Buchempfehlung,  Philosophisches

Rezension zu Ingrid Nolls´ In Liebe Dein Karl

Mal ehrlich, an welches Genre denkst Du, wenn Du den Namen Ingrid Noll hörst? An Frauenliteratur à la Kerstin Gier oder eher an Gesellschaftsromane wie die von Juli Zeh? Ingrid Noll ist nichts von beidem und doch beinhalten ihre Kurzgeschichten sowohl warmherzige Lebenserfahrungen, spannende Kriminologie, Liebesdramen, als auch gesellschaftskritischen Zynismus, den sie gekonnt in Witz und Empathie verpackt. Und wer er noch nicht weiß:

Ingrid Noll gehört inzwischen zu den erfolgreichsten Krimiautorinnen deutschlandweit!

Die in Weinheim (bei Heidelberg) lebende und wirkende Schriftstellerin Frau Noll überrascht nicht nur Leser*innen, die sich vielleicht zum ersten Mal mit ihrer Literatur auseinandersetzen. Auch jene, die ihr schöpferisches Tun seit Beginn (1991) verfolgen, werden erneut in Lesegenuss kommen. Und welches Buch eignet sich besser für einen Rundumschlag, als das neue Werk mit den Titel In Liebe Dein Karl?

Ingrid Noll vereint in den 31 Kurzgeschichten Autobiografisches, Heimatpoesie, schwarzen Humor und Liebesdramen. Sie zeigt eine unglaubliche Nähe zum Menschen und Tier und spart nicht an Wahnsinn, Wirklichkeit, Fantastischem und Kitsch. Oft sind Frauen ihre Hauptprotagonistinnen. Sie sind Heldinnen, Außenseiterinnen, Liebende, Tötende und Betrogene. Uns sie selbst wird im letzten Abschnitt zur zentralen Figur.

Das muss man ihr lassen: jede Geschichte nimmt einen anderen Ausgang, als man zu Beginn beim Lesen ahnt. Das ist es auch, was fesselt. Dieses Buch ist definitiv nicht als Nachtlektüre vor dem zu-Bett-gehen geeignet! Das Herz pocht, die Spannung steigt, ans Einschlafen ist nicht mehr zu denken.

Viele Fragen bleiben offen

Wie kommt Ingrid Noll nur zu diesen teils “irren” Geschichten? So etwas kann man sich doch nicht ausdenken? Oder etwa doch? Will sie uns etwas Bestimmtes mitteilen? Was genau verarbeitet sie, wenn sie solche Themen aufgreift? “Und warum werden ihre Figuren ständig getötet?”

Zugegeben, nicht jeder mag diesen morbiden Touch. Wer aber etwas schwarzen Humor mitbringt, wird die Geschichten lieben. Schließlich hebt sich Ingrid Noll so von allen anderen Schriftsteller*innen ab.

Die Geschichten im Buch In Liebe Dein Karl spielen in den unterschiedlichsten Szenarien. In der Gothic-Szene, in Luxushotels oder im Hühnerstall. Erstaunt hat die sehr langwierige Erzählung über den Bürgermeister und dem Obdachlosen-Kongress in der italienischen Idylle. Durch die Länge erweckt sie den Anschein, sie sei die hier wichtigste Geschichte. Gleichzeitig überrascht die Geschichte, die denselben Titel wie das Buch trägt, durch ihre Kürze. Es geht hierbei um zufällig entdeckte Liebesbriefe an eine verstorbene Tante, die sie in ein ganz anderes Licht rücken lassen. Überhaupt, kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus.

Das Buch ist unterteilt in die Themen a) Diebe und Triebe, b) Lust und Last der Liebe, c) Tierische Täter, d) Mörderische Mythen und e) Erinnerungen und Notizen. Dabei lässt Ingrid Noll sogar bisweilen unveröffentlichtes Material einfließen. Offenbart uns die Autorin in diesem Buch womöglich mehr, als je zuvor? Es ist mit Sicherheit eines ihrer persönlichsten Werke. Insbesondere der letzte Abschnitt (“Erinnerungen und Notizen”) verrät uns viel über ihre Kindheit in China, ihre erste Freundschaft, das Altwerden und schließlich auch ihren persönlichen Weg zum Schreiben.

Auch ihre Liebe zu Heidelberg kommt nicht zu kurz:

Seit vielen Jahren liegt Heidelberg vor unserer Haustür, unzählige Male habe ich dort eingekauft oder Freunde begleitet. Auch diesmal gilt es, die Schönheiten der Altstadt zu bewundern […] und ich bin stolz auf meine jetzige Heimat, in der ich weder geboren noch aufgewachsen bin.

Ingrid Noll, In Liebe Dein Karl (2020)

Kommen wir kurz zu ihrer Person zu sprechen

Die im Jahr 1935 in Shanghai geborene Ingrid (damals Gullatz) fängt recht spät, erst mit etwa 55 Jahren, nachdem ihre drei Kinder aus dem Haus sind, mit dem Schreiben an. Im Jahr 1991 erscheint ihr erster Roman mit dem Titel Der Hahn ist tot, der auf Anhieb ein Erfolg wird. Vor dem Schreiben arbeitet Frau Noll in der Arztpraxis ihres Mannes mit. Sie ist allerdings keine Medizinerin. Sie studierte Germanistik und Kunstgeschichte in Bonn. Ingrid Noll wollte einst Lehrerin werden. Doch es sollte anders kommen.

Ihr erstes Buch bewarb sie nach eigenen Aussagen nur einmal. Sie schickte ihr Manuskript direkt zum Schweizer Diogenes Verlag und war überrascht über die sofortige Zusage von Seiten des Verlegers, der das Manuskript persönlich las.

Der Verlag ist für seine Belletristik und seinen zugegeben unverwechselbaren Umschlag bekannt. Er veröffentlicht nicht nur herausragende Werke von Gegenwartsautor*innen wie Noll, Matussek, Süskind oder Schlink, sondern auch Klassiker wie Dürrenmatt, Schopenhauer, Loriot und Wilde.

Und wir haben es bei Ingrid Noll definitiv nicht mit einer Eintagsfliege zu tun

Ihre Erfolgssträhne bricht nicht ab. Die heute 84-jährige Krimiautorin veröffentlicht einen Roman nach dem anderen, beinahe jährlich und ihrem Verlag ist sie bis heute treu geblieben. Ihre Werke werden verfilmt und sind bereits in über 25 Sprachen übersetzt. Ingrid Noll erhielt 2005 den Friedrich-Glauser-Ehrenpreis für die besten Krimiromane im deutschsprachigen Raum.

Von ihr sind zum Beispiel die Werke Die Apothekerin (1994), Rabenbrüder (2003), Kuckuckskind (2008), Über Bord (2012), Halali (2017) oder Goldschatz (2019).

An dieser Stelle ist ein herzlicher Dank beim Diogenes Verlag für das Rezensionsexemplar auszusprechen. Hier gehts direkt zur Diogenes Autorinnenseite.

Möchtest Du mehr über Ingrid Noll erfahren? Wir haben ein Interview mit ihr geführt. Erfahre hier mehr:

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