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Interview mit Florence Brokowski-Shekete

Eines Tages kommt ein junges Paar aus Nigeria nach Deutschland. Sie ziehen für ihr Studium nach Hamburg und wenig später kommt Florence zur Welt. Das Mädchen mit dem außergewöhnlichen Zusatznamen Olatunde Gbolajoko Oluwadamilare kann nicht bei ihren Eltern bleiben und so suchen sie Hilfe bei der Kirche, die ihnen eine Pflegemutter vermitteln kann.

Florence wird mit zwei Jahren, so erzählt sie uns im Interview an einem sonnigen Samstagnachmittag im November, in die Hände einer alleinstehenden Schneiderin nach Buxtehude gegeben. Die Situation ist für alle zunächst nicht einfach, doch für Flori – wie sie liebevoll genannt wird, ist es eine wunderbare, behütete Kindheit bei ihrer „Mama“. Das junge Mädchen entwickelt sich. Sie liebt das Tanzen und Singen, engagiert sich in der Kirche und hilft ihrer Mama, wann immer es möglich ist. Rückblickend sagt sie, „das war das Beste, was mir passieren konnte. Man hat mich nicht weggegeben oder abgeschoben, wie manche vielleicht glauben. Ich habe eine herzenswarme Mama. So einen engen Draht konnte ich zur leiblichen Mutter nie aufbauen.“

Immer wieder wird ihre Idylle vom Besuch ihrer „leiblichen Eltern“ gestört, erinnert sie sich. „Ich empfand sie manchmal als Eindringlinge“. Sie lernt ihre jüngeren Geschwister kennen und wird mit der afrikanischen Kultur vertraut gemacht. Doch Flori ist sich längst sicher: „Buxtehude ist meine Heimat!“.

Mit neun Jahren bekommt sie schließlich am eigenen Leibe zu spüren, was es heißt, die vertraute Umgebung verlassen zu müssen. Ihre afrikanischen Eltern beschließen, gemeinsam mit den Kindern zurück nach Lagos in Nigeria zu gehen, eine 14-Millionen-Stadt, eine der größten Städte Afrikas, wo die Kluft zwischen Arm und Reich nicht größer sein kann.

“Lagos ist so groß, dass Himmel und Hölle darin Platz finden” sagt ein Bewohner dieser Stadt. Wo genau liegt Lagos? Wie ist das Leben vor Ort? Erfahre mehr über Land und Leute im ZDF-Beitrag.

Das junge Mädchen tritt von einem kulturellen Fettnäpfchen ins nächste. Sie erlebt einen echten Kulturschock und möchte eigentlich nur noch zurück nach Hause, zu Mama nach Buxtehude.

„Ich habe auch eine leibliche ältere Schwester. Sie schmiss den ganzen Haushalt. So etwas wie eine Kindheit gab es für uns es in Nigeria nicht. Sobald ein Kind laufen lernt, so hatte ich das Gefühl, ist es sozusagen erwachsen. Wir waren ständig müde, weil der Tag- und Nachtrhythmus natürlich ganz anders ist, als ich ihn zuhause kennengelernt habe.“

Irgendwann vertraut sie sich einer Lehrerin an. Florence wird nämlich in einer deutschen Privatschule unterrichtet, die vor allem von Kindern deutscher Familien besucht wird. “Ich hatte mehr als Heimweh und das habe ich in einem Aufsatz mit dem Titel Mein schönster Traum zu verstehen gegeben“. Sie leidet und kann sich überhaupt nicht an die neuen Lebensbedingungen gewöhnen. Schließlich, nach langen und diplomatischen Gesprächen „konnten wir meine Eltern davon überzeugen, dass ich in den deutschen Norden gehöre“. Es dauerte 3,5 Jahre bis Florence endlich ihre Koffer packen und das deutsche Leben fortführen durfte.

Florence macht Abitur, geht studieren und findet ein neues, zweites Zuhause! Heute ist es Heidelberg – und das schon nun seit 30 Jahren. Florence ist hier sesshaft geworden. „Ich habe mich richtig in die Berge verliebt. Heidelberg ist zudem sehr multikulturell und aufgeschlossen.“ Sie ist nicht nur Mutter, Lehrerin und Schulleiterin, sondern die erste deutsche Schulamtsdirektorin mit afrikanischen Wurzeln. Wer sie einmal live erlebt hat, kann sie nur bewundern. Eine Powerfrau mit Charisma und Keck. Und gleichzeitig strahlt sie Ruhe und Gelassenheit aus. „Meine absolut heilige Zeit“ so verrät sie, „ist morgens im Bad. Das ist meine Meditation. Hier tanke ich auf, diese Zeit zelebriere ich!“. Und diese Energie wandelt sie direkt in Vorträge, Coachings und Buchprojekte um.

Und ja, „sie versteht mich ja!“ und deshalb hat sie ihre spannende Lebensgeschichte endlich niedergeschrieben, kürzlich veröffentlicht im Orlanda Verlag.

“Mist, die versteht mich ja!” musste sich Florence Brokowski-Shektete mehr als einmal im Leben anhören. Sie nimmt es mit Humor und macht gleich ein Buchtitel draus! Ihre Autobiografie ist 2020 im Orlanda Verlag erschienen.

An dieser Stelle möchten wir uns herzlich für das inspirierende Gespräch über ein recht außergewöhnliches Leben bedanken! Und wir freuen uns sehr, dass Florence Brokowski-Shekete als Wahl-Heidelbergerin das Bild dieser Stadt auf eine wunderbare Weise mitprägt. Vielen Dank!

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Frau Brokowski-Shekete ist eine echte Powerfrau. Sie nicht nur im Schulamt und als Autorin tätig, sie ist Gründerin der Agentur  FBS intercultural communication und bietet ihr Know-how seit 1997 als freie Beraterin, Coach und Trainerin an.