Interviews

Interview mit der Botanikmalerin Brigitte Hofherr

Vor etwas mehr als einem Jahr schlossen wegen Corona fast alle öffentlichen Einrichtungen. Das berufliche, aber auch soziale Leben hat sich bei den meisten von uns auf die eigenen vier Wände verlagert. So auch bei Brigitte Hofherr. Sie ist Künstlerin und ist es gewohnt, Menschen durch ihr zentral gelegenes Heidelberger Atelier in der Schneidmühlstraße zu führen, Ausstellungen zu organisieren und mit verschiedenen Leuten auf Veranstaltungen und Events in Kontakt zu treten. Doch Brigitte nutzt die dadurch gewonnene Zeit weiterhin für sinnvoll Projekte und arbeitet stets an ihren Ölmalereien.

Die Wände ihres Ateliers (das gleichzeitig ihre Wohnstätte ist) sind aktuell vollgehängt mit großen Gemälden von wunderschönen roten Äpfeln – die ihren Auftritt nächstes Jahr im Gartenbaumuseum Erfurt haben werden – man kommt sich vor, als befände man sich auf einer schönen Obstbaumwiese.

Trotz aktueller Lage, sind Besuche bei der Künstlerin dennoch möglich. Es duftet diesen Nachmittag nach Kaffee und frisch gebackenem Apfelkuchen. Eigentlich ist Brigitte Musikpädagogin und begleitet viele Jahre Kinder bei ihrer Instrumentenfindung – parallel zu ihrer Arbeit als Malerin. Hier ein kleiner Einblick in ihr tägliches Tun:

Ein Blick auf ihre Instagram-Seite zeigt die Begeisterung und Begabung der Heidelbergerin sehr deutlich

Brigitte setzt sich an den großen Glastisch, zündet ein paar Kerzen an und beginnt von ihren Anfängen zu erzählen. Lächelnd erklärt sie, warum sie sich seit nun mehr als einem Vierteljahrhundert mit der Botanik als Motiv beschäftigt. Vor allem mediterranes Obst und Gemüse und insbesondere vom Aussterben bedrohte Pflanzen gehören zu ihrem festen Repertoire. Die überall im Raum verteilten Ölgemälde zeigen sogenannte „historische Obstsorten“, so ihre Erklärung. Dafür holt sie pomologische Bücher hervor, in denen Illustrationen in Wasserfarben oder Buntstiftzeichnungen zu sehen sind, von Äpfeln, die man im Supermarkt niemals finden wird.

Pomologie kommt vom lateinischen Begriff pomum und heißt „Baumfrucht“. Sie ist die Lehre der Arten und Sorten von Obst. „Historisches Obst wird verdrängt durch größere, wohlgeformte, oft viel süßere und länger haltbare Obstsorten“ erläutert sie. Dasselbe passiert auch mit Gemüse, was sie selbst über die Jahre bei ihren regelmäßigen Besuchen in Griechenland beobachten konnte.

Vor Ort hat sie sich mit einigen Bauern und Landwirten angefreundet und sich mit der Thematik ausgiebig beschäftigt. „Die Tomate beispielsweise gab es einmal in 70 verschiedenen Varianten. Heute findet man lediglich fünf davon. Nicht nur die Vielfalt ist verloren gegangen. Auch der Geschmack und das Aussehen sind sehr eintönig geworden“.

Das ist interessant! Wenn Brigitte den Pinsel zur Hand nimmt, beschäftigt sie sich immer auch mit der Kulturgeschichte ihrer Objekte. Es geht ihr nicht um die Darstellung hübscher Früchte auf einer Leinwand, sondern auch um das Aufzeigen einer Problematik, die mit der Klimakrise und den Negativfolgen von Globalisierung einhergehen. Wenn wir an ausgestorbene Arten denken, haben wir gleich immer erst die Tiere im Kopf. Aber auch Pflanzen sind stark bedroht.

Brigitte Hofherr bei der Arbeit in ihrem Heidelberger Atelier direkt am Bismarckplatz. Hierbei “blüht” sie genauso auf, wie ihre Motive.

„Die Kunst ist eine Vermittlerin des Unaussprechlichen“ sagte schon Goethe – ein Zitat, dass Brigitte nur unterschreiben könnte. Vielleicht wird es bestimmte Gemüse- und Obstsorten bald nicht mehr geben. Nur wenige Bauern, so findet sie in Gesprächen auf den griechischen Märkten heraus, pflegen ihre Tradition dennoch – oft im Privaten, auf einem kleinen Grundstück hinterm Haus. Hier findet sie noch die alten, traditionellen und ursprünglichen Sorten, die sich definitiv von denen auf unserem Teller unterscheiden.

