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Interview mit der Schweden-Expertin Margret Dotter

Dass Deutschland ein besonderes Verhältnis zu Schweden pflegt, sollte den meisten von uns bekannt sein. Die Beziehung zwischen den beiden Ländern ist eng und freundschaftlich und vor allem durch eine gute wirtschaftliche Zusammenarbeit geprägt. Die Stadt Heidelberg nimmt hier eine besondere Rolle ein. Denn, die Königin von Schweden ist gebürtige Heidelbergerin und gleichzeitig Schirmherrin der Deutsch Schwedischen Gesellschaft Heidelberg (DSG), die wir hier gerne näher vorstellen wollen. Dazu haben wir Margret Dotter, die erste Vorsitzende der DSG sprechen können und wirklich Spannendes erfahren. Mehr dazu im folgenden Interview mit der sympathischen Schweden-Expertin:

Liebe Frau Dotter, vielen Dank, dass Sie uns einen kleinen Einblick in die Deutsch Schwedische Gesellschaft in Heidelberg schenken. Seit wann gibt es die Vereinigung und was sind die zentralen Themen bzw. Aufgaben?

Margret Dotter: Wir freuen uns auf das 50-jährige Jubiläum der Deutsch-Schwedischen Gesellschaft Heidelberg (DSG) im kommenden Jahr.

Schon vor 25 Jahren erreichte uns die glanzvolle Nachricht aus dem königlichen schwedischen Schloss, dass Ihre Majestät Königin Silvia die Schirmherrschaft für die DSG übernimmt. Eine größere Ehre und Würdigung unserer Arbeit zur Förderung des Deutsch-Schwedischen Kulturaustausches hätte uns nicht zuteilwerden können. Dies ist für mich Ansporn und Verpflichtung zugleich, unsere kulturelle Arbeit als Mittel der Völkerverständigung weiterhin mit viel Engagement fortzuführen.

Mit großem überregionalem Echo veranstalten wir Konzerte, Ausstellungen und Lesungen und öffnen somit schwedischen Künstlern den Zugang zum deutschen Publikum. Die Bewahrung der eigenen kulturellen Identität ist in der Fremde von großer und weitreichender Bedeutung. Deshalb hat die Pflege der schwedischen Traditionen für uns einen hohen Stellenwert. Die DSG arrangiert daher nicht nur gut besuchte Feste zu Lucia und Mittsommer, sondern auch kulturhistorische Reisen, deutsch-schwedische Gottesdienste, Weinprobe-Wanderungen und thematische Stammtische.

Im Auftrag der schwedischen Schulbehörde bietet die DSG seit ihrer Gründung im Jahr 1972 muttersprachlichen Zusatzunterricht für schwedische Kinder in Svenska Skolan an. Der Unterricht findet einmal wöchentlich in Heidelberg-Dossenheim und Karlsruhe statt und hat zum Ziel, schwedischsprachigen Kindern eine Möglichkeit zu geben, die eigenen Schwedisch Kenntnisse zu entwickeln und eine eventuelle Fortsetzung ihrer Schulentwicklung in Schweden nach einem Auslandsaufenthalt zu erleichtern.

Hier ein paar Einblicke in die Aktivitäten unserer Gesellschaft im Jahr 2019:

Weitere Informationen gibt es auf unserer Homepage unter www.dsg-hd.de

Gemeinsame Feste, Gottesdienste, Unterricht und Sprachcafé – ist das alles heute überhaupt noch möglich, in Zeiten von Corona? Wie meistern Sie diese Zeit?

Margret Dotter: Nein, das ist leider nicht möglich. Schon im vergangenen Jahr konnte die DSG wegen der Corona-Pandemie bedauerlicherweise keine einzige Veranstaltung durchführen. Normalerweise hätten wir jetzt gerade unsere Jahreshauptversammlung abgehalten und uns schon längst bei unseren Mitgliedern mit einem interessantem Jahresprogramm 2021 gemeldet. ABER Covid macht uns erneut einen Strich durch die Rechnung und wir müssen alle schönen Veranstaltungs- Termine leider auf unbestimmte Zeit verschieben.

Als kleinen Ersatz für die ausgefallenen Veranstaltungen versenden wir Newsletter mit interessanten Schweden-Links von der schwedischen Botschaft in Berlin, der schwedischen Kirche in Frankfurt/Main, dem Schwedischen Institut in Stockholm und dem offiziellen Schweden- Portal VisitSweden. Dabei weisen wir auf Online-Veranstaltungen, Webinare, Radio- und TV- Sendungen und aktuelle Informationen aus Schweden hin. Hier können Sie sich bei Interesse direkt anmelden. Manchmal verbinden wir unsere Newsletter mit einer Videobotschaft. Unser Video zu Ostern 2021 sehen Sie hier:

Unser Sprachcafé Café Svenska findet nur online statt.

Wir freuen uns aber ganz besonders, dass unsere schwedische Schule Wege gefunden hat, den Unterricht TROTZ den erheblichen Corona-Restriktionen stattfinden zu lassen. Unsere beiden Schulen in Karlsruhe und Dossenheim haben die Probleme auf unterschiedlicher Art und Weise gelöst und NEUE Möglichkeiten der Kommunikation gefunden. Alle Schüler sind begeistert. (im Ostervideo wird davon berichtet).

Wie viele Menschen in Heidelberg interessieren sich denn für die schwedische Kultur? Gibt es auch schwedische Bürger*innen, die in Heidelberg leben?

Margret Dotter: Mit den Schülerinnen und Schülern in unserer schwedischen Schule zählt die DSG ca. 350 Mitglieder. Man kann die Mitglieder in drei Gruppen einteilen: Gemischte Ehen, in denen ein Ehepartner aus Schweden und der andere aus Deutschland kommt, stellen die größte Gruppe dar. Dann haben wir viele deutsche Familien, die einfach von Schweden fasziniert sind und die Landschaft, die Kultur, die Musik und die Menschen im Hohen Norden lieben. Wir haben auch schwedische Familien, die beruflich für eine begrenzte Zeit in Deutschland wohnen und arbeiten. Zusammen ergibt dies eine sehr schöne Mischung von Menschen, die sich gemeinsam an der schwedischen Kultur erfreuen.

Billy-Regal, ABBA und rote Holzhütten – ist natürlich nicht alles, was Schweden ausmacht. Und dennoch wissen viele Menschen erstaunlich wenig über Schweden. Was ist das Besondere an diesem Land?

Margret Dotter: Das besondere an Schweden ist, dass dieses Land, das seit Jahrhunderten kulturell, politisch und wirtschaftlich so eng mit Deutschland verbunden ist, doch so anders ist!

Nicht nur die unberührte Natur, die mächtigen Elche und die langen hellen Sommernächte faszinieren. Meine Studenten, die von ihrem Erasmusjahr in Schweden zurückkommen, berichten alle begeistert auch von der angenehmen und offenen Art, mit der man in Schweden miteinander umgeht: Laut dem “World Happiness Report” gehören die Schweden seit Jahren zu den glücklichsten Völkern der Welt, indem sie

  • eine ausgewogene Work-Life-Balance anstreben und ihre Zeit so einteilen, dass weder die Arbeit noch Familie oder Freizeit zu kurz kommen
  • Vorschussvertrauen schenken – Seit über 200 Jahren haben sie keinen Krieg geführt und mussten sich nicht gegen ihren Nachbarn verteidigen. Das Vertrauen auf gegenseitige Zuverlässigkeit sitzt sehr tief
  • großen Wert auf Unabhängigkeit und Gleichheit legen – Schweden ist eines der gleichgestelltesten Länder der Welt
  • flache Hierarchiestrukturen pflegen – die Tür zum Chef ist immer offen
  • ein außergewöhnlich starkes Bedürfnis nach Konsens haben – Die extremen klimatischen Bedingungen und die geringe Bevölkerungsdichte hat in der Vergangenheit dazu geführt, dass man existenziell aufeinander angewiesen war und mit einander auskommen musste
  • Werte wie Solidarität, Teamwork, Hilfsbereitschaft, Rücksichtnahme schätzen – was auf die 60-jährige fast ununterbrochene sozialdemokratische Regierung zurückgeführt werden kann
Die erste Vorsitzende der Deutsch Schwedischen Gesellschaft Heidelberg (DSG) Margret Dotter, zusammen mit I.M. Königin Silvia in Heidelberg

Und natürlich Königin Silvia – gebürtige Heidelbergerin, die damals 1972 in München bei den Olympischen Spielen jobbte. An dieser Veranstaltung nahm auch der damals schwedische Kronprinz teil, dem die junge Studentin wohl ins Auge gestochen ist (hier gibts mehr über die Geschichte des Adels)... Ist die Königin denn noch manchmal in Heidelberg zu Besuch? Wenn ja, was unternimmt sie hier typischerweise?

Margret Dotter: Ein Höhepunkt vor zwei Jahren war der Besuch I.M. Königin Silvia in Heidelberg anlässlich des 20-jährigen Jubiläums ihrer World Childhood Foundation. Es war eine große Ehre und Freude für uns, dass die Kinder unserer schwedischen Schule bei der anschließenden Einweihung des Childhood-Hauses in Heidelberg, zur musikalischen Gestaltung beitragen durften.

I.M. Königin Silvia kommt regelmäßig auch privat nach Heidelberg, um ihr Familiengrab auf dem Handschuhsheimer Friedhof zu besuchen. Dabei geht sie manchmal an Bord „ihres“ Schiffes MS KÖNIGIN SILVIA um eine Schifffahrt durch das herrliche Neckartal zu genießen. Dieses Flaggschiff der Weißen Flotte Heidelberg wurde am ersten Maiwochenende 2016 feierlich auf den Namen KÖNIGIN SILVIA getauft. Als 1. Vorsitzende der DSG wurde mir die große Ehre zuteil, die Taufhandlung vor den ca. 1000 Gästen und Schaulustigen am Neckarufer vorzunehmen. Hier ein Video zur royalen Schiffstaufe:

Die Europäische Identität kann sich zwar nur auf der Grundlage unseres gemeinsamen europäischen Kulturerbes entwickeln, aber das vereinte Europa schöpft seine Kraft aus seiner kulturellen Vielfalt. Durch die kulturelle Begegnung zwischen Deutschen und Schweden will die DSG nicht nur die bestehenden engen freundschaftlichen Beziehungen pflegen, sondern parallel dazu unseren Beitrag zur europäischen Idee leisten.

Kommen wir kurz zu einem aktuellen Thema: Corona und der Umgang mit der Situation! Dabei geht Schweden offensichtlich einen anderen Weg, den beschreiben Sie in der Schweden aktuell (06/2020), was man hier auf Seite 9 online nachlesen kann. Können Sie uns diesen Sonderweg kurz skizzieren?

Margret Dotter: Das Land Schweden fährt einen eigenen Kurs und appelliert dabei an die Eigenverantwortung seiner Bürger*innen. Um sie nicht zu bevormunden, gibt es Empfehlungen, aber kaum Verbote. Ich finde diesen eingeschlagenen Weg beachtenswert. Es wird informiert und beraten, aber eben ohne Anordnungen und Lockdown. In Deutschland läuft dies anders, was zu gegenseitigem Unverständnis und sogar zu Konflikten führen kann. Das Interessante dabei ist, dass auch die unterschiedliche Handhabung der Corona-Krise ihre kulturellen Wurzeln hat. Das merkt man auch im Geschäftsleben: die virtuell ausgeführten Meetings zum Beispiel werden kürzer, straffer und zielorientierter abgehalten – so wie es in Deutschland üblich ist. Dabei gehen aber die für die Schweden so wichtigen indirekten Kommunikationssignale verloren. Früher kam man oft erst in den sogenannten Fikas, den legendären Kaffeepausen, zu einem Konsens – diese entfallen ja leider jetzt. Man könnte daher die etwas ruhigeren Covid-19-Pausen nutzen, um die Mitarbeiter*innen in interkultureller Kommunikation fortzubilden.

Liebe Frau Dotter, dass ist gut, dass Sie das noch einmal anmerken! Vielen Dank für den wunderschönen Einblick in die wertvolle Arbeit der Deutsch Schwedischen Gesellschaft Heidelberg und weiterhin alles Gute!

Weitere Infos hier: