Interviews,  Über Heidelberg

Interview mit der Künstlerin Cholud Kassem

Nachmittags um drei stehe ich mitten in Kirchheim vor dem Kunstatelier von Cholud Kassem. Ich habe schon viel über sie gelesen und jede Person, mit der ich über Heidelbergs Kunst- und Kreativszene gesprochen habe, verweist auf Cholud. Für mich ist sie inzwischen das prägende Gesicht der Kunstszene Heidelbergs und der Blick ins Schaufenster ihres Ateliers zeigt jetzt schon ein Ausnahmetalent. Umso mehr freue ich mich, dass sie Zeit für dieses Gespräch gefunden hat.

Pünktlich und auf die Minute

Pünktlich und auf die Minute genau kommt eine Frau mit dem Fahrrad die lange Pleikartsförster Straße, in der sich auch das Atelier befindet, auf mich zugefahren. Ein freundlicher Gruß lässt mich sofort wissen, dass es sich um Cholud handelt.

Wir gehen zusammen durch das Atelier im Erdgeschoss, der rote orientalische, große Teppich im Eingangsbereich fällt sofort auf. Wir kommen später noch einmal auf ihren Hintergrund und die arabischen Einflüsse in ihren Werken zu sprechen. Zunächst aber gehen wir hinauf, in die erste Etage, wo sich der eigentliche Arbeitsraum befindet.

Cholud bedeutet “Ewigkeiten” (arab.)

Hier entstehen nicht nur Choluds Arbeiten, sondern findet auch der Unterricht statt, den die ausgebildete Kunstpädagogin normalerweise – wenn nicht gerade Corona-Ausnahmesituation herrscht – anbietet. Der Name Cholud ist arabisch und „er bedeutet Ewigkeiten“ erklärt sie mir. Ich hätte ihr an diesem Nachmittag auch ewig zuhören können!

Choluds Kunstkurse verwandeln das Atelier zum interessanten Treffpunkt

Cholud zeigt mir zunächst Kataloge, Bilderserien an denen Sie gearbeitet hat und Projekte, die momentan anstehen. Sie zeigt mir, mit welchen Utensilien sie arbeitet, auf welchem Bildträger ihre Arbeiten entstehen, wie sie die Rahmen (selbst!) anfertigt und die Farben – viele bunte Pulverdöschen – zusammenmixt. “Ich arbeite mit Öl-Pastellen und selbstangemischten Acrylfarben, diese setzen sich zusammen aus Acrylbinder und Pigmenten“. Ich will das unbedingt auch mal ausprobieren, denke ich prompt. Ja, das muss man ihr lassen. Sie hat eine unglaubliche Aura und die besondere Fähigkeit, einen für das Ästhetische zu gewinnen. Kein Wunder, dass sie einigen Schüler*innen im Laufe der letzten 10 Jahre bereits zu Ausstellungen eigener Werke verholfen hat. Dabei kommen sie aus ganz unterschiedlichen Bereichen: sie arbeiten zum Beispiel als Analytiker*innen, Kunstlehrer*innen oder Jurist*innen. Cholud ist so etwas wie eine Mentorin und ihr Atelier ein zentraler Treffpunkt verschiedenster Charaktere. Und das liebt die sonst oft allein und spät in die Nacht arbeitende Künstlerin sehr.

Die Werke sind Mittelpunkt des Geschehens

Ihre Kunst ist experimentell, abstrakt und symbolisch. Die Werke heißen „Schutzlinge“, „Tarnhelme und Superkarmas“ oder „Burka Hidschab Nonnenschleier“. Sie sind aber alles andere als nette Hintergrundkulisse für das Wohnzimmer. Die Werke transportieren enorme Wirkungskraft und werden automatisch zum Mittelpunkt des Geschehens.

Woher hat Cholud ihre Ideen? Wie ist sie überhaupt zur Kunst gekommen?

Die in Bagdad geborene, in Mannheim und Viernheim aufgewachsene und stark in Heidelberg verwurzelte Frau kann auf ein sehr bewegtes Leben zurückblicken (der Platz hier reicht definitiv nicht aus, die einzelnen Stationen alle aufzuzeigen).

Ihre Eltern trennen sich früh. Die Mutter geht zurück in den Irak, der Vater arbeitet als Ingenieur und kann sich nicht um das kleine Mädchen kümmern. Cholud wächst teils im Kinderheim und bei Pflegeeltern auf. Ihre Kindheit ist stark christlich (katholisch) geprägt, was ungewöhnlich für jemanden ist, der muslimische Wurzeln hat. Nach der Schule absolviert sie eine Ausbildung zur Zahnarzthelferin und erhält einen Zugang über die Begabtenprüfung an der PH Heidelberg. Hier studiert sie die Fächer Kunst, Geografie und Deutsch. Weil sie so spät damit beginnt, kann sie keine Förderungen wie BaföG und später keine Stipendien erhalten. Sie erlebt selten Rassismus, aber eine Art von Altersdiskriminierung. „Die meisten Ausschreibungen waren begrenzt auf ein bestimmtes Alter. Ich lag meistens drüber, da ich ja erst später mit der Kunst angefangen habe. Dies hat sich zum Glück inzwischen etwas geändert.“ Schließlich finanziert sich Cholud mit Jobs im Café, im zahntechnischen Labor und als Dozentin.

“Zeichnen, um ganz bei mir zu sein”

Mit knapp 40 Jahren beendet sie ihr Studium. „Während andere in diesem Alter bereits ihre Familiengründung abgeschlossen haben und mit beiden Füßen fest im Berufsleben stehen, befand ich mich gerade Mal am Anfang“. Ihre Unsicherheit verarbeitet sie zunächst in einem Tagebuch – jedoch nicht in Wortschrift, sondern in Zeichnungen, die sie zunächst niemandem zeigt. Sie halfen ihr, aus der Melancholie auszubrechen, „und um ganz bei mir zu sein“. Gleichzeitig war genau diese Melancholie ihre schöpferische Antriebskraft.

Vielschichtigwie das Werk, so die Persönlichkeit

Heute weiß die erfahrene Künstlerin sehr gut mit dem Gefühl der Unsicherheit, des Alleinseins oder Stillstands, wie wir es aktuell durch Corona erleben, umzugehen. Sie hat eine enorme Resilienzfähigkeit. Das heißt, ihr Umgang mit Krisensituationen ist geduldiger und liebevoller. „Aber auch das musste ich erst lernen, schmerzhafte Erfahrungen aushalten.“ Sie nutzt sie sinnvoll und verarbeitet sie in ihre Werke. Das ist auch der Grund, warum ihr schöpferisches Tun so von Leben, Intimität und Ausdruck erfüllt ist. Und das Interessante dabei ist, dass sie sich stets vom Gefühl leiten lässt. Sie plant nicht, sie weiß im Grunde nicht einmal genau, wie die vielen Bilder, an denen sie parallel arbeitet, am Ende tatsächlich aussehen werden. Sie übermalt, dreht und wendet das Blatt, tauscht Farben und Muster aus, bis sie das Gefühl hat, dass es die richtige Form angenommen hat. Diese Herangehensweise ist mutig und verschafft ihren Werken zugleich diese besondere Tiefe. Schicht um Schicht, ein bisschen wie ihre eigene Persönlichkeit: vielfältig, tiefgründig und nicht sofort durchschaubar.

“Ich würde nichts anders machen”

Es gibt nichts, was Cholud heute anders machen würde, könnte sie die Zeit zurückdrehen. Auch wenn ihr Lebensweg eher zickzackartig verlief, „es hat sich alles irgendwie gut gefügt“, lächelt sie. Sie lernte in all dieser Zeit, sich auf das Nötigste zu beschränken, wenn es sein musste und gleichzeitig auf die Glückmomente zu achten, die in ihrem Leben zahlreich vorkamen. Cholud ist ein äußerst dankbarer und ein herzenswarmer Mensch. Sie ist sich sicher, dass Ursache und Wirkung, sprich „Karma“, eine wesentliche Bedeutung fürs Leben haben. In ihrer Schaffensperiode hat sich auch ihr Stil etwas geändert. Früher waren die Bilder ruppiger. Heute sind sie weicher und lassen warme Goldpigmente zu – sicherlich auch durch die Auseinandersetzung mit dem Orient (ihrer Herkunft).

Bemerkenswert: in kurzer Zeit so hohes Niveau

Cholud wurde im gewissen Sinne als Künstlerin geboren und gleich bald als solche – von Hans Gercke, dem ehemaligen Leiter des Heidelberger Kunstvereins – entdeckt. Seit 1995 ist sie als Künstlerin tätig. Sie hat bundesweite Ausstellungen in Museen, Galerien und Kunstvereinen. Ihre Bilder hängen nicht nur bei der Stadt Heidelberg, sondern im Regierungspräsidium Karlsruhe und sogar im Verteidigungsministerium in Berlin. Sie arbeitet eng mit dem Museum Haus Cajeth zusammen, dass in der Heidelberger Altstadt zu finden ist, ihr Atelier befindet sich im Kirchheimer Zentrum. Das Bemerkenswerte ist, dass Cholud in relativ kurzer Zeit ein hohes Niveau erreicht hat, was nicht nur ihren Fleiß und ihr Engagement unterstreicht, sondern vor allem ihre Kompetenz und ihr außergewöhnliches Talent.

Von wegen, den ganzen Tag malen!

Ihre Inspiration speist die Heidelbergerin aus täglichen Eindrücken, Erlebnissen aus der Vergangenheiten, Begegnungen und Erfahrungen. Mal ist es ein Motiv, dass immer wieder auftaucht, mal eine Eingebung, die sie zu Papier bringt. Auch die pädagogische Arbeit bereichert die Freischaffende sehr. Dazwischen passiert viel Organisation und Verwaltung. Ich bin erstaunt, dass die tatsächlich kreative Arbeit des Malens oft nur einen Teil ausmacht.

Was aktuell fehlt

Aktuell leidet die Künstlerin etwas am impulsarmen Alltag. Ihr fehlt der Austausch, die Gespräche mit Freunden (die sie auf der ganzen Welt hat), das Unterwegssein, die täglichen Aufgaben, die sonst für Stabilität im Leben sorgen. „Und das tägliche Schwimmen“ so betont die Heidelbergerin „sorgt normalerweise für den Ausgleich, mein körperliches Wohlbefinden“. Weil die Bäder noch immer geschlossen haben, stieg sie sogar schon in den Neckar.

Die Stadt kann stolz auf ihre Künstlerin sein

Das Gespräch nähert sich langsam dem Ende. Draußen ist es bereits dunkel und der Magen knurrt allmählich. Cholud verabschiedet mich herzlich und macht sich sofort wieder an die Arbeit. Sie drückt mir zum Schluss noch eine Zeichnung in Postkartengröße in die Hand. „Dein persönlicher Schutzschild“, sagt sie über den darauf abgebildeten Engel, abstrakt in grün-weißer Farbe auf anthrazitgrauem Hintergrund gezeichnet. Ich bin gerührt und im wahrsten Sinne beflügelt. Cholud ist das, was eine echte Heidelbergerin ausmacht: weltoffen, talentiert, herzlich und einzigartig! Die Stadt kann stolz auf Ihre Künstlerin sein.

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