Interviews,  Studium

Interview mit der Philologin Marina Garanin

Lyrik, Grammatik und die lateinische Sprache – dafür kann sich Marina so richtig begeistern. Aber die Doktorandin der Klassischen Philologie ist auch musikalisch, humorvoll und an Literatur interessiert. Kennengelernt habe ich die Heidelbergerin über ihren ersten Gedichtband, der ihre Liebe zur Stadt offenbart. Vielleicht erinnerst Du Dich. Es wurde im Kurpfälzischen Verlag veröffentlicht und hier vorgestellt:

Damals schon war ich fasziniert, wie gut die gebürtige Moskauerin die lateinische Sprache beherrscht, so als wäre es ihre Muttersprache. Natürlich wollte ich mehr über diese interessante Person erfahren und freue mich, sie auch Dir nun näher vorstellen zu können:

Liebe Marina, Du kommst aus Russland. Seit wann bist Du in Heidelberg und was hat Dich hierher verschlagen?

Marina: (lacht) Ja, ich bin in Moskau geboren und mit fünf Jahren nach Deutschland, nach Baden-Baden gezogen. Viele Erinnerungen an mein Herkunftsland sind mir nicht geblieben. Glücklicherweise haben mir meine Eltern und Großeltern etwas Russisch – auch das kyrillische Alphabet – beigebracht. Aber meine Kenntnisse sind natürlich nicht zu vergleichen mit denen eines bzw. einer Muttesprachler*in.

In Baden-Baden bin ich aufgewachsen und zur Schule gegangen. Dass ich nach Heidelberg ziehen würde, stand irgendwie schon immer fest. Wann immer zu Hause vom Studieren gesprochen wurde, fiel der Name Heidelberg. Außerdem hatte ich zum Ende der Schulzeit einen Freundeskreis in den Vororten Heidelbergs (Sandhausen, St. Ilgen) aufgebaut und somit die Stadt oft besucht.

Du hast Klassische Philologie, Musikwissenschaft und Romanistik studiert. Wieso ausgerechnet diese Fächer und in dieser Kombination?

Marina: Ich schwankte zwischen Tierpsychologie, Übersetzen und Linguistik, Sprach- und Literaturwissenschaft – für letzteres entschied ich mich. Mein Fokus lag zunächst auf Italienisch (was neben Französisch, Spanisch und Portugiesisch auch ein Teil der Romanistik ist). Musikwissenschaft war mein zweites Hauptfach. Ich hatte mich dafür entschieden, weil ich mich für die Theorie von Künsten interessiere (Harmonielehre usw.), und um einen Ausgleich zum Sprachlichen zu haben.

Für beide Fächer waren Kenntnisse in Latein erforderlich. Die fehlten mir, und so habe ich nebenbei Kurse in Latein besucht. Diese an sich herausfordernden Kurse werden häufig als Hindernis empfunden – für mich war es das Gegenteil: Ich liebte sie vom ersten Moment an und freute mich die ganze Woche drauf. Direkt in der ersten Sitzung wurde meine Liebe zur Sprache entfacht.

Das heißt, klassische Philologie kam erst später hinzu?

Marina: Tatsächlich musste Musikwissenschaft für die klassische Philologie weichen. Da meine Begeisterung im Latinumskurs so groß war, sagte mir meine Lateindozentin immer wieder: „Studieren Sie es! Wir brauchen solch begeisterte Leute – es wäre sonst Verschwendung!“ Zunächst zweifelte ich. Denn, was kann man beruflich mit Latein machen?

Doch je mehr ich mich damit auseinandersetzte, desto mehr erkannte ich die Schönheit, aber auch die Relevanz! Mir wurde klar, dass es in erster Linie darum geht, das zu tun, was man liebt. Und ich liebte diese Sprache. Ich konnte mir nicht vorstellen, damit je wieder aufzuhören! Mir gefallen auch die Grammatik und die Reden Ciceros, die wir damals im Kurs intensiv besprochen haben: Es war Musik in meinen Ohren!

Ein Youtube-Video zeigt, wie Du letzten Sommer in New York einen Vortrag hältst – komplett in lateinischer Sprache! Ist es richtig, erlebt die Sprache gerade ein Revival?

Marina: Ja, Latein ist schon lange keine „tote Sprache“ mehr, und sie wird auch nicht nur im Vatikan gesprochen. Es gibt immer mehr Menschen auf der ganzen Welt, die der Sprache neues Leben einhauchen und Latein im Alltag nutzen. Hier ein paar Beispiele:

Luke Ranieri auf Youtube über “Lingua Latina Comprehensibilis 1B · Do you speak Latin?”
Disney Songs in lateinischer Übersetzung “Be Prepared” in Latin! Lion King (lyrics: Stefano Vittori)”
Irene Regini auf Youtube über “Latin lessons for beginners || Latin verbs”
Hierbei handelt es sich um einen Podcast miz dem Titel “De Viro Optimo”

Wie Du siehst, ist Latein keine ausschließlich intellektuelle Angelegenheit. Zwar lesen wir gemeinsam klassische Texte und diskutieren sie auf Latein, doch stets in lockerer und lustiger Atmosphäre – keiner wird für Fehler dumm angeschaut und die Autor*innen lehren uns viele Ausdrücke, die nützlich im Alltagsgespräch sind. Die Community spricht Latein, wie jede andere Alltagssprache und das alltägliche Sprechen wiederum hilft, die Autor*innen besser zu verstehen.

Und was ist mit neuen Wörtern wie Handy, Fernseher oder Internet?

Marina: Auch dafür gibt´s inzwischen Begriffe, die sich in der Community etabliert und durchgesetzt haben. In der Regel werden Wörter verwendet, die es schon in der Antike gab, manchmal etwas umgedeutet. So sagen wir z.B. meistens „pellicula“ für „Film“. Das heißt eigentlich „kleines Fell/ kleine Haut“, was an die Filmrolle erinnern soll. Für Bild- und Tonaufnahmen sagen wir „incidere“ = „einschneiden“: abgeleitet vom Einritzen von Tönen in Rilen auf Schallplatten. Manchmal nehmen wir Wörter aus den romanischen Sprachen oder aus dem Griechischen (wie es früher auch üblich war). So ist ein „Handy“ einfach ein „telephonulum“ (kommt au sdem Griechischen und wird in der Verkleinerungsform verwendet. Für „Internet“ sagen wir „interres“ (wörtlich „Zwischennetz“), für „Facebook“ hat sich „prosopobiblion“ etabliert (wörtliche Übersetzung ins Griechische).

Es gibt auch ein Vatikan-Lexikon für neue lateinische Begriffe, auf das die Community aber weniger zurückgreift, weil die vorgeschlagenen Wörter oft zu lang und zusammengesetzt sind, was dem klassischen Latein eher widerspricht.

Womit beschäftigst Du Dich in Deiner aktuellen Dissertation (Doktorarbeit)?

Marina: Ich untersuche Übersetzungen vom Altgriechischen ins Lateinische aus der klassischen Periode und konzentriere mich dabei auf die Syntax. Die Arbeit ist also größtenteils technischer Natur. Aber ich liebe Grammatik und erfahre nebenbei viel über den kulturellen Kontext einer Schrift. Zum Beispiel frage ich mich, ob es so etwas wie Standardverfahren gab, die verschiedene Übersetzer damals nutzten, z.B.: Das Lateinische hat im Gegensatz zum Griechischen keinen Artikel. Welche Möglichkeiten gab es im Lateinischen, den Artikel zu ersetzen? Das prüfe ich für verschiedene Autoren sowohl der Prosa als auch der Dichtung.

Wenn man an Latein denkt (und da fallen einem ja immer gleich die klassischen Schriften aus dem Unterricht ein), erwartet man trockene Texte und ernste Themen. Ist das so?

Marina: Nicht unbedingt. Zunächst gibt es die Komödien von Plautus und Terenz, häufig Verwechslungsgeschichten, die manchmal eine Art „Slapstick“-Humor haben, nur besser. Catull und Martial schreiben mit viel Leichtigkeit und Witz, haben auch sehr viele Spottgedichte verfasst. Doch auch die Autoren, die man für „ernster“ hält, können sehr witzig sein: Sogar Cicero in seinen Reden und Briefen. Manchmal muss man zwischen den Zeilen lesen, um den Witz zu verstehen. In Ovids Gedichten ist stets ein Augenzwinkern vorhanden – und das, sogar in den Trauergedichten, die er aus dem Exil schrieb!

Hast Du auch Lieblingsautoren?

Marina: Meine Lieblingsautoren sind in der Prosa Cicero, in der Dichtung Vergil und Ovid. Horaz mag ich auch gerne. Von ihm fühle ich mich häufig angesprochen!

Die Lebensweisheiten von Horaz, Seneca und Vergil machen mir Mut, weswegen einige ihrer Sprüche auch bei mit im Zimmer an der Wand hängen. Ein Beispiel von Vergil: “Possunt, quia posse videntur” = „Sie können es – weil sie den Anschein erwecken, es zu können!“

Das Schöne ist wirklich, sie im Original zu lesen und so mit den Autoren in Kontakt zu treten. Ich beschäftige mich nie nur mit der Sprache, sondern erfahre nebenher wertvolle Inhalte – die man zum Teil auch auf die Gegenwart übertragen kann. 

Neben der Promotion arbeitest Du an einigen lateinischen Gedichten, übersetzt Texte und vertonst einige Deiner Gedichte zu Liedern. Ist das aktuelle Wetter für Dich eigentlich auch eine Inspirationsquelle für Deine kreativen Tätigkeiten?

Marina: Manchmal ja. Erst am Wochenende war ich wieder oben auf dem Schoss. Heidelberg ist ja auch bei Regenwetter ein unglaublich schöner, inspirierender Ort. Der Nebel legte sich malerisch über die schlammigen Fluten des Neckars und bedeckt die Spitze des Heiligenbergs: Diese Impressionen verwertete ich zum Beispiel in meinem neusten lateinischen Gedicht. Im Moment entsteht eine neue Gedichtesammlung – in lateinischer Sprache.

Meine Kreativität ist jedoch wetterunabhängig. Auch im Sommer finde ich zahlreiche Gelegenheiten zum Dichten. Und die Heidelberger Stauwehrbrücke ist einer meiner Lieblingsplätze.

Du schreibst über eine Brücke, über die Cafés und den Wald in Deinem ersten deutschsprachigen Gedichtband „Der Knopf“ (Kurpfälzischer Verlag). Kannst Du Dir eigentlich auch vorstellen, einmal wo anders zu wohnen?

Marina: Heidelberg ist meine Wahlheimat. Ich habe hier bereits eine lange Zeit verbracht und könnte mir vorstellen, hier zu bleiben. Da ich aber den Wechsel mag und nicht so sehr an einen Ort gebunden sein möchte, ist es auch vorstellbar, in anderen Städten oder Ländern zu leben – doch vergleiche ich alles mit Heidelberg!

Während meines Studienaufenthalts hat mir die Stadt Bologna in Italien gefallen, eine Universitätsstadt, wie Heidelberg mit dem angenehmen Unterschied, dass sie nicht zu touristisch ist. Ich lebte auch für eine Weile in Oxford, was Heidelberg ebenfalls sehr nahe kommt. Bei Heidelberg schätze ich besonders das studentische Flair, die gemütliche Altstadt, aber auch die Größe – alles ist schnell zu Fuß erreichbar und dennoch ist Heidelberg kein Dorf. Außerdem genieße ich die Nähe zum Fluss und ich bin in wenigen Minuten direkt im Wald. Städte wie Berlin oder Stuttgart wären mir fast schon zu groß und unüberschaubar. Zudem kommen noch all die Erinnerungen aus der Studentenzeit hinzu. Mit jeder Straße und jedem Winkel verbinde ich eine persönliche Geschichte. Mein Umzug damals aus Baden-Baden hierher war ein Umzug in ein neues, viel, viel schöneres Leben. Das macht Heidelberg für mich zu etwas Besonderem!

Ja, das können, glaube ich, viele nachvollziehen! Es ist manchmal wie eine Liebesbeziehung. Der Dichter und Lyriker Friedrich Hölderlin hätte es in seiner weltberühmten Ode an Heidelberg nicht besser ausdrücken können. Wir sind jedenfalls sehr gespannt auf Deine weiteren Gedichte, liebe Marina, und wünschen Dir weiterhin viel Erfolg und Durchhaltevermögen bei Deinen sprachwissenschaftlichen Studien. Vielen Dank für das schöne Gespräch!

Hier gibts mehr über die Doktorandin, Dichterin und Lateinliebhaberin:

“Colloquium de ludis – Caelum MMIXX” in Madrid
Marina auf Youtube über “Seneca, Medea, 3. Chorlied (3th choir), Sapphic Stanza, Latin Reading (Nulla vis flammae)”