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#IchBinHanna

Eine Freundin von mir schreibt aktuell an ihrer Doktorarbeit in Sprachwissenschaften. Sie finanziert sich die Promotion als wissenschaftliche Mitarbeiterin in Teilzeit an der Uni. So weit, so gut.

Dass sie nicht 20 – sondern tatsächlich 40, ja manchmal 50 Stunden die Woche arbeitet, wird stillschweigend hingenommen. Schließlich verschwimmen Eigeninteresse (Promotionsthema) mit den wissenschaftlichen Belangen, die sie als Mitarbeiterin an ihrem Institut zu erledigen hat. Und wer zählt da schon genau mit! Man steht eben morgens um sechs auf und kommt abends zwischen 17 und 22 Uhr nach Hause. Dazwischen eben viel PC-Arbeit, Gespräche, Recherche, Papierkram und hin und wieder eine Abendveranstaltung. Alles im Dienste der Forschung, versteht sich.

Die Freundin verdient in E 13 (TV-L) nicht das volle Gehalt (das wären im Schnitt 5.100 Euro brutto je nach Bundesland und Erfahrungsstufe), sondern eben nur die Hälfte.

5,1 Jahre für die Promotion

Das ist aber nicht einmal das eigentliche Problem. Eine Promotion in Geisteswissenschaften dauert heute nicht zwei, nicht drei Jahre… sie erstreckt sich über einen Zeitraum von durchschnittlich 5,1 Jahren. Und das nicht, weil die Wissenschaftler*innen trödeln oder faul sind. Ihnen fehlt einfach die Zeit für ihre eigenen Recherchen. Schließlich verbringen sie die meiste an der Uni und ihr Arbeitgeber ist in der Regel auch gleichzeitig der oder die Betreuende*r der Doktorarbeit (“Doktorvater” oder -“mutter”). Da steht man in doppelter Abhängigkeit, was für viele ein Problem werden kann!

Wissenschaftliche Mitarbeit

Kommen wir zu den üblichen Aufgaben, die meine Freundin als wissenschaftliche Mitarbeiterin zu verrichten hat. Dazu zählen zum Beispiel

  • laufende Forschungsprojekte voranbringen, unterstützen, planen, durchführen und dafür Drittmittel erwerben. Und das sind nicht wenige. Vor allem sind die Aufgaben dahinter nicht zu unterschätzen. Vom interdisziplinären Austausch, über Evaluation bis hin zu Publikation in einschlägigen Fachzeitschriften… eigentlich eine Vollzeitbeschäftigung. Einnahmen durch Drittmittel sind in den Geisteswissenschaften ebenfalls eine mächtige Herausforderung.
  • wissenschaftliche Unterstützung bei der Vorbereitung von Verbundforschungsinitiativen. Dabei handelt es sich um Partnerschaften und Kooperationen zwischen Disziplinen und weitere Finanzierungsformen durch Forschungsförderungen innerhalb nationaler und internationaler Forschungs- und Wirtschaftsnetzwerken.
  • Lehrtätigkeiten in Form von Seminaren im Umfang von 4 Lehrveranstaltungsstunden (LVS), dabei werden Vor- und Nachbereitungszeit natürlich nicht als Arbeitsstunden gezählt
  • Unterstützung bei der Einrichtung, Implementierung und Nachjustierung einiger Fächer und Module, die zum Beispiel an die neue Gesetzgebung angepasst werden müssen, weil sich das Prüfungsverfahren innerhalb des Bundeslandes verändert hat und
  • Mitwirkung in der akademischen Selbstverwaltung und in der Studienorganisation. Darunter sind schließlich alle Belange des Institutsalltags gemeint. Von allgemeiner Organisation, über Studienberatung, Organisation der Fachbibliothek, Homepagepflege bis zur Buchhaltung. Nicht selten fallen hier eben auch “sekretariatsähnliche” Aufgaben an, wie die persönliche Terminüberwachung der Professor*innen oder eben auch Shuttleservice am Freitagabend.
Ohne den Mittelbau gehts nicht

Diese Position wird akademischer Mittelbau bezeichnet und kann definitiv nicht in 20 Stunden die Woche bewerkstelligt werden, was ich an meiner Freundin sehe. Die Mitarbeiter*innen sind Überstunden gewohnt und schreiben ihre Doktorarbeit irgendwie zwischen den Stühlen. Dennoch ist und bleibt der akademische Mittelbau unabdingbar. Ohne sie würde der ganze akademische Betrieb nicht funktionieren. Assistenz, Organisation, Forschung, Öffentlichkeitsarbeit, Kongressbesuche, Qualitätsmanagement.

Jedes halbe Jahr ein neuer Vertrag

Kommen wir zum Hauptproblem und damit zum Hashtag #IchBinHanna, der kürzlich auf Twitter losgetreten wurde, um auf die prekäre Situation der jungen Forscher*innen und die Ausbeutungsmechanismen an den Unis aufmerksam zu machen. Was viele nämlich nicht wissen ist, dass meine Freundin und all ihre Kolleg*innen ihren Arbeitsvertrag jedes halbe Jahr aufs Neue unterzeichnen müssen. Sie arbeiten befristet unter einem sogenannten Zeitvertrag und müssen alle paar Monate zittern, ob es weitergeht.

Viele sollen eine Chance zum Forschen bekommen

Die Legitimation von Seiten des Gesetzgebers ist unter anderem, dass möglichst viele die Chance haben sollen, an einer Universität forschen zu können. Unbefristete Verträge würden bedeuten, dass die Stellen nur von wenigen, eben festen Mitarbeitern über viele Jahre “blockiert” wären.

Angst vor Armut, Angst vor Zahlungsunfähigkeit

Unbefristet arbeiten, das kennt meine Freundin nicht! Manchmal erfährt sie erst drei Wochen vorher, ob der Vertrag tatsächlich verlängert wird. Dass es ihr jedes Mal schlaflose Nächte und inzwischen auch Magenkrämpfe bereitet, brauche ich nicht zu erwähnen. Sie kann ihr Leben jedenfalls nur schlecht planen. Muss sie eventuell bald aus der Wohnung raus? Hätte sie sich parallel an einer anderen Uni bewerben sollen oder überhaupt einen Nebenjob annehmen, damit sie zahlungsfähig bleibt? Aber dann bleibt überhaupt keine Zeit mehr für das Wesentliche: ihre Doktorarbeit.

Druck, Stress, Klinikaufenthalt

“Zudem kommt da noch der Druck hinzu, der wie ein Damoklesschwert über meiner Forschungsmotivation pendelt und deutlich an ihr kratzt!” Sie meint nicht nur die Zeitknappheit in allem, was sie tut, sondern auch die finanzielle Situation. Das ist Psychostress. Nicht selten zerbrechen die jungen Forscher*innen innerlich daran, rutschen in eine Medikamentenabhängigkeit oder landen gleich in der Klinik.

Meine Freundin spricht auch von Konkurrenzkampf, der zwischen den Türen ausgetragen wird. Auf die wenigen 220 Professor*innenstellen die es zur Zeit in Deutschland gibt, kommen fast 3.000 Promovierende. Sie selbst will gar nicht in der Forschung bleiben, sondern lediglich ihre Berufschancen in der freien Wirtschaft mit einem Doktortitel verbessern. Doch das ändert nichts an der Tatsache, dass die Atmosphäre im wissenschaftlichen Betrieb angespannt ist. “Man ist Einzelkämpferin und verliert sein Selbstvertrauen.”

#IchBinHanna will darauf hinweisen, dass die jungen Forscher*innen bis zur Erschöpfung und unter prekärsten Bedingungen arbeiten. Manche sitzen bereits auf dem 11. befristeten Vertrag, hintereinander. Was macht es mit einem über so viele Jahre?

Meine Freundin kommt nun ins dritte Jahr und hält inzwischen ihren sechsten Vertrag in den Händen. Sie hat sich in dieser Zeit verändert, ist misstrauischer und zynischer geworden. Früher war sie richtig begeisterungsfähig. Jemand, der Linguistik spannend findet und darüber auch noch promovieren möchte, muss echtes internistisches Feuer haben. Jetzt läuft sie nur noch auf Sparflamme und denkt tatsächlich darüber nach, aufzuhören. Sie will sie nicht mehr Hanna sein.

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