Buchtipp

Flâneuse – oder wie ich Marburg erobere

Ich, unterwegs. Alleine, für drei Tage. Im Gepäck nur dieses eine Buch mit dem Titel “Flâneuse” von der amerikanischen Schriftstellerin Lauren Elkin, übersetzt und neu erschienen im btb Verlag.

Mein Ziel ist nur zwei Fahrtstunden von Heidelberg entfernt. Ich fahre mit dem Zug nach Marburg – eine Stadt, die Heidelbergs kleine Schwester sein könnte. Ein Schloss, ein Fluss, viel Grün, Gemütlichkeit und junge Akademiker*innen prägen das Bild.

Ich habe ein paar Tage Urlaub und nutze die Zeit (außerhalb der Urlaubssaison), um ein paar Tage rauszukommen. Ich muss nicht weit weg. Eigentlich muss ich nirgendwohin. Es würde auch genügen, mich mit meinem neuen Buch in ein Café oder auf meinen Balkon zu setzen, die Füße hochzulegen und einen frisch gemahlenen Kaffee zu genießen.

Doch das Verlassen seiner gewohnten Umgebung muss manchmal sein, um sich von sich selbst zu entfernen und sich gleichzeitig wieder ein Stück näher zu kommen. Eine kleine Reise hilft dabei, sein eigenes Leben in einem neuen Licht zu betrachten, sich im Kontext zu begreifen und aufs Neue zu fragen, ob das, was ist, auch gut ist, so bleiben kann. Vielleicht muss ich etwas ändern. Vielleicht täte ein Umzug gut? Ein Jobwechsel oder ich muss nur eine blöde Gewohnheit, die sich in meinen Alltag eingeschlichen hat, wieder los werden? Aber vielleicht muss nichts dergleichen passieren. All das kann ich nur herausfinden, wenn ich rauskomme, mich mir ein paar Tage selbst überlasse, meine Gedanken zulasse und Zeit finde.

Marburg ist hierfür ein geeigneter Ort, wie ich schnell feststelle. Obwohl es regnet, als ich ankomme, verliebe ich mich sofort in diese Stadt. Ich kenne Marburg nicht und der Regen ist perfekt geeignet, mein eigenes Tempo rauszunehmen und in der Stadt anzukommen. Schließlich bin ich nicht hier, um mir Sehenswürdigkeiten anzuschauen oder neue Menschen kennenzulernen, sondern um mir selbst zu begegnen und dieses Buch kennenzulernen.

Ich beziehe mein kleines Pensionszimmer gegenüber der Elisabethkirche, was sich direkt über einer Gaststätte befindet und besorge mir erst einmal etwas zu essen. Nichts Großes, vielleicht ein paar Weintrauben, etwas Käse, Oliven und Brot.

In das Buch, mit dem vielversprechenden Titel “Flâneuse” (angelehnt an das französische Wort flâner, was soviel heißt wie planlos umherstreifen), habe ich bereits während der Zugfahrt geschnuppert. Es ist von Lauren Elkin, einer US-Amerikanerin, die in Paris lebt.

Schnell wird klar, worum es geht: Die Frau auf der Straße – ein ziemlich neues Phänomen – wenn man die Quellen der letzten Jahrhunderte analysiert. Und das tut die Literaturwissenschaftlerin eindrücklich.

Heute halten wir es für selbstverständlich, uns frei auf den Straßen zu bewegen. Bis vor Kurzem war es allerdings unüblich, als Frau (und das ohne konkretes Ziel) auf der Straße unterwegs zu sein. Die Straße gehörte dem Mann und die Frau gehörte “ins Haus”, hinter den “Herd”, zu den “Kindern”.

Ich trete vor die Tür, spanne meinen Regenschirm auf und bewege mich Richtung Oberstadt. In diesem Moment fühle ich mich ganz wie eine Flâneuse. Ich habe kein konkretes Ziel, kein Anliegen, keine Pläne für den Abend. Ich habe nicht einmal eine Karte, keine Vorstellung, was mich erwartet. Allein unterwegs, stellt sich mir die Frage, wie es sich für mich konkret anfühlt. Fühle ich mich frei und sicher? Kann ich in der Masse untergehen oder werde ich beobachtet? Ich muss kurz schmunzeln. Darüber habe ich noch nie nachgedacht. Bis jetzt hielt ich dies für selbstverständlich!

Marburg ist sicherlich die perfekte Stadt für die Frau, allein unterwegs. Die Stadt ist klein und übersichtlich, gut beleuchtet und Studierenden-freundlich. Junge Menschen sitzen vor ihrer Haustür, lesen ein Buch, trinken ein Bier, rauchen eine Zigarette. Unter ihnen, viele einzelne Frauen, fällt mir auf. Keine wird angesprochen, belästigt oder “angeflirtet”.

Früher war es in Heidelberg auch so entspannt. Manches hat sich geändert. Bin ich in Heidelberg alleine unterwegs, um zum Beispiel ein Buch auf einer Bank zu lesen oder mich an den Neckar zu setzen, kommt es immer wieder vor, dass mich ein wildfremder Mann anspricht. Ich werde gefragt, ob ich Feuer für seine Zigarette habe oder, was ich lese und was ich hier tue, ob ich studiere, verheiratet bin oder mit ihm einen Kaffeetrinken gehen möchte. Das kann schon ziemlich nervig sein, vor allem, wenn man ihn nicht mehr los wird.

In Flâneuse bemerkt Lauren, dass es damals für die Frau nur einen Grund gab, auf der Straße zu sein, lediglich als Prostituierte. Später, mit dem Aufkommen von Geschäften ab 1850 und der Möglichkeit, zu arbeiten, eroberte die Frau das Straßenbild. Nur ist sie noch immer nicht die Flanierende, die ziellos Umherstreifende, sondern die Beschäftigte, welche die Straße dazu nutzt, um von A nach B zu kommen.

Bei der Nachzeichnung der Flâneuse greift Lauren spannende Figuren aus der Literturgeschichte auf. Von (Virginia) Woolf, über Cléo bis Rhys. Aber noch spannender finde ich die eigenen biografischen Puzzleteile der Autorin, die hier immer wieder eingestreut werden.

Lauren kommt selbst aus einem Vorort von New York, der nur mit dem Auto erreicht werden kann. Sie entdeckt das sich-zu-Fuß-durch-die-Stadt-bewegen als Studentin in New York und lernt es erst recht auf den Straßen von Paris zu schätzen. Durch das Setzen eines Schrittes nach dem anderen “lernte [ich] ein Französisch, das nicht in den Schulbüchern steht […] Ich mag den Rhythmus, ich mag, dass mir mein Schatten auf dem Bürgersteig immer ein kleines Stück voraus ist. […] Manchmal gehe ich spazieren, weil mir etwas im Kopf herumgeht und mir Gehen hilft, meine Gedanken zu ordnen.” Sie schreibt weiter, dass sie “dieses umglaubliche Glück spürte, einfach aufstehen und irgendwohin gehen zu können […] Das ist […] Freiheit.”

Ich bin erst einmal genug umher gelaufen. Ich setze mich auf eine Bank, einen Kaffee in der einen und das Buch in der anderen Hand und ich denke, ja, das ist Freiheit. Ich war oben am Schloss, machte Fotos von den Dächern der Stadt. Dann besuchte ich den Botanischen Garten, beobachtete Vögel und suchte die Universitätsbibliothek auf. Ich kam am Kunstmuseum vorbei und hielt bei einer Straßenmusikantin an, die auf ihrer Ukulele spielte. Als es wieder anfing zu regnen, betrat ich einen kleinen Laden und ließ mir die Tücher zeigen, die der Besitzer gerade auspackte. Wir rätselten zusammen, von welchen Malern die Muster auf den Tüchern wohl inspiert waren: Picasso, Monet, Klimt und Beckmann.

Als der Regen aufhörte, ging ich wieder vor die Tür. Ich beobachtete die Menschen, einige waren offensichtlich Tourist*innen, die anderen offensichtlich Student*innen. Einige fotografierten die Fachwerkhäuser, andere kamen gerade von ihrem Einkauf zurück. Junge Leute joggten an mir vorbei, andere trugen gerade den Müll aus dem Haus oder waren auf dem Weg zur Uni. Unsere Blicke trafen sich kurz. Ob sie mich genauso einordnen? Sehen sie mich als Touristin? Als Studentin? Oder Flâneuse 🙂 ?

Nachdem Lauren fast acht Jahre in Paris verbringt, einige Zeit in London lebt und sogar in Venedig, wo sie einen Roman schreibt, zieht es sie der Liebe wegen nach Tokio, eine Stadt mit der sie sich nur schwer anfreundet. Denn ausgerechnet die japanische Hauptstadt lässt sich nur schwer zu Fuß ergründen. Denn nur “durch Gehen und Sehen, durch Gewöhnung und Erfahrung” lernt man die Stadt kennen. Und Tokio wirkt auf Lauren stets intensiv und fragil. “Mein Leben hier hat etwas […] Losgelöstes. […] Das ist nicht Paris. […] Um Tokio zu frâneusieren, musste ich Treppen erklimmen, mit Aufzügen fahren, auf Leitern steigern, um das, was ich suchte, in den oberen Etagen oder auf den Dächern zu finden.” Sie verläuft sich ständig. Sie ist buchstäblich Lost in Translation und “kurze Zeit später, zurück in Paris, machte ich Schluss.”

Es braucht ungefähr 24 Stunden (und ich habe es mehrmals ausprobiert), bis sich die eigene, innere Stimme endlich meldet. Es ist eine starke, kreative, selbstbewusste aber auch kritische Stimme. Ich reise deshalb gerne alleine, weil es mir wichtig ist, diese Stimme, die im Alltag kaum noch Gehör findet (außer man meditiert regelmäßig), zu Wort kommen zu lassen. Sie ist die Stimme der Vernunft. Sie fragt kritisch nach dem aktuellen Zustand. Bin ich glücklich? Was passiert gerade um mich herum? Bin ich noch auf dem richtigen Weg? Ist es das, was ich wirklich will? Die Stimme ist gleichzeitig auch meine kreative und philosophische Seite. Mit ihr verselbstständigen sich meine Gedanken, die ich beispielsweise aus Büchern schöpfe. Sie werden ununterbrochen weitergesponnen. Ich wundere mich oft über mich selbst, welche neuen Ideen dabei entstehen.

Es ist wichtig, dass man sich selbst dabei nicht ablenkt. Während solcher langsamen Reisen bemühe ich mich stets offline zu sein, das Handy wegzulegen, Emails und den sonstigen Kram zu ignorieren und stets alleine zu reisen. Gespräche (wie die mit dem Verkäufer) ergeben sich spontan und sind eher sporadisch. Aber die meiste Zeit schweige ich und bin allein mit meinen Gedanken. Die eigene, innere Stimme wird mit der Zeit immer lauter. Das ist anfangs vielleicht etwas beängstigend, wenn man es nicht kennt. Irgendwann aber kommt die Vertrautheit. Man hört immer genauer hin, will es verstehen, will es aufschreiben.

Auch das Flanieren trägt ungeheuer dazu bei, sich selbst wieder wahrzunehmen, sich selbst zu begegnen und auf seine Stimme zu hören. Zu erkennen, wer man ist, wo man hingehört, wer man sein möchte. Lauren wurde über all die Jahre von ihren Verwandten gefragt, wann sie nach Hause komme. “Als wäre ich ein verirrtes Mitglied […] Mir wurde nahegelegt, dass ich nicht nach Frankreich gehöre, sondern nach Hause dorthin, wo ich herkomme.” Aber was ist Zuhause, fragt sich die Autorin weiter? “Heute haben wir das Privileg, dort zu leben, wo wir wollen”, sagt sie. Solange wir uns emanzipieren, Menschen die wir mögen um uns herum haben und unser Leben auf die Reihe kriegen.

Was ist Zuhause? Ist es Heidelberg, die Stadt, in die ich vor vielen Jahren zum Studieren kam? Was macht Heidelberg zu meiner Heimat? Warum kann es nicht auch Marburg sein? Die Antwort kommt schneller als erwartet: Auf dem Rückweg schaue ich aus dem Zugfenster. Ich bin müde, hungrig und möchte unter die Dusche. Ich sehe den Odenwald, dann Edingen, Dossenheim und Ladenburg. Ein unheimliches Glücksgefühl und Vertrautheit kommt in mir auf, je näher ich mich Heidelberg nähere. Zuhause!

Flanieren ist etwas Großartiges, es macht das nach-Hause-kommen noch großartiger! Ich freue mich auf mein Bett, eine Tasse Tee und den Blick aus dem Fenster. Ich freue mich, dass ich das Buch zu Ende gelesen habe. Der Urlaub war erholsam und spannend zugleich. Ich habe viel über das Unterwegssein gelernt. Ich schätze es sehr, mich (als Frau) frei bewegen und solche Kurzreisen realisieren zu können. Ich freue mich, eine Flâneuse zu sein und noch viele Städte “erobern” zu können.