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Interview mit der Fotografin Susanne Lencinas

Kind zweier Künstler. Da liegt es nahe, dass Susanne Lencinas irgendwann beruflich einmal etwas mit „Kunst“ am Hut haben wird. Susanne ist heute 55 und blickt ein wenig nachdenklich auf die letzte 30 Jahre zurück.

Ich durfte Susanne persönlich in ihrem Studio im DEZERNAT 16 – dem Kultur- und Kreativwirtschaftszentrum in Heidelberg, kennenlernen. Ja, Susanne macht etwas Künstlerisches. Sie ist Fotografin, eine unglaublich talentierte. Sie ist aber mehr als nur die Frau hinter der Kamera. Ihre Bilder sind philosophisch, ja, sie sprechen eine ganz eigene, emotionale Sprache.

Susanne trägt an diesem Tag einen roten Pullover. Er passt zu ihrer sehr lebendigen, sehr performativen Art. Man lauscht ihr ganz aufmerksam und vergisst sogar die Zeit, die man für das Interview eingeplant hat.

Irgendwann klingelt ihr Telefon (der nächste Termin) und sie unterstreicht noch einmal genau das Bild, dass man sich in dieser kurzen Zeit von ihr gemacht hat: unkompliziert, präsent und mit vollem Herzen dabei. Unser Termin wird nicht abrupt abgebrochen, sondern bis zur letzten Frage geführt. Und ich bin froh drum. Denn ich lerne gerade eine sehr interessante Heidelbergerin kennen, die ich Dir natürlich nicht vorenthalten möchte.

Zurück zum Anfang.

Nach dem Abitur bereist Susanne zunächst die US-Staaten. In Amerika träumte sie von einem Kunststudium, was allerdings aufgrund der hohen Studiengebühren nicht möglich ist. Also kommt sie zurück nach Deutschland und beschließt, als Flugbegleiterin zu arbeiten. Sie schreibt sich parallel an der Uni Frankfurt für Kunstgeschichte ein. Am Wochenende heißt es Frankfurt-New York und Frankfurt-Lagos und irgendwo dazwischen oder am Pool lernt sie für Latein. Während der Zeit als Stewardess begegnet sie einem argentinischen Physiker. Die beiden heiraten nach nur drei Monaten. Susanne wird schwanger und bekommt eine süße Tochter – und das kurz vor ihrer Abschlussprüfung an der Uni.

Das war eine harte Zeit, „meine Tochter schrie ununterbrochen und hielt mich vom Lernen ab“, erinnert sie sich. Die Prüfung steht an und stellt sie vor die Herausforderung, etwas abzuliefern, wofür sie sich kaum vorbereiten kann. „In der mündlichen Prüfung stellt mir mein Professor eine Frage nach der anderen und ich versuche mein gesamtes Wissen aus Vorlesung und Seminaren auszuschöpfen. Schließlich kommt eine Frage, auf die ich nur noch mit einer Gegenfrage, mit einer Themen-Abweichung kontern kann“. Susanne zeigt, dass sie zwar schlecht auswendig gelernt hat, aber unglaublich gut auf Metaebene über die Thematik diskutieren kann. Das geht natürlich nicht am Professor vorbei und sie besteht die Prüfung mit Bravour.

Aus dem Bauch heraus

Nach dem Studium zieht Susanne schließlich nach Heidelberg und arbeitet für die deutsche Softwarefirma SAP. Das Unternehmen ist ein börsennotierter Softwarekonzern und zählt inzwischen zu den weltweit beliebtesten Arbeitgebern. Wer hier landet, hat eigentlich ausgesorgt. Susanne arbeitet in der Grafikabteilung, wird SAP-Beraterin und Projektmanagerin.

