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Interview mit Elke Heidenreich

Ganz ehrlich! Es ist nicht nur schwer, gute Literatur zu finden, sondern auch Frauen, die mit gutem Beispiel vorangehen. Mit Elke Heidenreich lösen wir beide Probleme mit einem Schlag! Endlich haben wir eine Zeitgenossin gefunden, die sich genauso sehr für Literatur, Bildung, Kultur und ein selbstbestimmtes Leben einsetzt. Und Frau Heidenreich ist Kennerin Ihres Faches. Sie ist studierte Germanistin, Publizistin, Theater- und Religionswissenschaftlerin und arbeitet seit Jahrzehnten erfolgreich in Presse, Funk und Fernsehen. Deshalb freuen wir uns riesig, Frau Heidenreich persönlich zu sprechen und von ihr zu erfahren, was sie antreibt, womit sie sich beschäftigt und warum Bücher so wichtig sind:

Frau Heidenreich. Eine so geistreiche, vielseitige, selbstbewusste und gleichzeitig entspannte Frau trifft man heute selten. Sie leben das, was einst Wolff sich für unser Geschlecht gewünscht und de Beauvoir eingefordert hat. Was hat Sie all die Jahre geprägt, motiviert und schließlich dazu bewegt, ihren Weg zu gehen? 

Elke Heidenreich: Danke für das Lob! Wenn Sie mich so einschätzen, freu ich mich. Und was mich so hat werden lassen, genau davon handelt mein neues Buch, das Ende September erscheint: Es heißt Hier geht’s lang und erzählt, wie mich Bücher von Frauen nach und nach auf meinen Weg gebracht haben, mir Selbstbewusstsein und eine Einordnung geschenkt haben.

Hier geht´s lang! Von Elke Heidenreich (Eisele 2021)

“Buch Nr. 35 ist schon fertig!”

Ihr Lebenslauf lässt sich schwer auf einen Absatz runterbrechen. Aber vielleicht können Sie uns die wichtigsten Stationen Ihres Lebens nennen? 

Elke Heidenreich: Im Krieg geboren, in der Nachkriegszeit ziemlich lieblos großgezogen. Abitur, Studium, ab 1970 immer als freie Mitarbeiterin für Funk, Fernsehen, Zeitungen gearbeitet, irgendwann angefangen, Bücher zu schreiben – Erzählungen, Kinderbücher, Sachbücher, inzwischen sind es, ich hab gerade endlich mal gezählt, 34 eigene Bücher, und Nr. 35 ist auch schon fertig!

Die ein oder anderen erinnern sich vielleicht noch an “Else Stratmann”, die Kunstfigur, die Sie über Jahre verkörpert haben. Wie ähnlich sind Sie ihr eigentlich? 

Elke Heidenreich: Ich hab Else Stratmanns klaren Blick, ihren Witz und das Unverblümte. Eben Kinder des Ruhrgebiets! Um eine Kunstfigur daraus zu machen, braucht es Ironie – die hab nur ich, Frau Else nicht!

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Inzwischen zählen Sie zu den einflussreichsten Literaturkritikerinnen Deutschlands. Wie lesen Sie ein Buch? Wie wählen Sie es aus? Was machen Sie mit schlechter Literatur? Und was/ wen lesen Sie persönlich am liebsten? 

Elke Heidenreich: Ich sehe mich eher als jemand, der den Menschen die Freude am Lesen und die richtigen Bücher vermitteln möchte. Auf den Kritikerplätzen toben sich schon genug Eitelkeiten und Wichtigtuereien aus. Mir geht es nicht ums Analysieren von Texten, sondern um einen Wegweiser durch den Bücherdschungel. Ein gutes Buch muss eine gute Geschichte haben und eine adäquate Sprache. Ich selbst lese viel Gedichte und sehr gern und immer wieder Familienromane. Schlechte Bücher erwähne ich nicht, die brauchen nicht noch Zuspruch. Und was Denis Scheck mit seinem höchstpersönlichen „Anti-Kanon“ im Fernsehen betreibt – einen Autor fertig zu machen und ein Buch dann verschmoren oder im Müll verschwinden zu lassen, das ist an Aufgeblasenheit und Arroganz kaum zu überbieten. Mich wundert, dass dafür Sendezeit freigemacht wird. Wie wichtig darf sich dieser Mann noch nehmen?

“Wie kann man eine derart komplexe Welt ertragen […] ohne Bücher?”

Sie schreiben aber ja auch selbst lauter Bestseller (aktuelles Buch “Männer in Kamelhaarmänteln” Hanser 2020). Sie sind mehrfach ausgezeichnet und auch bekannt für Ihre Brigitte-Kolumne, die viele spannende Einblicke in Ihren Alltag und Ihre Ansichten schenkt. Insbesondere fällt Ihre Liebe zur Literatur auf. Warum sollten die Menschen Ihrer Meinung nach mehr Lesen? 

Elke Heidenreich: Das fragen Sie mich nicht im Ernst, oder? Warum man lesen sollte? Wie kann man eine derart komplexe Welt ertragen und begreifen ohne die Verdichtung durch Literatur, ohne den Blick der Schriftsteller und ihre Haltung? Wie übersteht man dürre Coronazeiten ohne Bücher?

Moderation – Schauspiel – Filme. Es gibt nichts, was Sie nicht schon ausprobiert haben. Woran arbeiten Sie aktuell? Wäre auch ein Youtube-Kanal für Sie denkbar? 

Elke Heidenreich: Nein, aus den sozialen Medien halte ich mich raus bis auf einen 14-tägigen Bücherpodcast für SPIEGEL online. Ich arbeite an einem Buch mit Reisereportagen.

Liebe Frau Heidenreich, vielen Dank für das schöne Gespräch. Auf diese Reisereportage sind schon sehr gespannt! Aber zunächst freuen wir uns auf Ihr neues Buch, dass in wenigen Tagen erscheint und in das wir bereits reinschnuppern konnten. Wir verraten nur eines: es wird euer Bücherregal um einige weitere Werke (von Frauen!) erweitern 🙂