Philosophisches

Zum Glück, Epikur

Egal, ob wir auf zeit.de schauen, bei Mutti anrufen oder unsere Kollegin auf dem Flur treffen – es geht immer um das eine Thema: CORONA! Nervig. Manchmal angsteinflössend, manchmal einfach nur frustrierend. Ich kenne sogar Leute, die üble Alpträume haben (sie träumen zum Beispiel von Zwangsimpfungen, menschenleeren Straßen oder mutierten Zombies)! Das ist eine Zumutung. Und wir sitzen brav zuhause, warten ab, glotzen in den Monitor und gehen ab acht Uhr abends nicht mehr vor die Tür – so wie es sich gehört.

Vieles ist Kopfsache. Und Angst oder Unsicherheit ist definitiv reine Kopfsache! Es ist ein Gefühl, eine Reaktion auf eine Situation, die man ja nicht einfach einfangen und auf in den Biomüll schmeißen kann!

Aber Angst ist ja nichts Neues, nichts, womit der Mensch nicht umgehen lernen könnte. Es ist ein Grundgefühl, dass jeder irgendwie kennt. Bestenfalls reagiert man mit Mut, Selbstsicherheit oder Gelassenheit darauf – so verstehe ich jedenfalls den Gegenspieler von Angst. Und mit diesen Attributen bewaffnet, kämen wir vermutlich ganz gut durch die aktuelle Krise! Aber wo lernen wir eine solche Power-Pose? Wie kann ich meiner verunsicherten Mutter oder der zweifelnden Arbeitskollegin das nächste Mal Mut machen? Und, wie rette ich mich selbst aus dem Land der Gesichtsmasken und Ausgangssperren?

Zumindest ist der Ausblick nicht schlecht! Aktuell können wir uns vor lauter weltrettenden “Sinnsystemen” nicht beklagen – begonnen bei der Kirche, die uns Vertrauen auf Gott predigt, und dann diese Verschwörungstheorien, bei denen gibt es nicht einmal einen Virus, easy! Und schließlich die Politik, die setzt auf die alles rettende Impfung. Nur her damit!

Nun, ich probier´s Mal mit der Philosophie! Kann sich ja alles noch ein Weilchen hinziehen und dafür ist sie schließlich da … Sie hat mich auch früher nicht im Stich gelassen UND sie kann mir zumindest, was die Kopfsache angeht, schon Mal bisschen Seelenfutter reichen. Da fällt mir vor allem ein Spezialist ein: Epikur, der Glücks-Philosoph. Dafür müssen wir fast 24.000 Jahre zurückgehen, – äh, nein… das war eine Null zu viel 🙂 Los gehts:

Philosophie: keine Zeit verschwenden

Der griechische Philosoph Epikur lebte um 341-270 v.u.Z. auf der griechischen Insel Samos bzw. später in Athen – und schon sind wir mitten in der griechische Antike. Alexander des Große sammelte gerade Länder und vergrößerte sein Reich. Man glaubte zu jener Zeit außerdem an viele verschiedene Götter, die es sich dem Berg Olymp gemütlich machten. Zeus, Poseidon, Demeter hatten Feuer und Wasser, Liebe und Krieg fest im Griff. Das Christentum gab es zu dieser Zeit noch gar nicht, aber dafür bereits die ersten philosophischen Strömungen. Den Überlieferungen zufolge war Thales von Milet (um 624 v.u.Z.) der erste Philosoph, der sich um rationales Nachdenken über die Welt bemühte.

Nun kam Epikur dreihundert Jahre später ins Spiel! Epikur war ein richtiges Lehrerkind. Als Kleinkind hat er mit Sicherheit die Weisheit (statt Brei) gelöffelt. Und als er mitten in der Pubertät steckte, las er dicke schaue Bücher, anstatt mit seinen Kumpels aufm Bolzplatz rumzuhängen. Denn, die Schule konnte ihm keine Antworten zu den wirklich wichtigen Lebensfragen geben, also, warum seine Zeit verschwenden! “Dann widme ich mich doch gleich der Philosophie?” soll der Junge aufmüpfig von sich gegeben haben. Ob der deswegen von der Schule geflogen ist oder einfach nur die Lehrer wechselte, das wissen wir heute gar nicht. Wir wissen nicht einmal, ob er so etwas wie eine Berufsausbildung absolviert hat. Aber uns ist bekannt, dass es zumindest selbst als Lehrer und Dozent tätig war. Das passt ja!

Tod des Königs, Suche nach Sinn

Mit 18 Jahren siedelte er über nach Athen. Alexander der Große war gerade am sterben – also, eigentlich kein gutes Timing für den jungen Epikur. Die Bevölkerung war in Aufruhr und es herrschte Verunsicherung. Doch damals schon war es normal, Antworten auf Lebensfragen in der Philosophie zu suchen. Da gab es zum Beispiel den Skeptizismus – die direkte Antwort auf jegliche dogmatische Lehrsätze (das mag keiner wirklich!). Alles wurde hinterfragt, vor allem fragwürdige Aussagen mit noch fragwürdigerem Wahrheitsanspruch. Dieser wurde vor allem von Vorsokratikern, aber auch von Sokrates selbst (der “Ober-Skeptiker” schlechthin) und den Sophisten geprägt und weiterentwickelt.

Außerdem war da noch der Stoizismus, eine der damals wirkungsmächtigsten Schulen um 300 v.u.Z. – gegründet von Zenon von Kition und später vor allem geprägt von Marc Aurel, Seneca oder Epiktet. Stoa heißt übersetzt “Säule” und ist eine Anspielung auf die Säulen der Agora am Marktplatz von Athen. Die Kernbotschaft lautet: seinen Platz als Individuum in einer gesellschaftlichen Ordnung zu sehen, anzuerkennen und auszufüllen. Es geht um Selbstbeherrschung und Akzeptanz (seiner Situation), vor allem durch Gelassenheit und “Seelenruhe” zu erreichen.

Doch diese gesellschaftliche Ordnung fiel gerade wie ein Kartenhäuschen zusammen. Jetzt war Epikur an der Reihe. Er hatte noch ein As im Ärmel!

Epikureischer Garten

Um Epikur versammelten sich schon die ersten Follower. Er war nicht nur Kumpeltyp, sondern hatte sogar etwas Wichtiges zu sagen. Um all seine Liebsten immer um sich zu haben, gründete er eine Schule. Er kaufte ein Grundstück mit Garten (képos) – was später sein Markenzeichen wurde – um gründete die bis dato wohl größte WG.

Endlich jemand, mit einer neuen Idee! Endlich frischer Wind in der öden Gedankenlandschaft! So etwas wie Do It Yourself! – eine “Philosophie für jedermann”, inklusive Selbstdenken und Selbstgestaltung und schließlich eine Lebensaufgabe!

Worum es ging, kurz auf den Punkt gebracht: “Wir leben nicht ewig!” Carpe diem! Werdet euch der Begrenztheit der Lebenszeit bewusst. Freuet euch des Lebens, aber bitte übertreibt´s nicht.

Falsch verstanden

Lange wurde Epikur falsch verstanden und seine Schriften fehlgedeutet (wahrscheinlich absichtlich!). Nur wenige Quellen sind erhalten. Es sind vor allem die Briefe, zwei Sammlungen von Lehrsätzen und einige Fragmente (das bekannteste ist jenes über die Natur), die uns etwas Einblick in die besondere epikureische Gedankenwelt bieten.

Epikur wird seinem Titel “Glücks-Philosoph” immerhin gerecht. Seine Sprüche zieren nicht umsonst so manches Kalenderblättchen. Hier eine kleine Kostprobe:

“Nicht die Dinge selbst, sondern nur unsere Vorstellungen darüber machen uns glücklich oder unglücklich.”

Bei ihm geht es bei der Suche nach dem Glück vor allem danach, auf Dinge zu verzichten, die offensichtlich unglücklich machen:

“Es gibt nur einen Weg zum Glück und der bedeutet, aufzuhören, mit der Sorge um Dinge, die jenseits der Grenzen unseres Einflussvermögens liegen.”

Glück bedeutet für ihn, wahre und tiefe Freundschaft zu einem anderen Menschen aufzubauen und zu pflegen. Ja, als unbezahlbar kostbar hat er diese bezeichnet:

“Die Fähigkeit, Freundschaft zu erwerben ist unter allem, was Weisheit zum Glück beitragen kann, bei weitem das Wichtigste.”

Doch nicht nur Glück wird mit dem Philosophen Epikur in Verbindung gebracht. Er wurde auch immer wieder als “Philosoph des Hedonismus” betitelt, was soviel heißt wie “Streben nach Sinneslust und Genuss als höchstes ethisches Prinzip”. Das ist jedoch kompletter Blödsinn. Natürlich fühlten sich einige Zeitgenossen ziemlich angegriffen von seinen liberalen, ja demokratischen Ansichten! Schließlich waren auch Frauen und Sklaven Teil der Garten-Kommune – das ging ja gar nicht!

Seine Message

Epikur war kein Draufgänger im Sinne von “nach mir die Sinnflut!”. Seelenruhe ist das Zauberwort. Ok wir würden es eine Runde chillen oder einfach nur entspannen bezeichnen. Und on top setzt er die Freundschaft. “Götter” wiederum, können ihm gestohlen bleiben. Sie haben überhaupt nicht mitzureden. “Nimm Dein Leben selbst in die Hand” lautete der Konsens. Achte lieber darauf, dass die drei Störenfriede Furcht, Schmerz und Gier aus dem Alltag verbannt werden. Sie stehen uns seiner Meinung nach tatsächlich im Weg. Immer.

Was Besitz und Luxus anging, das wurde von Epikur und seinen Anhänger*innen ebenfalls kritisch gesehen: in vielem sahen sie übertriebenen Konsum. Der eigentliche Sinn gehe dabei verloren. Wer hungrig ist, solle auf einfache Dinge wie Brot und Wasser zurückgreifen, so die Philosophen, um satt zu werden. Alles andere sei übertrieben, reize dem Gaumen unnötig, mache abhängig von Luxusgütern, die aufwendig zu beschaffen seien, Lebenszeit kosten und dem einfachen Glück damit im Wege stehen. Und so zieht sich seine Philosophie durch alle Alltagsfragen. Wirklich wahren Seelenfrieden erlange man nur durch ein stabiles, innerliches Gleichgewicht.

Wenn der Tod da ist, ist man nicht mehr da

Epikur wurde verhältnismäßig alt. Er starb mit etwa 70 Jahren an einem Nierenversagen. Seine Kernbotschaft lässt sich nirgends besser verdeutlichen, als an seinem eigenen Tod: Am letzten Tag, so erzählen es die Geschichtsbücher, setzte er sich in eine Badewanne (er wusste, was gut tut), trank Wein (à votre santé!!) und trommelte ein letztes Mal seine besten Kumpels und Kumpelinnen zusammen. Einen besseren Abgang kann man nicht hinbekommen! Er jedenfalls fürchtete den Tod nicht und das sollte auf seinem Grabstein stehen:

“Vor den Göttern brauche man sich nicht fürchten, und der Tod gehe uns nichts an. Denn solange wir leben, ist der Tod nicht da. Wenn der Tod aber da ist, existieren wir nicht mehr.”

Epikur heute

Zurück zu Mutti und unseren Masken: Was sagt uns diese Glücks-Philosophie und wie kann sie uns mental gegen all die Schock-News impfen? Nun, zumal hilft uns Epikur dabei, jegliche Furcht besser zu bewältigen, ja sogar über Bord zu werfen. Es geht um das Hier und jetzt. Wir müssen uns also fragen, was wir heute tun und unseren Alltag gestalten können, um jetzt das Beste daraus zu machen. Wie können wir die Zeit, die wir vielleicht hauptsächlich zu Hause (im Lockdown) verbringen, sinnvoll nutzen?

Besinnen wir uns auf das Wesentliche! Wir können uns mit Dingen abgeben, die einfach zu beschaffen, ja, von der Natur gegeben sind. Bild-Nachrichten sind es jedenfalls nicht. Epikur sagt

“das Gute ist einfach zu bekommen, die Natur gibt uns alles, was wir benötigen. Wem genug zu wenig ist, dem ist nichts genug.”

CORONA-Themen nerven! Und alles, was damit zusammenhängt. Auch das Genörgel darüber, was wir jetzt alles NICHT tun können. So, what! Wie wäre es stattdessen mit dem Fokus auf all das Coole, was wir jetzt (wieder) starten können:

  • ab in den Keller, alten Teppich ausrollen, Radiomusik an und back to Oldschool-Fitness-Training (wie viele Liegestütze kannst Du noch?) oder
  • Blöcke und Stifte raus, sieben vertikale Linien ziehen, und die oberste Reihe mit den Begriffen 1) Stadt 2) Land 3) Fluss 4) Promi 5) Tier 6) Beruf 7) Speise 8) Punkte füllen. Los gehts!
  • Irgendwo steht sie doch noch: die Konzertgitarre. Na los, Du kriegst doch noch mehr hin als Nothing else matters von Metallica?
  • Bücher! Ich liebe Bücher. Aber wie bekomme ich Dich dazu, das Smartphone paar Stunden beiseite zu legen und den restlichen Abend mit einem richtiges Buch zu verbringen? Vielleicht versuchst Du es mit einem Werk, dass Du früher gerne mal gelesen hast? Ich war selbst überrascht, als ich fast 10 Jahre später Das Parfüm von Patrick Süßkind erneut zur Hand nahm. Das war eine wahre Entdeckung!
  • Und zu guter Letzt: Ruf endlich Deine frühere Schulfreundin an. Jetzt ist die beste Zeit dafür. Tauscht euch aus über die “guten alten Zeiten”. Nichts beflügelt mehr als Nostalgie. Und es ist so schön, eine vertraute Stimme zu hören!

Alles easy, Epikur wäre stolz auf Dich:

“Dank der glücklichen Natur, dass sie das Notwendige leicht zu beschaffen, das schwer zu Beschaffende ist nicht notwendig macht.”

Erkenne das Glück in den wesentlichen Dingen. Sie machen uns innerlich reich, sind unbezahlbar! Wir können die Situation genau jetzt nutzen! Nichts steht uns mehr im Weg als unsere Unzufriedenheit, die wiederum hervorgerufen wird durch Angst, Sehnsüchte (Gier) und Schmerz. Abschließend sagt Epikur,

“wenn Du reich sein willst, dann gibt nicht mehr Geld aus, sondern verringere deine Begierde.”

Willst Du mehr über Epikur erfahren? Hier ein paar empfehlenswerte Bücher:

Und hier noch einmal zum Mitschreiben: “Glück und Lust bei Epikur”