Interviews

Interview mit der Krimiautorin Ingrid Noll

Gehört haben wir schon oft von ihr. Die Schriftstellerin Ingrid Noll gehört zu den bekanntesten, wichtigsten und zeitgenössischen Autorinnen aus der Region. Ihre Romane sind Kriminalgeschichten, bei denen die Helden hauptsächlich Frauen sind. Und sie sind gleichzeitig die Hauptverdächtigen. Das macht es auch so spannend und unverwechselbar.

Wir haben Ingrid Noll zugegeben erst spät entdeckt, letztes Jahr über die Kurzgeschichten, mit dem Titel “In Liebe Dein Karl” (hier gehts zur Rezension). Erst wenige Monate später – und erst vor kurzem – veröffentlichte Noll den nächsten Roman im Diogenes Verlag, den wir ebenfalls lesen durften. Zugegeben, der Titel “Kein Feuer darf brennen so heiß” sagt uns erst einmal gar nichts. Worum geht es da? Und wer hat hier wen, wie und weshalb umgebracht? Lauter Fragen, die sich im Laufe der Geschichte langsam aufklären – mit einigen Überraschungsmomenten. Es gibt jedenfalls nicht nur einen Mord! Dafür ist Ingrid Noll schließlich bekannt: eigentlich “todernste” Situationen mit sehr viel Kreativität und schwarzem Humor darzustellen und so für Spannung zu sorgen.

Natürlich fragt man sich während der Lektüre immer wieder: Woher hat sie diesen Einfall? Was hat sie inspiriert? Gibt es eine solche (ähnliche) Person tatsächlich in ihrem Umfeld? Worauf spielt sie hinaus? In welchem Umfeld schreibt sie ihre Romane? usw. Und so freuen wir uns, der großartigen Schriftstellerin Ingrid Noll unsere Fragen heute direkt zu stellen. Viel Spaß beim Interview:

Liebe Frau Noll, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für dieses Gespräch genommen haben! Der Buchtitel Ihres neuen Kriminalromans heißt “Kein Feuer kann brennen so heiß” – was verrät er uns über die Geschichte? 

Ingrid Noll: Der Buchtitel bezieht sich auf ein altes Volkslied, das der jüngeren Generation wohl kaum bekannt ist. Es heißt: Kein Feuer, keine Kohle, kann brennen so heiß, als heimliche Liebe, von der niemand nichts weiß. Da man unter Kohle heutzutage eher Bargeld versteht, habe ich den Titel verkürzt. Aber der Roman handelt unter anderem auch von verheimlichter Liebe.

Die Charaktere – da ist zum Beispiel die tollpatschige Pflegerin, die gelähmte alte Dame, der singende Masseur, der Erbschleicher, der schüchterne Student usw. –  sind wieder einmal sehr interessant gewählt und haben je eine Überraschung auf Lager. Wie sind Sie auf diese Story gekommen? Was hat Sie inspiriert? Woher haben Sie diese interessanten Ideen? 

Ingrid Noll: Es geht ja zunächst einmal um die Protagonistin, die unter mangelndem Selbstbewusstsein leidet. Ihr Vater wünschte sich einen Sohn und verweigerte seiner etwas plumpen Tochter Anerkennung und Liebe. Lorina wählt den Beruf der Altenpflegerin, weil sie meint, dass ihr Äußeres hierbei keine große Rolle spielt. Bei dieser Konstellation ergaben sich die skurrilen Nebenrollen fast von selbst. – Zum Glück habe ich nie unter Mangel an Phantasie gelitten, so dass es mir nicht schwerfällt, mir ein kleines Universum auszudenken. Mein hohes Alter erweist sich in einem Punkt sogar als Vorteil: Lebenserfahrung und Menschenkenntnis haben sich von langer Hand angesammelt.

Dieses Mal haben Sie auch wieder “chinesische” Elemente einfließen lassen. Prägt Sie ihre Kindheit (Sie sind ja in Shanghai geboren und sind dort aufgewachsen) im Alltag noch immer? 

Ingrid Noll: Die frühen Jahre prägen uns alle, egal ob sie nun im Odenwald oder in China stattfinden. Aber natürlich habe ich sowohl sehr schöne als auch traurige Erinnerungen an das Land meiner Kindheit und seine Bewohner.

Sie schreiben seit Ihrer Schriftstellerin-Karriere (1991) fast jährlich einen Roman. Wie kann man sich das vorstellen? Sind Ihre Bücher jeweils ein Jahresprojekt, an dem Sie ein Jahr lang arbeiten? Wie ist Ihr typischer “Arbeitsalltag”? 

Ingrid Noll: Meine Romane erscheinen etwa alle zwei Jahre. Dazwischen schreibe ich gern Kurzgeschichten oder auch Zeitungsartikel, aber ich nehme mir immer Zeit für Familie und Freunde. Die gehen nämlich vor. Ein typischer Arbeitsalltag sieht so aus: morgens, nach Zeitungslesen und Kaffeetrinken schreibe ich am liebsten, am Nachmittag nur, wenn ich eine besonders zündende Idee habe.

Tauschen Sie sich während Ihrer Schreibphase mit jemandem aus? 

Ingrid Noll: Gelegentlich spreche ich mit Familienmitgliedern über mein jeweiliges Projekt oder frage natürlich auch mal Spezialist*innen, wenn es um ein bestimmtes Problem geht.

Und haben Sie die Geschichten vorher schon im Kopf oder entwickelt sie sich erst während Ihres Schreibens? 

Ingrid Noll: Ich habe zwar einen roten Faden im Kopf, aber manchmal entwickelt sich die Geschichte auch noch anders. Auf jeden Fall muss ich meine Heldin sehr gut kennen, vorher fange ich gar nicht erst an.

Sie sind jetzt nicht nur Botschafterin Weinheims – dem Ort bei Heidelberg, in dem Sie leben – sondern wurden kürzlich vom örtlichen Polizeipräsidium ausgezeichnet. Spielen Ihre regionalen Kriminalgeschichten auch manchmal auf echte Fälle an? 

Ingrid Noll: Eigentlich will ich nie auf bereits bekannte Fälle anspielen, vielleicht kann es aber trotzdem unbewusst einmal geschehen. Meine Geschichten spielen zwar immer in der Region, könnten aber theoretisch auch woanders angesiedelt sein. Es sind im Grunde keine expliziten Heimatkrimis, denn sie werden ja im ganzen deutschsprachigen Raum gelesen. Da es mir hauptsächlich um die psychische Befindlichkeit meiner Personen geht, ist das Ambiente zwar wichtig, steht aber nicht im Vordergrund.

Gibt es auch einen typischen “Heidelberger Mord” in einem Ihrer Bücher? 

Ingrid Noll: “Die Häupter meiner Lieben“ spielt in Heidelberg und in der Toskana, aber leider kann ich nicht mit einem typischen „Heidelberg-Mord“ aufwarten. Aber was nicht ist, kann ja noch werden…

Stimmt! Wir bleiben gespannt und freuen uns auf weitere Krimis aus der Region und der Welt. Vielen Dank für dieses schöne Interview, liebe Frau Noll und ebenfalls, herzlichen Dank an den Diogenes Verlag für das Rezensionsexemplar.

Wenn Du denkst, Du kannst dieses Buch einfach vor dem Schlafengehen lesen, dann hast Du Dich getäuscht! Die Geschichten von Ingrid Noll sorgen für Gänsehaut und Adrenalin. An Schlafen ist nicht mehr zu denken:

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