Es vergehen immerhin 11 Jahre, „doch so richtig wohl fühlte ich mich nicht immer dabei“. Sie kann sich kaum entfalten, sich wenig kreativ auslassen. „Das Bedürfnis wuchs so stark an, dass ich mich kurzerhand und aus dem Bauch heraus entschied, diesen festen Job gegen eine Karriere als selbstständige Fotografin einzutauschen“. Es klingt verrückt! Aber Susanne wird gebucht, sie fotografiert auf Hochzeiten und Events und blüht richtig auf.

“Humor ist, wenn man trotzdem lacht”

Auf dem ehemaligen Gelände der Bahnstadt eröffnet sie ihr Studio und bietet auch Portrait-, Business- und Fashion-Fotografie an. In ihrem großen Studio veranstaltet sie kleine Events, Lesungen und Performances. Sie startet Fotoprojekte und verliert dabei nie das Wesentliche aus den Augen, nämlich Humor. „Meine Oma hatte den Spruch Humor ist, wenn man trotzdem lacht, bei sich im Eingangsbereich der Wohnung hängen. Den habe ich nie vergessen. Er war immer so etwas wie ein Begleiter, mein Lebensmotto.“

Irgendwann aber muss sie ihr Studio für den neuen Stadtteil Bahnstadt am Hauptbahnhof räumen. Sie zieht in die ehemalige Feuerwache im Czernyring 5 und arrangiert sich neu.

Social Media und andere Beobachtungen

Der Beruf verändert sich mit dem Aufkommen immer besserer Technologien, die eine immer breitere Bevölkerungsgruppe erreicht. Plötzlich besitzt jeder ein Smartphone mit ausgezeichnet guter Kamera. Immer mehr junge Menschen probieren sich aus, werden plötzlich selbst professionelle Hobbyshooter, was uns Instagram und Co. tagtäglich demonstriert. Und die Ergebnisse sind wirklich nicht schlecht.

Susanne beobachtet die Veränderung aus nächster Nähe, denn ihre eigene Tochter ist inzwischen selbst eine junge Frau mit alterstypischen Interessen, die sich unter anderem aus den Social Media Kanälen speisen. Doch die weiblichen Schönheitsideale (Die “Kardashians” & Co), die in den sozialen Netzwerken vermittelt werden, machen skeptisch. Was ist das für ein Frauenbild, dass hier transportiert wird?

Frauenbild – wovon hängt der Erfolg ab?

Vor noch nicht allzu langer Zeit – vor gerade Mal 50 Jahren – ging die Frau auf die Straße und forderte, ernst genommen zu werden, unabhängig und gleichberechtigt zu sein. Heute ist sie stark auf das Äußere, das Optische fixiert. Influencer*innen geben Schmink- und Abnehmtipps, manche legen sich schon in jungen Jahren unters Messer und leben eine derart übertriebene Weiblichkeit vor, die unerreichbar, ja sogar irreal und vielleicht auch gefährlich erscheint. Nicht abzustreiten ist, dass einige damit unglaublich erfolgreich sind. Sie erwecken den Anschein, dass Erfolg sich vor allem aus Schönheit, Schlankheit und extrovertiertes Auftreten speise. 

“Einfach nicht mehr sie selbst”

„Das Schöne an dem Beruf als Fotografin“, so Susanne, „ist der Aspekt des Beobachtens“. Im Alltag erlebt sie nämlich noch ein anderes, auffälliges Verhalten einiger weiblicher Besucher. Einige erhalten den Tipp vom Bewerbungscoach, ihre Haare für die Bilder zusammenzustecken, um die Chancen im Beruf zu erhöhen.“ Das sei etwas irritierend. Die Authentizität gehe manchmal verloren, so die Fotografin, wenn die junge Frau sich auf diese Weise verstellt und einfach nicht mehr sie selbst ist. 

