Buchtipp,  Über Heidelberg

Heidelberg – Geist und Rätsel

“Das ist hier ja wie im Märchen” sagt mir meine Freundin, die mich zum ersten Mal in Heidelberg besucht. Wir stehen auf der Alten Brücke, der Blick schweift zunächst über den Neckar, dann über die Dächer der Stadt, hinauf zur Schlossruine, die gerade durch die letzten Strahlen der untergehenden Sonne perfekt in Szene gesetzt wird. Auch ich bekomme Gänsehaut – immer noch, nach so vielen Jahren!

Es passt einfach alles zusammen: der Odenwald, der Fluss, das Schloss ergeben zusammen das perfekte Bild einer Stadt, die sich von allen anderen unterscheidet. Hier lässt es sich gut leben und träumen.

Heidelberger Romantik

Heidelberg ist die Stadt der Romantik. Romantik wird seit Prägung des Begriffs um 1900 als die Hinwendung zur Natur, in gewisser Weise als Weltflucht oder Rückzug in eine Fantasie- bzw. Traumwelt und als Betonung des Individuums verstanden. Schon immer wird dieser Begriff von zahlreichen Schriftsteller*innen, Dichter*innen und Maler*innen auf Heidelberg übertragen. Von Goethe, über Hugo, Scheffel bis Eichendorff – sie alle kamen in die älteste Universitätsstadt Deutschlands, um sich mit diesem romantischen Lebensgefühl intensiv zu beschäftigen – und das natürlich nicht, ohne zahlreiche Werke zu hinterlassen, welche diese intensive Liebe zur Schau stellt: jede Menge Gedichte, Lieder und philosophische Abhandlungen, und mindestens genau so viele Briefe mit ausführlicher Darstellung und nicht selten kitschiger Schwärmerei.

Davon erzählt das Buch Heidelberg – Geist und Rätsel – 2012 veröffentlicht im DossenVerlag, dass hierfür zur Verfügung gestellt wurde. Herzlichen Dank dafür!

Dem russischen Autor Dostojewski (1820-1846) zum Beispiel fiel nur die Stadt Heidelberg ein, die er einem wunderschönen Brunnen in Paris entgegensetzen konnte, Hölderin (1770-1843) nannte die Stadt “seine Mutter”. Goethe (1782-1832) kam aus dem Schwärmen gar nicht mehr heraus. Heidelberg hatte für ihn “etwas Ideales” und Schlosser (1776-1861) beschrieb es hier als “himmlisches Leben in göttlicher Gegend”. Ja selbst Kritikern “fällt er schwer, den kritischen Blick durchzuhalten”, bemerkt Dieter Borchmeyer in diesem Buch.

Heidelberg, heute omnipresent

Es wurde und wird viel über Heidelberg geschrieben. Dazu gehören auch Theaterstücke, Romane, Operretten und sogar Rapsongs. Es gibt allein 101 Mio. Einträge bei Google, wenn man nach dieser Stadt sucht und etwa 2,1 Mio Bilder bei Instagram mit dem Hashtag Heidelberg.

Doch vor gar nicht allzu langer Zeit – wir gehen ungefähr 180 Jahre zurück – gab es kein einziges Lichtbild. Kein Fotoapparat, kein Smartphone, keine Fotografie konnte den Moment, wie wir es heute kennen, einfach festhalten! Gefragt war also künstlerisches Geschick. Und wie wir uns denken können, galt Heidelberg als besonders beliebtes Motiv für super talentierte Maler*innen und Bildhauer*innen, die hier um die Wette pinselten. Und darum geht es im Buch Heidelberg – Geist und Rätsel.

Bildersuche – ein Abenteuer

Es ist nämlich, wie von Milena Baumann beschrieben, ein wahres Abenteuer, sich die Bilder von Heidelberg genauer anzusehen. “Ein Bild sagt mehr als tausend Worte” – eine Uraltweisheit, die hierfür nicht besser hätte passen können. Die Darstellungen Heidelbergs entsprachen nicht immer der “geografischen (oder) architektonischen Wirklichkeit”, bemerkt die Autorin. Denn sie zeigen die Stadt so, wie sie “mit eigenen Augen gesehen” wurde. Es gab keine fotografischen Vorlagen, an denen man sich hätte orientieren können. Die Bilder wurden im Prinzip aus Erinnerung gemalt. Und diese entsprache, wie man feststellen muss, nicht immer der Realität – im Gegenteil! Mal steht das Schloss einsam auf einem Hügel, mal ist es umrungen von Alpen-ähnlichem Gebirge oder die Proportionen werden einfach neu definiert. Aber vor allem zeigen die Bilder, ähnlich wie die Sprache jener Zeit, naturlandschaftliche Schauplätze, mystische Szenarien, den Blick in die Ferne und die sinnliche Verschmelzung von Mensch und Natur.

Das Buch zeigt wunderschöne Beispiele – von Kupferstich, über Aquarellmalerei, Bleistiftskizzen bis hin zum Ölgemälde – die nicht nur in Museen zu bewundern sind, sondern teils in privaten Haushalten hängen. Es war eine Herausforderung, “Heidelberg auch da zu suchen, wo es an den Wänden hängt oder in Archiven dämmert und die Zeit in Büchern überdauert” erzählt Milena Baumann.

Zeitlos und besonders

Das macht das Buch Heidelberg – Geist und Rätsel zu einem besonderen und zeitlosen Nachschlagewerk: es stellt unsere eigene Faszination zu dieser Stadt in einen geschichtlichen Kontext. Wir erfahren in Kapiteln wie “Heidelberg Heidelwerk” oder “Und keiner hat dem Zauber noch gelogen”, dass die Menschen schon immer verrückt nach diesem Ort am Neckar waren.

Autoren wie Hugo Victor (1802-1885) wollten gar nicht erst in Mannheim, am “falschen badischen Versaille” bleiben, sondern so schnell wie möglich in Heidelberg ankommen. Mark Twain (1835-1910), von dem bekannt ist, dass er sich ein paar Monate in Heidelberg aufhielt und gerne hoch zum Schloss wanderte – gab seiner berühmten Romanfigur den Namen “Huckleberry Fynn”, der übersetzt Heidelbeere heißt und auf die Stadt Heidelberg anspielt.

Der Klavierspieler und heute bedeutendster Komponist der Romantik, Robert Schuhmann (1810-1856) gab sein staubtrockenes Jurastudium (in Heidelberg) für die Musik auf und der Philosoph Gadamer (1900-2002) träumte seit seinem ersten Besuch von der “schönsten, intimsten und doch weltoffensten” Stadt. Diesen Traum wird der Marburger aber nicht unbedingt in jener Nacht auf der Parkbank am Bismarckplatz gehabt haben, als er in der Früh von einem Polizeibeamten geweckt und verscheucht wurde.

Die betrunkenen Studiosi

Auch das Studentenleben gehört fest zum Heidelberger Bild dazu. Ohne sie wäre Heidelberg nicht das, was es ist – dazu passt auch das witzige Kapitel “Betreutes Trinken” (muss man auch selbst gesehen haben). Doch nicht nur heute schimpft man über die grölenden Erstis am Wochenende in der Unteren (zumindest vor Corona), sondern schon damals waren die “Studiosi” einem ein Dorn im Auge: hielten sich lieber in Kneipen als in den Hörsälen auf. “Fleißig” waren die Studierenden schon immer – aber eben nicht unbedingt beim Lernen!

Sammlung Prinzhorn

Das Buch ist äußerst vielseitig gestaltet. Man erfährt beispielsweise Interessantes über “Die Sammlung von Prinzhorn”. Es handelt sich hierbei um Kunstwerke aus der Psychiatrie. Thomas Röske erzählt: “Eigentlich hat es mit der kollektiven Wandzeichnung im Karzer begonnen, dem Straftrakt der Heidelberger Universität für normverstoßende Studenten.” Der Arzt und Psychiater Emil Kraepelin (1856-1926) sammelte die Bilder seiner Patienten und bemerkte schnell “vorgebliche Ähnlichkeiten zu zeitgenössischer Kunst”. Heute geniesst diese Sammlung Weltruf und gilt als einzigartiges Kunstprojekt außergewöhnlicher Außenseiter*innen.

Was das Schloss heute ausmacht

Schon im nächsten Kapitel geht das Abenteuer weiter. In “Dramen Heidelbergs” zählt Volker Oesterreich all die Angriffe, Blitzschläge, Verwüstungen und das in Brand gesetzte Schloss auf, dass seine heutige Schönheit ironischerweise genau diesem Schicksal zu verdanken hat. Darunter “Unsichtbare Kunstwerke”, “Kreativität in den Wissenschaften” und über die Musikgeschichte im Kapitel “Stadt der verlorenen Herzen”.

So sähe das Heidelberger Schloss wahrscheinlich aus, hätte es die Brände und Blitzeinschläge damals überstanden. Chinas Kopie (Minute 1:39 im Kurzfilm) in Huawei steht auf dem Ox Horn Campus. Ob die Studierenden hier ein ähnliches Heidelberg-Feeling haben?

Anders sehen

Für Elfriede Bensheimer ist es mit Sicherheit jeden Tag aufs Neue abenteuerlich, wenn die junge Studentin durch die Straßen läuft. Sie ist nämlich blind und erzählt in “Unsichtbare Sehenswürdigkeiten”, wie man Heidelberg auch anders betrachten und wahrnehmen kann.

Dieses Buch ist ein MUSS

Selbst wenn man fest davon überzeugt ist, man kenne jeden Stein und jede Story aus Heidelberg – gibt es etwas in diesem Buch, was man noch nicht wusste. Wer Heidelberg schon lange liebt oder gerade lieben lernt, sollte sich dieses schöne Buch zulegen. Er gehört ins Bücherregal neben den Marco Polo, die Glücksorte und zu den kleinen und großen Eskapaden!

Ohne Rausch, nicht auszuhalten

Dem Ausflug auf die Alte Brücke und zum Schloss muss ich dringend etwas entgegensetzen. Wir müssen wieder runterkommen oder in Worten Max Webers: die Welt wieder “entzaubern”. Birgit Giloy stellt am Ende des Buches im Kapitel “Betreutes Trinken” bereits fest, “(n)ein, kein junger Mensch hält das ohne Rausch aus”. Wir biegen daher eine Straße früher nach rechts in die Untere und laufen schnurstracks auf die Destille zu. Hier kriegt meine Freundin erst einmal einen “Gehängten”, ich bestelle zur Sicherheit einen Melonenschnaps hinterher, um die Sache rund zu machen. Die Entzauberung wirkt nicht. Schließlich sitzen wir in der Kneipe, in der mitten im Raum ein Baum steht. Es ist und bleibt ein Märchen!

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