Buchtipp,  Philosophisches

Herkunft

Das Wort Herkunft benutzte ich früher immer als synonym zu Heimat. Dabei fragt man sich, woher man kommt. Wer sind die eigenen Vorfahren, was ist das Geburts- und Herkunftsland.

Aber spätestens beim Auszug aus dem Elternhaus, wenn man seinen eigenen Weg geht und ein eigenes Leben aufbaut, löst sich der Begriff Heimat von der Herkunft ab. Die Frage nach dem “zuhause” rückt immer mehr in den Vordergrund: Es geht um Verbundenheit zu einer bestimmten Region, die nicht unbedingt die eigene Geburtsstätte sein muss. Man hat seine (neue) Heimat zufällig oder bewusst ausgewählt. Man richtet sich ein und schlägt neue Wurzeln.

Warum überhaupt diese Gedanken zu Heimat, zur Herkunft? Geben sie wirklich mehr Auskunft zur eigenen Identität? Ist es überhaupt förderlich, sich über seine Herkunft zu identifizieren? Wir haben keinen Einfluss darauf. Wir sind nun mal als diejenigen geboren, die wir sind. Ob wir nun als Millionärskinder aufgewachsen, im Ghetto oder einer bestimmten Minderheit angehören. Wir haben überhaupt keinen Einfluss darauf. Auch nicht auf die Erziehung, Sozialisation, religiöse Bildung.

Schon Hermann Hesse sagte, „in Wirklichkeit aber ist kein ich. Auch nicht das naivste, eine Einheit, sondern eine höchst vielfältige Welt, ein kleiner Sternhimmel, ein Chaos von Formen, Zuständen, Erbschaften und Möglichkeiten.“

Doch wir haben – hierzulande zumindest – Einfluss auf das, was wir HEUTE sind und sein wollen. Nach Sartre können wir uns stets neu erfinden, neue Wege gehen und uns so verändern, wie wir gerne sein wollen. Oft ist Bildung ein Schlüssel – oder zumindest ein Funke, der überspringen und uns zu MEHR befördern kann.

Eindrucksvoll beweist es auch der jugoslawische Autor Saša Stanišić – aufgewachsen in Heidelberg. Für ihn spielt Herkunft jedoch eine sehr wichtig Rolle. Sie verbindet alle seine Geschichten wie ein roter Faden miteinander. Und so heißt auch sein viel gefeierter autobiografischer Roman: “Herkunft“, erschienen im Luchterhand Literaturverlag und als Rezension zur Verfügung gestellt. Saša wird dafür unter anderem mit dem Deutschen Buchpreis 2019 und dem Einchendorff-Literaturpreis 2020 ausgezeichnet.

Auch interessant: Aktuell wird “Herkunft” nach dem Roman von Saša Stanišić von Johanna Wehner als Stück im Nationaltheater Mannheim aufgeführt. Die Premiere fand vor wenigen Tagen, am 18. September 2021 statt. Mehr dazu hier.

“Herkunft” behandelt sein persönliche Familiengeschichte im Zuge der Flucht und Vertreibung aus Bosnien. Saša verlässt notgedrungen seine Heimat und kommt mit der Familie als Teenager nach Heidelberg. Besonders seine Großmutter ist für den heranwachsenden eine Schlüsselfigur. Sie erkrankt an Demenz und stellt die Vorstellung von Zuhause/ Heimat konkret infrage.

Sein internationaler Bestseller “Herkunft” ist poetisch, politisch und persönlich (ein “Superbuch” titelt der SPIEGEL). Es ist eine komplexe Geschichte. Saša beschreibt die schwierigen Umstände, wächst in Emmertsgrund auf und sieht dabei zu, wie seine Eltern sich durch knochenharte Jobs über Wasser halten. Saša schreibt Gedichte und wird von seinem aufmerksamen Deutschlehrer zu mehr motiviert. Schließlich studiert er an der Universität in Heidelberg. Er entscheidet sich für die sprach- und literaturwissenschaftlichen Fächer Slawistik und Deutsch als Fremdsprache (DaF). In dieser Zeit entstehen immer mehr literarische Werke. Seine Magisterarbeit über einen österreichischen Kriminalautor wird ausgezeichnet. Saša lässt sich nicht mehr aufhalten.

Heute lebt der Autor in Hamburg und geht in Wiesbaden eine Poetikdozentur nach.

Saša Stanišićs Buch ist hundertfach gefeiert. Es ist intelligent, eindringlich und zugleich einfühlsam geschrieben. Es weicht von der typischen Romanform ab, überrascht und lässt die Leser*innen aufgrund der sehr persönlichen Note an völlig neuen Gedanken teilhaben. Dabei kreist er immer wieder um das Oberthema Heimat, die sich für ihn ununterbrochen auf Herkunft bezieht. “Während seine Großmutter Erinnerungen verliert, sammelt Saša diese”.

Jeder der sich mit seiner eigenen Herkunft beschäftigt oder einer annähernde Idee von Heimat bekommen möchte, ist gut beraten mit diesem Buch. Sicher ist, dass es alle bisherigen Vorstellungen im Kopf aufbrechen und hinterfragen wird.