Susanne beobachtet nicht nur, sie coacht und korrigiert die Haltung. „Die meisten Frauen sind dann überrascht, was es mir ihnen macht, wenn man nur kleine Veränderungen vornimmt: gerade hinstellen, mit beiden Beinen fest im Boden stehen, das Kinn höher positionieren usw.“

Der niedliche Blick in die Kamera

Die Fotografin nimmt außerdem wahr, „dass es Frauen gibt, die plötzlich ganz niedlich in die Kamera schauen“. Der Blick wandert nach unten, die Schultern hängen schlaff nach vorne und die Hände wissen sowieso nie, wohin. Mit ihrer Beobachtung ist Susanne nicht alleine.

Es gibt inzwischen ganze Wissenschaftszweige, die sich mit dem Phänomen der Niedlichkeit (vor allem bei Frauen) beschäftigen. In der Psychologie spricht man etwa vom „Kindchenschema“ (Uni Basel) oder einem „Niedlichkeitssensor“ (Tagesspiegel). Auffällig hierbei ist die leichte Kopfneigung zur Seite, die „großen Kulleraugen“ oder der „naive Blick“. Frauen rutschen, so die Wissenschaftler*innen, in die Rolle der „süßen, ungefährlichen Bittstellerin“ (Edition F). Sie vermuten, dass dies im Unterbewussten geschieht und ein solches Verhalten früher überlebenswichtig war. Schließlich funktioniert es heute noch immer bei jedem Kind und selbst die Haustiere wissen ihren „Hundeblick“ einzusetzen. Man will sie beschützen, in den Arm nehmen und für sie sorgen.

Körperlichkeit – Weiblichkeit – Empowerment

Es dreht sich bei der Fotografin viel um die Themen Körperlichkeit und Weiblichkeit. „Aktuell beschäftige ich mich mit Empowerment und Cantienica – eine Art therapeutischer Fitness und Körpererforschung.“

All diese Themen sucht sich die Fotografin nie bewusst aus, sondern „sie kommen zu mir“. Und das ist auch das, was man so sehr an ihrer Arbeit bewundert. Es geht nie um reine Fotografie, etwa um hübsche Brautsträuße oder das nächste Bewerbungsfoto. Es geht um Emotionen und Gefühle, die sie mit ihrer Kamera festzuhalten vermag und nach außen transportiert. Die Bilder entwickeln ein Eigenleben. Sie erzählen uns eine Geschichte und sind mehr als der Schnappschuss eines einzigen Moments.

Begabung braucht dennoch Self-Marketing

„Aber“, so betont Susanne nach ihrer Review, „es reicht nicht aus, künstlerisch talentiert zu sein! Es gehört immer eine Portion Self-Marketing dazu. Und das muss auch ich noch besser lernen. Dabei kommen mir meine Berufserfahrung im Bereich Organisation und Projektmanagement zu Gute“. In diesem Beruf muss man stets auf dem Laufenden bleiben, präsent und vernetzt sein. Alles unter einen Hut zu bekommen ist nicht immer leicht.

“Aufgeblüht!”

Aktuell laufen einige interessante Projekte, auch wenn Corona die Auftragslage und so manche Umsetzung, ganz schön ausbremst. Derzeit arbeitet die Heidelbergerin zusammen mit der Künstlerin Jule Kühn und der Akademie für Ältere an einem Fotokunstprojekt, dass vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugendliche gefördert wird.

Das Projekt heißt „Aufgeblüht“ und zeigt ältere Menschen mit und ohne Demenz. Es handelt sich jetzt schon um eine unbeschreiblich berührende Fotoserie, auf dessen Ergebnis wir alle schon sehr gespannt sind. Auf Instagram bekommst Du ein paar tolle Eindrücke.

Möchtest Du mehr über die Arbeit von der Fotografin Susanne Lencinas erfahren, dann besuche ihre Homepage und nimm bei Fragen direkt Kontakt zu ihr auf. Hier geht’s zu ihrem Instagram Profil und hier zur Hochzeitsfotografie.

An dieser Stelle bedanke ich mich nochmals für das inspirierende Gespräch in Deinem Fotostudio im Dezernat 16. Vielen Dank für den interessanten und tiefen Einblick in Deine wertvolle Arbeit, liebe Susanne!