Studium,  Über Heidelberg

Früh morgens in Heidelberg

Kennst Du eigentlich die Zeit, in der Heidelberg am Schönsten ist? Die Stadt versprüht vor allem morgens ihren wunderbaren Charme. Es ist ein Zauber, dem man sich nur schwer entziehen kann. Jede*r, der hierher kommt, sollte einmal in der Früh – noch vor 10:00 Uhr – durch die Altstadt laufen.

Kuchen essen und Schaufenster-Bummeln

Als Student*in (und vor der Coronakrise) tat man das öfters. Man war früh dran und musste vielleicht noch eine halbe Stunde warten, bis die Vorlesung in der Neuen Uni am Universitätsplatz endlich beginnt. Wie vertrieb man sich die Zeit? Klar, bei schlechtem Wetter oder in der kalten Jahrenszeit ging man in die “fast versteckte” Triplex-Mensa. Hier besorgte man sich erst einmal einen Kaffee. Manchmal ein belegtes Brötchen oder sogar ein Stück Schokokuchen, je nach persönlicher Stimmungslage. Früher hat man hier im ganzen Gebäude noch geraucht. Das ist aber zum Glück schon lange her. Man setzte sich also frühmorgens mit seinem Kaffee und seinen ausgedruckten Skripten an einen der weißen runden Tische, holte seine farbigen Marker heraus, versuchte wach zu werden und las noch schnell das Kapitel zur Vorbereitung auf die bevorstehende Lehrveranstaltung.

Bei besserem Wetter hält die Altstadt natürlich noch viel schönere Ecken bereit. Man kann “Schaufenster bummeln” an Lehmanns Universitätsbuchhandel (früher Ziehank) und sich für neue Bücher inspirieren lassen, sich einen Kaffee bei “Gundel” und dazu ein “Müslibrötchen” holen (lange habe ich geglaubt, die Süße käme tatsächlich von den Rosinen).

Noch schöner, die Nebengassen

Wer etwas Zeit mitbringt, kann ab dem Universitätsplatz weiter Richtung Heiliggeistkirche und damit zum Marktplatz laufen. Doch ein noch schönerer Weg ist die Nebengasse namens Ingrimstraße. Sie zieht sich ab der Boho-Bar bis zum Kornmarkt und ist etwa 1 Kilometer lang. Hier verstecken sich einige kleine Läden, 1-Zimmer-Cafés und Büros. Auch wurden viele ehemals für das Gewerbe vorgesehenen Erdgeschosswohnungen zu privaten Zimmern umfunktioniert, weshalb man manchmal kreativ und vollgehängte Schaufenster und eher provisorisch mit Tüchern, Pappe und Zeitungen entdeckt. Ein paar Student*innen nutzen die Ingrimstraße als Fahrrad-Schnellspur – wahrscheinlich zu spät dran – man sollte immer auf der Hut sein.

“Guten Morgen” und Mini-Supermarkt

Man beobachtet in der Früh – wenn noch keine Tourist*innen unterwegs sein – das gewerbliche Treiben. Kleine weiße Transporter drängeln sich durch die viel zu engen Gassen (sie waren damals sicherlich nicht dafür vorgesehen), es wird Zeitung ausgetragen und Fenster geputzt. Manchmal bekommt man ganz unverhofft ein “Guten Morgen” zu hören, von Fremden, von Heidelberger*innen. Der “Rüdinger” – ein Edeka-Tante-Emma-Laden, und wahrscheinlich der Letzte seiner Art, holt seine Flaschen und Kisten herein, die der Lieferant gerade vor der schmalen Eingangstür abgestellt hat und bereits wieder abgefahren ist. Einige der Verkäufer*innen gehören fest zum Inventar. Sie waren hier schon zu Studienzeiten (als man in der Triplex noch rauchen durfte). Doch man fragt sich immer wieder: Wer hält das aus? Arbeiten auf so engem Raum… und dann auch noch ständig diese Tourist*innen, welche das komplette Schokoladenregal leerkaufen…

Palmen, Blumen, Urlaubsfeeling

Gegenüber, auf dem Marktplatz sprenkelt der Herkulesbrunnen, den es seit dem 18. Jahrhundert gibt. Die Sonne versteckt sich noch hinterm Königsstuhl und der Platz ist mit vielen großen “Trachycarpus fortunei”-Kübeln ausgestattet – das sind winterharte Palmen, die der Stadt zusätzlich einen mediterranen Flair verleihen. Heidelberg wirkt aufgeräumt und aufgehübscht. Überall sind Blumen angebracht: rote am Rathaus und lila-weiße an vielen Fensterbänken. An einigen Fahrrädern, die in fast jeder Seitenstraße stehen, zieren gelbe und grüne (Plastik-) Blumen die Hinterkörbe.

Die ersten Cafés reißen ihre Türen auf, lassen frische Luft in ihre Räume, decken die Außentische mit Gestecken und Aschenbecher und klopfen die Sitzkissen aus. Der Tag verheißt sicherlich wieder viele Tourist*innen – bis zu 12 Mio. zählt die Stadt pro Jahr – der blaue Himmel zeigt nur wenige bauschige Schäfchenwolken, die sich sicherlich im Laufe des Vormittags auflösen werden.

Altstadtbewohner*innen

Ab und zu sieht man eine*n Jogger*in. Es sind oft Studierende oder Tourist*innen, die in der Altstadt wohnen. Die meisten Berufstätigen wohnen außerhalb der Heidelberger Altstadt: in Rohrbach, in Handschuhsheim und neuerdings in der Bahnstadt… Die Altstadt ist eher touristisch ausgelegt. Was irgendwie schade aber nachvollziehbar ist. Die wenigen Privatwohnungen sind oft in Besitz von (oft älteren) Leuten, die diesen an ihren Nachwuchs weitergeben. Oft wohnen sie mit im Haus und erwarten bei Vermietung unterer Etagen (oder der umgebauten Garage) im Gegenzug kleine Gefälligkeiten wie Mülltonne rausstellen, Glühbirne austauschen oder eine Packung Milch von Supermarkt mitbringen.

Heidelberg ist in der Früh am allerschönsten, weil die Straßen noch leer sind und man der Stadt beim “Aufwachen” zuschauen kann. Eine frische Brise weht durch die engen Gassen der Altstadt, die gemütlich zwischen zwei Berghügeln steckt, so als wäre sie von der Natur liebevoll umklammert. Diese Umarmung sorgt für großartige Szenen auf der Alten Brücke um diese Zeit. Die Stadt liegt oft im Nebel, manchmal zusätzlich von der Sonne angestrahlt. Es sind einfach nur wunderschön aus. Oft fehlen einem die Worte!

An der ehemaligen Stadtmauer entlang

Zurück auf dem Uniplatz – das Drehkreuz des Geschehens. Wusstest Du, dass die ehemalige Stadtmauer genau hier entlang lief. Die Altstadt war ursprünglich viel kleiner und das Dorf Bergheim befand sich in direkter Nachbarschaft. Stadtteile wie Wieblingen oder Kirchheim wurden erst vor 100 Jahren (1920) eingegliedert und Rohrbach sieben Jahre später. Ziegelhausen kam erst 1975 hinzu und die Bahnstadt ist ein sehr junges Projekt. 2014 wurde der Grundstein gelegt. Am Uniplatz befinden sich das Universitätsmuseum, die Alte Aula, die Musikwissenschaften, dahinter das Institut für Slawistik, die Geschichtswissenschaften und schließlich in der Grabengasse/ Plöck die Universitätsbibliothek. Auch hier verbringt der und die Studierende viel Zeit vor und nach den Lehrveranstaltungen. Sie öffnet bereits um 8:30 und schließt um 1:00 Uhr nachts!

Alte Erinnerungen Unibib

Manche schreiben hier 50-seitige Hausarbeiten, andere holen nur ihre Fernleihen ab (oder eine Tüte Nüsse im Keller des Hauses, wenn sich sonntags nichts Essbares mehr im Kühlschrank befindet). An der Unibib, wie man auch dazu sagt, werden jedoch ständig Bauarbeiten vollzogen. Gefühlt ist hier immer etwas zu reparieren oder zu sanieren. Ich erinnere mich noch an das Gebäude, bevor es in die Sandgasse nach hinten raus erweitert wurde. Man hatte den direkten Fensterplatz mit Blick auf den Innenhof/ Klingengraben, konnte im Tiefenmagazin verschwinden, in alten Fachzeitschriften blättern oder sogar raus auf die Terrasse gehen und den Sonnenuntergang von hier oben noch ein Weilchen genießen. Wenn alle Tische belegt waren, setzte man sich einfach an eine Wand auf den Teppichboden, breitete seine Unterlagen aus und lernte eben aus dem Schneidersitz heraus.

Heidelberg in der Früh heißt einen Moment für sich alleine sein, tief durchatmen, bevor der Tag richtig losgeht. Kaffee zum Wachwerden kriegt man quasi an jeder Ecke. Dabei stellt man fest, dass die Stadt sich ständig verändert (nicht erst seit oder wegen der Corona-Krise) und man sich selbst mit ihr. Man ist vielleicht kein*e Student*in mehr, die Interessen verlagern sich, Läden, Institute und Cafés verschwinden und werden durch andere, neue Angebote ersetzt. Doch irgendein Zauber liegt in der Luft. Die Altstadt am Morgen lädt zum Sinnieren ein, kurz bevor die Hektik und Betriebsamkeit der Stadt losgeht. Der Duft, die Geräusche und Farben sind noch dieselben, und doch anders, bevor die Läden öffnen. Für dieses besondere Erlebnis lohnt es sich, früh aufzustehen.