Bei Brigitte jedenfalls geraten die Pflanzen von der sogenannten “roten Liste” so schnell nicht in Vergessenheit. Dafür sorgt sie mit ihrer Malerei! Hier stehen Früchte, Blüten und Blätter stets im Rampenlicht. Das sorgt für Aufmerksamkeit und Diskurs und Brigitte möchte zum Nachdenken anregen.

Die Künstlerin ist in zahlreichen Organisationen aktiv. Sie ist zum Beispiel Mitglied in der American Society of Botanical Artists (ASBA) und im Forum Botanische Kunst Deutschland und in der Rhein-Main Gartengesellschaft e.V.

Spannend und wichtig ist auch die Arbeit des Botanischen Gartens in Heidelberg, auf die Brigitte diesen Nachmittag auch hinweist und von der die wenigsten Einwohner*innen und Besucher*innen Heidelbergs wissen. Der bereits im 16. Jahrhundert gegründete Garten – heute im Neuenheimer Feld untergebracht – ist ein Ort der Ruhe, Entspannung, Begegnung, aber auch der Forschung und Lehre. Hier werden etwa 5.000 vom Aussterben bedrohte Pflanzen beherbergt und wieder „fit für die freie Wildbahn“ gemacht.

Brigitte geht ins Zimmer nebenan. Sie zeigt ihre aktuellen Projekte, darunter auch Auftragsbilder, große und kleinere Gemälde, stets sind Pflanzen abgebildet. „Meine Tageslichtlampen sind immer an, damit die Farben zu keiner Uhrzeit verfälscht werden.“ Denn sie malt den ganzen Tag, lediglich unterbrochen durch Esspausen, Sport oder dem Besuch ihrer Familie und von Freunden. „Klar, strengt mich das Malen auch manchmal an und fordert mich heraus. Es sind oft neun Stunden, die ich pro Tag mit dem Bild oder mehreren gleichzeitig verbringe. Bis ein Ölgemälde fertig ist, vergehen manchmal sechs Wochen. Aber ich verfügte nicht über diese Ausdauer, wenn mich das Malen nicht gleichzeitig so sehr erfüllen würde.“

Brigitte rollt ihren Yogateppich oft aus, steigt gerne aufs Rad oder geht eine Runde am Neckar joggen. Sie braucht unbedingt den körperlichen Ausgleich. Die Bewegung im Alltag gibt ihr die Energie, die sie wiederum in die Kunstwerke einfließen lassen kann. Auch Klassische Musik bedeutet der Künstlerin viel. Am liebsten hört sie Barockmusik während des Malens. „Wenn ich müde werde, lege ich etwas von dem österreichischen Opensänger und Countertenor Max Emanuel Cencic auf!“ Willst Du wissen, warum? Hier eine kleine Kostprobe:

Schaut man sich im Raum um, wird man schnell erkennen, dass die Technik der Botanikmalerin sehr ausgereift ist: die Bilder sehen oft aus, als wären es Fotografien. Das Alleinstellungsmerkmal ist definitiv die Wahl ihrer Objekte in dieser Größe und in der Technik der Ölmalerei. Historisches Obst und Gemüse werden in der Regel viel kleiner und oft mit Wasserfarben und Kreiden gemalt oder mit Buntstiften gezeichnet. Brigitte hat sich vieles selbst beigebracht, Kunst hat sie nie studiert. Ihre Technik hat sich im Laufe der Jahre im ständigen Tun immer weiter entwickelt.

Zu ihren Mentoren, so erwähnt sie am Ende unseres Gesprächs, zählt Brigitte das Künstlerpaar Inge und Fritz Vahle aus Darmstadt, von denen sie sehr inspiriert wurde, aber auch von Besuchen unzähliger Kunstausstellungen.

Wir jedenfalls hoffen sehr, dass auch die außergewöhnlich talentierte Heidelbergerin ihre Werke bald wieder auf Ausstellungen zeigen kann und wir uns mit ihr über die Wichtigkeit des Erhalts der pflanzlichen Vielfalt austauschen können! Vielen Dank für dieses Engagement.

Willst Du mehr über die malende “Pflanzen-Botschaftern” erfahren? Dann schau mal hier vorbei: