünsche. Technisch gesehen haben wir alle Lösungen und Methoden für alle möglichen Arten der Transformation. Jetzt müssen wir uns nur noch für eine Richtung entscheiden und loslegen. Als Konsument mit entsprechender Kaufkraft ausgestattet dürfen wir täglich mit unserem Geldbeutel abstimmen, in welcher Welt wir und unsere Kinder leben wollen.

Das interessiert und noch: Du bist ja von Mannheim nach Heidelberg gezogen. Welcher Stadtteil in Heidelberg gefällt Dir am besten und warum?

Marco Tidona: Mit Kind haben wir 2011 nach einem passenden Ort gesucht, an dem wir möglichst ohne zu Pendeln alles fußläufig oder mit dem Rad erreichen können. Der neue Stadtteil Bahnstadt war damals noch unbebaut und die Planung und Vision hat sehr gut zu uns gepasst. Ich erwarte, daß wir hier hinter dem Bahnhof in den kommenden Jahren mit dem Kongress-Center und irgendwann mit dem entwickelten Airfield, PHV etc. der moderne Teil der City Heidelberg werden und sich die Touristen dann am Hauptbahnhof entscheiden links in die Altstadt und zum Schloss oder rechts in den modernen Teil Heidelbergs abzubiegen. Wir hatten großes Glück damals noch eine passende Wohnung in der Bahnstadt zu finden, in die wir dann 2013 eingezogen sind. Heidelberg rockt 🙂

 

Lieber Marco. Dein “grünes” Projekt klingt sehr spannend. Wir freuen uns, einen tieferen Einblick in Deine interessante Arbeit gewinnen zu dürfen und wünschen Dir und Deinem Startup weiterhin viel Erfolg bei der Begrünung der urbanen Räume. Vielen Dank für das nette Gespräch!