Buchtipp,  Philosophisches

Hier geht´s lang

Lange haben wir auf dieses Buch gewartet! Bei einer Frau wie Elke Heidenreich will man gerne einen Blick ins (private) Bücherregal werfen, um zu erfahren, wie Sie zu der wurde, wer sie ist – Du weißt ja, die persönliche Buchauswahl sagt so viel über die Person aus, die sie liest. Und so ist uns Heidenreich zuvor gekommen und hat uns ihre Lieblingswerke einfach vorgestellt. In Hier geht´s lang (veröffentlicht im Eisele Verlag – mit großem Dank für das zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar) mit dem Untertitel „Mit Büchern von Frauen durchs Leben“, erzählt die Autorin, Moderatorin und Literaturexpertin Elke Heidenreich, welche Bücher es waren, die sie ihr Leben lang begleitet und insbesondere geprägt haben.

Was ist an diesem Buch so schön?

Direkt fällt uns eine Besonderheit auf. Das Buch ist voller schöner Illustrationen. Elke Heidenreich als kleines Mädchen beim Versuch, die ersten Buchstaben auf eine Schiefertafel zu setzen, Elke Heidenreich ganz vertieft in ihre Kinderbücher und später im Porträt, selbst als große Schriftstellerin und Vermittlerin guter Literatur. „Ich kann das Missionieren ja nicht sein lassen“ schreibt sie unter eines ihrer Fotos, auf dem Sie augenscheinlich eine Lesung gibt oder zumindest einen Text erklärt.

Die persönliche Beziehung zu Büchern und zum Lesen können wir nur zu gut nachvollziehen. So sagt sie treffend: „Lektüre und Persönlichkeitsentfaltung bedingen einander, das Lesen durchdringt das Leben.“

Wir erlangen Wissen aus der Sicht des männlichen Geschlechts

Schnell fällt im Text auf, was auch uns schon während des geisteswissenschaftlichen Studiums – sei es Anglistik, Germanistik, Geschichte, Musik- oder Religionswissenschaft – gestört hat: wir lesen und hören Theorien und Abhandlungen hauptsächlich von Männern und das über Jahrhunderte und für uns über mehrere Semester lang. Wir erlangen Wissen aus der Sicht des männlichen Geschlechts. Wir folgen ihren Gedanken, ihren Ideen, ihre Erklärungen über und zur Welt. Uns werden Musik- und Kunstwerke, religiöse Weltbilder und historische Gegenstände, soziale Strukturen und Symbolsysteme hauptsächlich aus männlicher Perspektive vermittelt. Die Professorinnen und Dozentinnen, bei denen wir Seminare und Vorlesungen belegten, zitierten die Werke ihrer männlichen Kollegen, empfahlen uns Bücher männlicher Autoren, legten uns Literatur ans Herz, die hauptsächlich aus der Feder eines Mannes stammte.

Nicht falsch verstehen: wir haben nichts gegen das männliche Geschlecht. Aber wir plädieren dafür, mehr weibliches Gedankengut in (wissenschaftliche) Fachliteratur einfließen zu lassen und der Frau nicht nur das Genre Romane, Kinder- und Kochbücher zu überlassen (hier ist das weibliche Geschlecht tatsächlich in der Mehrheit vertreten).

Gerade im Studium – in der prägenden Lern- und Entwicklungsphase unseres Lebens, in der unser Denken ausgebildet wird – sollte unser Lehrmeister nicht hauptsächlich männlicher Natur sein.

Fokus auf Werke, die von Frauen stammen

Aber zurück zu Heidenreich. Hier geht´s lang ist weder eine feministische Einordnung von Literatur noch eine Literaturgeschichte von Frauen, betont die Buchliebhaberin. „Ich habe Lust, aufzuschreiben, was Bücher von Frauen mit mir und meinem Leben gemacht haben.“ Die Tatsache, dass wir überhaupt von „Frauen“-Literatur sprechen müssen (anders herum lässt man Literatur Literatur sein, wenn sie vom Manne stammt…), zeigt bereits die Schieflage der Situation. Nun fokussiert sich Heidenreich aber genau auf jene Werke, die von Frauen stammen.

„Frauen konnten erst ab dem 19. Jahrhundert um ihre öffentliche Wahrnehmung und Anerkennung kämpfen. […] (S)ie brauchten lange, um selbstbewusst zu werden und sich durchzusetzen. Dann aber hatten sie uns Leserinnen einiges zu sagen, was bisher noch nie gesagt, geschrieben worden war.“

Heidenreich, Hier geht´s lang (2021)

Dabei beginnt Heidenreichs Leidenschaft für Literatur, wer es noch nicht weißt, eigentlich aus einem traurigen Grund. „Ich hatte keine Familie, ich war fast immer allein […] ich saß in der Wohnküche […] und laß mich raus aus diesem einsamen Kinderleben. […] in andere Welten, andere Familien und irgendwann gab es kein Zurück mehr […]. Das Lesen hatte für mich […] eine tröstende, lebensrettende und Leben erklärende Funktion.“

Vom Kind zur Frau der Gegenwart

Die Kapitel sind Lebensstationen der Autorin zugleich (interessant: das Buch trägt kein Inhaltsverzeichnis!): Das Kind, Das Mädchen oder Der Backfisch (damit meint sie sich als Teenager). Hier wird besonders der Abschnitt ab 1958 interessant, denn Elke Heidenreich wird 15 und es beginnt ein neuer Lebensabschnitt für sie. Die Essenerin hält es zuhause nicht mehr aus. Sie wird in eine Pflegefamilie in Bonn gegeben. Und dieses neue Elternhaus hatte eine großartige Privatbibliothek. Alphabetisch geordnet!

„Ich war jung, ich war hungrig, begierig, ich war zum ersten Mal in einem Haushalt voller Bücher, klassischer Musik, da stand ein Klavier. So gesehen war es das Paradies.“

Heidenreich, Hier geht´s lang (2021)

Es folgt die Abschnitt Die Studentin (Heidenreich studierte Germanistik, Theater- und Religionswissenschaft). Sie verdient sich das Studium als Briefträgerin (ab 5 Uhr morgens) und Putzhilfe (zwei Jobs am Abend), tagsüber geht sie zur Uni, nachts liest sie all die spannende Literatur. Sie wird krank, aber immer schlauer. „Dann gab ich die Putzjobs auf und verdiente hundertfünfzig Mark pro Semesterarbeit, die ich für faulere oder blödere Kommilitonen schrieb.“

Später wechselt Heidenreich die Uni, lernt Gollwitzer (den Religionswissenschaftler) kennen und liest endlich auch Hannah Arendt, Dorothee Sölle und Simone De Beauvoir (mit dem größten Einfluss!).

Elke Heidenreich, Die junge Frau (nächstes Kapitel) ging ins Fernsehen und zum Radio, blieb ihren Büchern aber immer treu. Prägend werden für sie Susan Sontag oder Ruth Klüger. Es folgen Die besten Jahre und Heute. Das Lesen wird zu Heidenreichs Beruf (glücklicherweise!).

Denn von nun an lässt sie uns teilhaben an Büchern, die sie ausführlich studiert, analysiert und für ein großes Publikum rezensiert. Sie sieht sich eher als Literaturvermittlerin als -kritikerin.

Im letzten Abschnitt Männer geht sie noch einmal auf die für sie prägende männliche Literatur ein und gewährt uns ein Blick auf ihre rote Lesecouch, über dem ein Bild von Harald Metzges hängt und man fragt sich sofort: Das sind doch Sie, Frau Heidenreich?, eine in ein Buch vertiefte Frau am offenen Fenster, die Sonne geht bereits wieder auf.

Fazit

Hier geht´s lang ist ein schönes, persönliches Buch, dass der ein oder anderen Leser*in den Weg durchs Bücher-Dickicht weisen kann. Einige ihrer Lieblingswerke kennen wir – insbesondere die Literatur während der Studienzeit werden uns Geisteswissenschafterinnen bekannt vorkommen – andere sind wertvolle Tipps. Dieses Buch hat den Charakter einer Autobiografie, wobei Autobibiografie wahrscheinlich noch besser passen würde. Wer intellektuelle, belesene Frauen sucht und rezipieren möchte, wird hier fündig – allein mit der Autorin selbst, eine Goldgrube!

Und jetzt sind wir gefragt. Bücher, Bücher, Bücher. Es geht um Literatur, und wie sie und im Alltag prägt:

Kleine Aufgabe an uns

  • Welche Bücher waren und sind es bei uns, die unser Leben (mit)beeinflusst haben?
  • Mit welchen Büchern sind wir aufgewachsen (erinnerst Du Dich noch daran)?
  • Was haben wir (vielleicht nicht ganz unfreiwillig) in der Schulzeit gelesen?
  • Welches Buch brachte uns wirklich zum Nachdenken – oder gar zum Umdenken und Umbruch?
  • Welche Literatur liegt aktuell auf unserem Nachtisch?
  • Wovon können wir uns inzwischen getrost trennen?
  • Welche Bücher schenkt man uns üblicherweise und sind wir glücklich damit?
  • Welche Bücher verschenken wir gerne und werden sie auch tatsächlich gelesen?
  • Warum lesen wir immer weniger (tun wir es persönlich auch)?
  • Auf welches Buch haben wir aktuell richtig Lust und wollen es als nächstes lesen?

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