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Interview mit der Sprachexpertin Dr. Netzel

Studierende am IUED (Institut für Übersetzung und Dolmetschen) der Uni Heidelberg können sich glücklich schätzen, bei einer solch engagierten, talentierten und vielseitig interessierten Dozentin unterrichtet zu werden. Denn für die promovierte Linguistin, Lektorin und Forscherin Dr. Rebecca Netzel – die hier nun seit schon 30 Jahren tätig ist – sind Sprachwissenschaften alles andere als trockene Materie. Selbstverständlich muss eine Powerfrau wie sie, auf DIE HEIDELBERGERIN vorgestellt werden. Erfahre mehr über die Sprachexpertin Dr. Netzel im folgenden Gespräch:

Liebe Frau Dr. Netzel. Eigentlich kommen Sie aus dem hohen Norden, um genauer zu sein aus Flensburg. Was hat Sie nach Heidelberg verschlagen und seit wann leben Sie hier?

Dr. Netzel: Schon 1982 kam ich zum Studieren hierher – und habe mich sofort ins schöne Heidelberg verliebt! Da die Uni Flensburg zu dem Zeitpunkt noch nicht in der heutigen Form bestand und überhaupt nur wenige Hochschulen bundesweit speziell Übersetzungswissenschaft anbieten, fiel meine Wahl auf das Institut für Übersetzen und Dolmetschen (IÜD) der Universität Heidelberg – und das ebenso romantische wie moderne Flair der Stadt hat dazu geführt, dass ich dann als Wahl-Heidelbergerin gleich hier geblieben bin.

Sie sind Universitätsdozentin, Forscherin, Sprach- und Übersetzungswissenschaftlerin an der Universität Heidelberg. Erzählen Sie kurz, wie kann man sich Ihren Arbeitsalltag an der Uni vorstellen?

Dr. Netzel: Die Tätigkeit als Dozentin für Sprach- und Übersetzungswissenschaft ist sehr vielseitig – denn Sprachen sind ja immer ein Brückenschlag zu anderen Völkern und Kulturen. Das zeigt sich auch im internationalen studentischen Publikum. Aufgrund der Pandemie-Lage arbeiten wir derzeit im Home office, zum Schutz der Gesundheit aller. Doch auch online sind ja interaktive Lernformate möglich, etwa durch linguistische Quiz-Fragen – sowas motiviert und lockert den digitalen Unterricht auf.

“Bezeichnung, Bedeutung, Strukturen, Diskurse – das ist alles andere als trockene Materie, denn darauf basiert ja unsere gesamte Kommunikation!”

(Dr. Rebecca Netzel)


Als Wissenschaftlerin beschäftigt mich die Frage, inwieweit menschliches Denken nach gleichen Prinzipien abläuft (in der Kognitionswissenschaft nennt man diese “Universalien”) und in welchem Umfang unser Denken von der jeweiligen Einzelsprache und Kultur geprägt ist – ob man also quasi alles durch seine “muttersprachliche Brille” sieht. Gottlob sind die gedanklichen Grundlagen bei allen Menschen vergleichbar (bevor man etwas in Worte kleidet, denken wir alle im sog. “Mentalesisch”) – sonst könnte man ja auch gar nicht übersetzen! Es ist faszinierend zu sehen, welche sprachliche Vielfalt der menschliche Denkapparat hervorbringt, um doch letztlich ganz ähnliche Gedanken auszudrücken – genau damit beschäftigt sich die Vergleichende Sprachwissenschaft (im Bereich Kontrastive Linguistik habe ich auch bereits publiziert). Bezeichnung, Bedeutung, Strukturen, Diskurse – das ist alles andere als trockene Materie, denn darauf basiert ja unsere gesamte Kommunikation!

Frau D. Netzel, Sie haben eine ganz besondere Leidenschaft! Ihr Interesse gilt den indigenen Völker Amerikas. Sie schreiben nicht nur über einzelne Stämme, sondern arbeiten auch ehrenamtlich vor Ort. Was genau ist Ihre Arbeit dort und stimmt es, dass Sie sogar “adoptiert” wurden?

Dr. Netzel: Die indigenen Völker allgemein, nicht nur die Native Americans, sind leider nach wie vor oft benachteiligt, durch soziale Ausgrenzung (bis hin zu offener Diskriminierung) und oft auch Zerstörung ihrer Umwelt, etwa durch Abbau von Bodenschätzen auf (meist einstigem oder völkerrechtlich nicht gesichertem) Stammesgebiet, auch durch den Klimawandel, der die ärmste Bevölkerung weltweit bekanntlich besonders hart trifft (in South Dakota etwa durch Dürre oder Unwetter – beides haben wir vor Ort selbst erlebt).

Der Vortrag einer Delegation aus South Dakota, einem Lakota-Künstler mit dem Namen A. Amiotte und Angehörigen der  Hilfsorganisation St. Joseph’s, Chamberlain am DAI im Jahre 2003, hat mich so sehr interessiert, dass meine Familie und ich die Sommerferien 2004 bis 2006 in SD verbrachten, um das Reservats-Leben in Pine Ridge u.a. Reservaten kennenzulernen und vor Ort ehrenamtlich bei Bildungsprojekten mitzuhelfen, an der Porcupine Day School und der St. Joseph’s Indian School, mit ihrem angegliederten Waisenhaus, das ich noch heute als Fördermitglied unterstütze. Zudem stehe ich weiterhin für Anfragen zum Bereich Sprache und Kultur der Lakota, etwa seitens Schulen, Universitäten und Kultureinrichtungen zur Verfügung.

Auch interessant: die Neue Züricher Zeitung berichtete vor einiger Zeit über das Revervat Pine Ridge, die größte Schutzregion und gleichzeitig eine der ärmsten Gegenden in den USA:

“Großmutter Erde, Tiere und Pflanzen werden ebenfalls als Personen und Völker betrachtet und respektiert, und man weiß intuitiv, dass alles mit allem verbunden ist.”

(Dr. Rebecca Netzel)

Damals haben wir in traditionellen Zelten (Tipis), Blockhütten z.T. ohne Strom und Wasser oder auch in einfachen Trailern gelebt – also das Alltagsleben dort hautnah erfahren. Besonders beeindruckt hat mich die ganzheitlich-ökologische Einstellung der Natives, ihre nachhaltige Lebensweise: Tiere und Pflanzen werden ebenfalls als Personen und Völker betrachtet und respektiert, und man wusste intuitiv, dass alles mit allem verbunden ist (dies wird heute durch die Wissenschaft bestätigt: z.B. das “Wood Wide Web” im Ökosystem Wald). Auch Großmutter Erde ist für die Indigenen ein lebendiges Wesen – das heute unter dem Klimawandel leidet.

Ein Ergebnis dieser Erlebnisse war, dass ich Sprachreiseführer, Landeskundliches, Lakota-Märchen sowie selbst illustrierte Flora- und Fauna-Feldführer der Prärie herausgegeben habe, um auch anderen Menschen die schöne Kultur und Natur der Great Plains nahezubringen – ein wenig “Wilder Westen” hat bis heute überlebt!

“Gegenwärtig bleiben da nur die Sozialen Medien, doch das ist natürlich besser als gar nichts – der Kontakt hält jedenfalls! Man gehört jetzt einfach zusammen!”

(Dr. Rebecca Netzel)

Aufgrund dieses ehrenamtlichen Engagements,  besonders für die Lakota-Waisenkinder in Chamberlain S.D., wurde ich mitsamt Familie von einer Lakota-Frau, die selbst solche Kinder betreute, als Zeichen der Freundschaft in ihre Familie der Kul Wicásha Lakota adoptiert, somit sind Bren und ich “Sisters” – das geschieht zwar ohne offizielle “Adoptions-Urkunde”, aber mit entsprechender Zeremonie: zunächst ein Schwitzhütten-Ritual, leicht bekleidet, aber ohne Brille oder Metallgegenstände, sodann wird man feierlich in die Großfamilie aufgenommen (früher und z. T. sogar heute noch mit entsprechender Gesichts-Bemalung, aufgrund der knappen Urlaubszeit musste das Ritual leider in etwas verkürzter Form erfolgen). Beide Familien haben sich – noch vor Corona – mehrfach besuchen können, sowohl in den USA als auch sogar zum Gegenbesuch in Heidelberg (wir haben natürlich das Schloss besichtigt!); gegenwärtig bleiben da nur die Sozialen Medien, doch das ist natürlich besser als gar nichts – der Kontakt hält jedenfalls! Man gehört jetzt einfach zusammen!

Dr. Rebecca Netzel vor der Statue der indigenen Dolmetscherin Sacagawea in Wyoming, USA

Auch den “Kauderwelsch Sioux/ Lakota” haben Sie im Reise-Know-how-Verlag veröffentlicht. Wie würden Sie sich auf dieser Sprache vorstellen?

Dr. Netzel: zum Beispiel so

  • Ho mitákuyepi, Rebecca Netzel emáciyapi. (= Hallo beisammen, ich heiße Rebecca Netzel),
  • Iyáshica Makóce emátanhan (= ich komme aus Deutschland),
  • nahán Iyápi wapásika hemáca kshto (= und ich bin Linguistin).

An dem noch jungen Wort für “Sprachwissenschaftlerin” kann man gut erkennen, wie flexibel und anpassungsfähig das Lakota ist: Die Sprache der einstigen Bisonjäger (und heutigen Bisonzüchter) hat zahlreiche, originelle Wort-Neuschöpfungen hervorgebracht, von “Computer = wóunspe omnáye” bis “Raumschiff = wicáhpi wáta”!

Einige Worte Lakota können garantiert alle: Hau (= “Hugh! = Genau!”), Tipi (= Zelt) …!

Buchempfehlung: Sioux / Lakota – Wort für Wort (auch als CD erhältlich) von Dr. Rebecca Netzel im Reise Know-how Verlag, 3. Auflage (2015)

Ja, tatsächlich. Das ist bekannt! Und woran arbeiten Sie aktuell? Was planen Sie für 2021?

Dr. Netzel: Natürlich arbeitet man immer an irgendwelchen Skripten – seien es wissenschaftliche oder literarische. Die Auszeichnung mit dem “Goldenen Herz der Vita Magica” als Akteurin der gleichnamigen Event-Plattform, durch deren Veranstalter Wolfgang Hampel, spornt natürlich an! Momentan macht einem die Pandemie-Lage zwar so manchen Strich durch die Rechnung, doch verfasse ich Artikel für diverse Fachpublikationen und hoffe, einen weiteren Sachroman zum Leben der Lakota und anderer Indigener (“Indianer” beruht ja auf dem Irrtum des Kolumbus) veröffentlichen zu können – da heißt es Daumen drücken!

Sie wissen vielleicht, dass DIE HEIDELBERGERIN auch von vielen jungen Menschen gelesen wird, die sich mitten im Studium befinden. Einige studieren Sprachen und wissen noch nicht so recht, was sie später einmal damit machen werden. Haben Sie einen Tipp, worauf Absolvent*innen beim Eintritt ins Berufsleben achten sollten? Was macht ein Sprachstudium aus Ihrer Sicht so besonders (für den Berufsmarkt später)? 

Dr. Netzel: Ganz wichtig ist es, im Berufsleben auf faire Honorare zu achten. Übersetzen als Berufstätigkeit wird offenbar in Teilen der Gesellschaft immer noch nicht angemessen gewürdigt. Mancher scheint zu glauben, man bräuchte ja nur in Lexika, Online-Wörterbüchern oder Terminologie-Datenbanken nachzuschauen – so als sei alles ein bloßes Umetikettieren von Begriffen… Doch Übersetzen ist viel mehr, viel komplexer: Zahlreiche Entscheidungen, was man wie wiedergeben könnte bzw. sollte, sind stark vom jeweiligen Übersetzungsauftrag abhängig, vom Zielpublikum, der konkreten Textfunktion und vielen anderen Faktoren! Was in einem Text eine mögliche Entsprechung darstellt, muss in einem anderen Kontext noch lange nicht adäquat wirken. Da gilt es, flexibel, kompetent und kreativ zu sein! Zudem sind ja oft auch Kulturspezifika (sog. “Realien”) zu berücksichtigen, sonst kann eine Übersetzung vom Effekt her wenig zielführend werden! Dazu fällt mir der alte Schülerwitz ein: Man kann “Ei, ei – was seh’ ich?” ja auch nicht einfach mit “Oeuf, oeuf – que lac je?” übersetzen 😉 Da ist schon einiges mehr an übersetzerischer Kompetenz gefragt!

Den Studierenden würde ich den Tipp geben, einfach neugierig auf den spannenden Kulturaustausch zu bleiben, zu dem sie ja selber beitragen wollen, als Schlüssel zur internationalen Verständigung – das motiviert! Ein Sprachstudium bietet stets Anlass, interessante Kontakte zu knüpfen. Der “Blick über den Tellerrand” bereichert ja, auch persönlich – selbst in diesen Zeiten, in denen etwa die Reisemöglichkeiten durch Corona stark eingeschränkt sind, dafür aber umso mehr in geeigneten Medien entdeckt werden kann.

Sprachen sind beruflich vielfältig einsetzbar, neben dem “reinen” Übersetzen auch im Lektoratswesen, in Forschung und Lehre, im Bereich der Medien oder auch im interkulturellen Coaching (für Firmen oder Organisationen). Den jungen Menschen, die sich – gerade jetzt in diesen schwierigen Zeiten – für ihr Studium engagieren, wünsche ich viel Erfolg!

Willst Du mehr über Dr. Rebecca Netzel erfahren? Dann schau auch hier vorbei: