Alltag,  Interviews

Interview mit der Musikerin Ayla

Heute sprechen wir mit Ayla, einer 18-jährigen Abiturientin und Musikerin, der unsere Umwelt (und Zukunft!) sehr am Herzen liegt. Sie ist so etwas wie Heidelbergs “Greta”: ihre nachhaltigen Ziele verfolgt sie ebenfalls an vorderster Front – allerdings nicht als Speakerin, sondern als Musikerin und Singer-Songwriterin. Ayla hat konkrete Vorstellungen, wie man nachhaltig leben und aktiv etwas beitragen kann. Das hat sie auch bereits in zahlreichen Fernseh- und Zeitungsbeiträgen gezeigt. Wir freuen uns sehr, mit ihr über ihre Ideen und ihren Alltag zu sprechen. Erfahre im Interview, was die junge Heidelbergerin heute anders macht:

Liebe Ayla, vor etwa einem Jahr hast Du “Luxus gegen Umwelt eingetauscht”. Was war für Dich das einschneidende Erlebnis, dass Dich zum Umdenken bewogen hat?

Ayla: Es gab bei mir nicht das eine große, sondern eher viele kleine Ereignisse, die langsam dazu geführt haben, im Interesse der Umwelt zu handeln. Ich bin von Natur aus ein sozialer und naturverbundener Mensch. So fühle ich mich verpflichtet, ein Vorbild zu sein und die Welt zu verbessern. Ich glaube, dass mein Privileg als Kind, viel zu Reisen und vieles zu erleben – und vor allem von meinen Eltern so erzogen zu sein, alles kritisch zu hinterfragen – die grundlegenden Bausteine gesetzt hat.

Bestimmte Ereignisse aber haben mich und meine Entscheidungen auf jeden Fall sehr beeinflusst. Zum Beispiel im Urlaub am Strand: beim Spaziergang sah ich toten Algen und Plastikmüll im Sand herumliegen. Aber auch hier in Heidelberg, wenn ich unterwegs bin und auf den Boden schaue, sehe ich all die herumliegenden Zigarettenstummel.

Schnell war mir klar: ich will kein Plastik kaufen, verbrauchen oder wegschmeißen. Ich habe so viele tolle, umweltfreundliche und vor allem billige Alternativen gefunden, dass es mir echt komisch vorkommt, mit Plastik in Berührung zu kommen. Plastik passt nicht mehr zu mir. Damit fühle ich mich super unwohl. Ich denke, ich habe meinen Luxus in Wahrheit gar nicht umgetauscht, sondern, ich habe ihn gefunden!

Was genau ist für Dich Luxus?

Ayla: Es ist Luxus, sich wohl zu fühlen, zu wissen, was man tut, anderen eine Freude zu machen und sich ganz im Reinen zu fühlen. Ich vermeide importiertes Obst und Gemüse, zum Beispiel Bananen, Avocados, Passionsfrüchte, die alle zum “healthy lifestyle” zählen, aber einmal um die Welt gefrachtet werden. Stattdessen esse ich lieber Äpfel von unseren eigenen Wiesen, Kiwis vom Feld, Gurken und Tomaten aus der Region. Man kann bei uns einfach ins Feld zum Bauern gehen und dort eigen angepflanztes Obst und Gemüse kaufen. Da gibt es kein Plastik, keine langen Warteschlangen und meistens ist es auch noch billiger und man ist an der frischen Luft. Auch Secondhand-Shopping finde ich super. Und wenn ich etwas Spezifisches dringend brauche, dann schaue ich kurz bei der App “Kleiderkreisel” (heißt jetzt “Vinted”) nach.

Du hast Dich recht früh, bereits in der Schulzeit mit Nachhaltigkeit auseinandergesetzt. Wie sah das konkret aus?

Ayla: Es beginnt schon beim Schulmaterial. Seit der neunten Klasse nutzte ich zum Beispiel recyclebare Buchumschläge aus Stoff, nahm Holzstifte statt Fineliner, griff zu Scheren aus Metall (ohne Plastikgriff) oder setzte auf Trinkflaschen aus Glas. Mein Mäppchen war plastikfrei, der Radiergummi aus Kautschuk, das Lineal aus Holz usw. Es geht im Prinzip ganz einfach.

Meine Biologielehrerin aus der zehnten Klasse hat mich außerdem auch beeinflusst. Klar lernt man in der Schule eher die Basics, wie “das Licht nicht unnötig brennen lassen” oder “das Wasser nicht unnötig fließen lassen” und “weniger Fleisch essen” aber das habe ich alles zu der Zeit sowieso schon gemacht und hatte das Gefühl, ich komme nicht weiter.

Was heißt das konkret?

Ayla: Ich denke ich kann noch viel mehr tun und es werden noch wichtige Schritte in der Zukunft kommen. Ich möchte ja ins Showbusiness als Singer-Songwriterin gehen und bekomme durch den regelmäßigen Austausch mit meiner Patin Oonagh immer wieder neue Ideen, wie man Kunst umweltfreundlich macht. Pro Aufführung gibt es ja leider immer hohe Energiekosten. Damit meine ich nicht das Geld, sondern unsere Umwelt, die darunter leidet.

Ich bin auch nicht perfekt umweltfreundlich. Schließlich mache ich im Winter Eiskunstlaufen, was auch sehr energieaufwendig ist. Aber es gibt immer Dinge, die man zum Ausgleich machen kann. Zum Beispiel nutze ich Ecosia*, den ich dieses Jahr entdeckt habe. Ich habe schon mehrere “Bäume gepflanzt”, allein durch die Nutzung dieser Seite.

*Ecosia ist eine ökologische Suchmaschine, die laut eigenen Angaben 0,5 Cent pro Suche verdient. Das Pflanzen eines Baumes beträgt 22 Cent. So wird aus ca. 40 Suchanfragen ein neuer Baum gesetzt.

Apropos Baum: dieses Jahr habe ich ein ganz besonderes Geschenk zum Geburtstag erhalten – eine Eiche. Mein Name heißt auf Hebräisch Eiche und ich liebe es, Bäume zu pflanzen.

Das ist ja ein schönes, sehr außergewöhnliches Geschenk. Wie alt bist Du denn geworden? Und was machst Du aktuell?

Ayla: Ich bin gerade 18 Jahre alt geworden, fühle mich aber absolut nicht so. Ich fühle mich eher, “wie mich selbst”. Ich habe diesen Sommer Abi gemacht und jetzt ein gap year 🙂 Aktuell arbeite ich an meinem ersten musikalischen Album. Ich plane Musikvideos, mache Workshops, Cooperations mit tollen Musikern, lerne mich selbst kennen und atme kurz durch, nach dem ganzen Abiturstress.

Dann bist Du ja jetzt auch im typischen Alter für einen Führerschein. Wie sieht es denn damit aus?

Ayla: Früher habe ich mich viel öfter mit dem Auto irgendwo hinfahren lassen, jetzt fahre ich mit dem Fahrrad. Auch wenn es regnet. Auch wenn es friert. Auch wenn ich faul bin. Ich mache auch keinen Autoführerschein, weil ich darin keine Zukunft sehe. Ich setzte komplett auf Zug und Fahrrad und meine beiden Füße, die mich überall hintragen. Über diesen Punkt gibt es aber manchmal Diskussionen in der Familie, weil “Autos ja auch ganz praktisch sein können”.

Welches Auswirkungen hat Dein nachhaltiges Leben auf Deinen Alltag? Was hat sich geändert?

Ayla: Ich habe mich schon lange mit den Problemen beschäftigt und hatte aber nie eine Lösung. Wenn ich früher mal eine Idee äußerte, dann bekam ich oft zu hören, “ja, aber das ändert doch nichts”.

Wenn ich jetzt Müll rumliegen sehe, hebe ich ihn auf und schmeiße ihn in den nächsten Mülleimer. Meine Mitschüler witzelten schon, ich würde bei der Abifeier auf der Neckarwiese diejenige sein, die den ganzen Müll aufräumt, anstatt ihn mit der Gruppe zwangsläufig zu produzieren.

An sich ist mein Alltag nicht anders als zuvor. Ich putze mir die Zähne mit einer hölzernen Zahnbürste und nutze ein Stück Seife zum Duschen. Da gibt es eigentlich keinen großen Unterschied zu früher 🙂

Da gehört jede Menge Selbstsicherheit und Selbstbewusstsein dazu. Wie gehst Du generell mit “blöden Sprüchen” von Mitschüler*innen und Mitmenschen um?

Ayla: Ich bin ein eher introvertierter und schüchterner Mensch. Meine Sicherheit habe ich aus dem “Nachhaltigsein” gewonnen. Ich weiß, das es richtig ist und lasse mich da von niemandem abbringen. Zum Teil gehört es ja auch zu meiner Persönlichkeit (was nicht bei jedem zwingend sein muss, der sich engagiert). Ich denke, zu akzeptieren wie man ist oder wie man sein will, hilft auf jeden Fall sich von Kommentaren nicht runterziehen zu lassen. Schließlich kann man nicht jedem gefallen und es schon gar nicht jedem Recht machen. Mir hat die Nachhaltigkeit geholfen, mich selbst zu finden und dazu zu stehen!

Und wie sieht es mit der Einrichtung Deiner Wohnung aus?  

Ayla: Ich wohne momentan noch bei meinen Eltern (was ich nie so geplant habe, aber die aktuelle Wohnungslage und die Preise lassen es nicht anders zu). Mein Zimmer ist allerdings sehr grün. Ich habe ganz viele Zimmerpflanzen und auch im Garten pflanze ich mein eigenes Gemüse an. Ich liebe Secondhand-Sachen und eine simple Einrichtung.

Oft verbindet man Nachhaltigkeit auch mit Fleisch- und auch Flugverzicht … ist das bei Dir auch so? 

Ayla: Ja, ich ernähre mich so gut wie vegan, nenne es aber nicht so beim Namen, weil ich mich nicht labeln möchte. Sagen wir, meine Ernährung ist Pflanzen-basiert.

Manchmal aber muss ich gegen meine Prinzipien handeln, als ich etwa für einen Job nach Mallorca ging. Dafür musste ich in einen Flieger steigen, was ich aber durch eine CO2-Kompensation ausgleichen konnte. Im Großen und Ganzen finde ich Fliegen unnötig und vollkommen überbewertet. Zugfahren ist um vieles umweltfreundlicher, entspannter und effektiver.

Das schönste Geschenk letztes Jahr zu Weihnachten war für Dich die “Patenschaft für ein afrikanisches Kind”. Was wünschst Du Dir für dieses Jahr? 

Ayla: Ja, das führe ich auch weiter. Diese Weihnachten werde ich Bäume pflanzen 🙂

Last but not least: Du hast einen Song mit dem Titel “Hands up” veröffentlicht. Worum geht es dabei?

Ayla: Es geht darum, zu realisieren, dass man etwas unternehmen und etwas für die Umwelt tun muss.

Über Ungerechtigkeiten aller Art:

Unser messbarer Reichtum vs Armut – “count lego blocks you’re possessing fewer humans on earth are living”

Eigene Beobachtungen die ich gemacht habe

Das Absterben des Korallenriffes, Aussterben von Fischen wegen Plastik im Meer – “Go dive there ain’t no fish to see – only dead coral stranding down here”

Über Kleider-Konsum (waste Wirtschaft vs. Secondhand und Recycling) – “wear trendy clothes – factory kids work as ghosts”

Über co2 Ausstoß – “no oxygen left so breathe the city dust “

Über Handy-Konsum (Energie und ihre Herstellung) – “charging phones and radioactive bones”

Und der falsche Ruf von genetisch verändertem Obst und Gemüse – während Pestizide das schlimmste Mittel sind, um Menschen zu ernähren, aber auch den Pflanzen und Tieren durch Vergiftung der Grundwässer schadet – “consume pesticides there go the fruitflies”

Ich kritisiere explizit die Auto- und Lebensmittelindustrie, aber vor allem unsere eigenen Verhaltensweisen. Der Song soll dem Zuhörer einen Spiegel vorhalten und zeigen, wie vielfältig Nachhaltigkeit ist. Jeder kann in so vielen Aspekten und Bereichen etwas Gutes tun.

Liebe Ayla, vielen Dank für dieses inspirierende Interview, dass zum Nachdenken anregt! Du zeigt, dass Nachhaltigkeit sehr vielfältig ist. Jeder von uns kann im Kleinen dazu beitragen, etwas Gutes zu tun, um am Ende vielleicht etwas Großes zu bewirken. Es geht schließlich um unsere Zukunft! Umweltsorge, wie sie von so jungen Menschen wie Alya ausgeht, ist wichtig und daran sollten wir uns ein Beispiel nehmen. Vielen Dank!

Erfahre hier mehr über die junge Heidelbergerin

Heidelberg ist NACHHALTIG – die Stadt belegt Platz 3 im Großstadt-Ranking der WirtschaftsWoche im Dezember 2020. Und das liegt nicht nur daran, dass sich Bewohner*innen wie Alya für ökologische Ziele stark machen, sondern, weil Heidelberg auf wirtschaftlicher und wissenschaftlicher Ebene nachhaltig unterwegs ist. Mehr dazu in diesem Beitrag: