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Das 1×1 des freien Denkens

Denken tun wir alle – mindestens 60.000 Gedanken pro Tag, heißt es! Aber was ist freies bzw. selbstständiges, vernünftiges und kritisches Denken? Wie gelingt uns das im Alltag und ohne, dass man gleich Kant im Original gelesen haben muss?

Selbstständiges Denken meint reflektiertes Denken. Kritisches Denken heißt soviel wie unterscheiden, beurteilen, analysieren und überprüfen.

Seit der französischen Aufklärung sieht man es als Errungenschaft an, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen (vgl. Immanuel Kant, Sapere aude), es also kritisch zu nutzen und zu Erkenntnissen zu gelangen!

Hierzu gibt es einen interessanten Artikel mit dem Titel “Es ist so bequem, unmündig zu sein, veröffentlicht im Jahr 2015 in ZEIT.

Warum ist das so wichtig? Man könnte sagen, wir sind seit dem Kindesalter fremdbestimmt. Wir wurden von unseren Eltern, unseren Lehrern und dem Umfeld erzogen, geprägt und sozialisiert. Wir waren natürlich von dem abhängig, was man uns beibrachte. Bestimmen konnten wir es anfangs jedenfalls noch nicht.

Erst mit der Zeit lernen wir, selbstständig zu denken, uns unsere eigene Meinung zu bilden, Erfahrungen zu sammeln. Wir machen uns los von vorgefertigten Denkmustern, bauen Selbstvertrauen auf und kommen zu eigenen Schlüssen.

Dieser Prozess ist wichtig und sollte spätestens im Schulalter stattfinden bzw. gefördert werden.

Man lernt dabei zum Beispiel, nicht vorschnelle Urteile zu fällen und nicht immer gleich die erste Idee, die einem in den Sinn kommt, zu akzeptieren. Erst einmal nachdenken! Und dann fragen: Woher kommt dieses Wissen? Was ist der Grund dafür und was ist die Informationsquelle?

Es geht schließlich auch darum, nicht mehr nur in Kontrasten zu denken (schwarz-weiß, entweder-oder), sondern mehrere Facetten zu erfassen, das heißt von all den vielen anderen Möglichkeiten zu erfahren, die es auch noch gibt.

Das gelingt in der Regel nur, wenn man unbekanntes Terrain betritt, sich mit neuen Themen beschäftigt und dabei stets offen und unvoreingenommen bleibt. Das impliziert nicht selten, seine Komfortzone zu verlassen.

Viel zu schnell tappen wir in die Falle der sogenannten “kognitiven Verzerrung”, oft sogar, ohne es zu bemerken: Unsere Wahrnehmung ist verzerrt, da wir uns beim Erinnern oder Beurteilen, ständig die Wahrheit zurechtzubiegen, immer so, wie sie gerade zu unserem Statement passt.

Schließlich ist unsere Wahrnehmung immer subjektiv und situationsabhängig. Wir konstruieren uns unsere Welt.

Deshalb ist es umso wichtiger, sich selbst zu reflektieren und „sich selbst zu erkennen“, wie schon Sokrates, Thales oder Thomas von Aquin vom Menschen verlangten. Auch die Psychoanalyse sieht hierin die Vorstufe zur Selbstverwirklichung. Wer in der Lage ist, vernünftig, unvoreingenommen und so gut es geht eigenständig zu denken, erfährt mehr über sich selbst.

Es geht permanent um Reflexion. Ist man bereit, die Dinge zu hinterfragen (auch die eigenen Überzeugungen)?

Man überprüft den Wahrheitsgehalt, beschafft sich Informationen, erschließt sich neue Perspektiven und fragt sich aufs Neue, warum etwas so von uns gesehen wird. Das hat mehrere Vorteile: Man baut zum Beispiel die Fähigkeit aus, nicht mehr einfach nur seiner Intuition zu folgen, sondern immer tiefere Überlegungen anzustellen und schließlich auf einen immer größer werdenden Erfahrungsschatz zurückzugreifen.

Wer nicht selbst denkt, der läuft Gefahr, anderen glauben zu müssen (Dinge, die man nicht versteht, muss man glauben!) oder vorgefertigte Denksysteme blind zu übernehmen. Das ist gefährlich und nicht zu verwechseln mit “anderen Menschen Vertrauen schenken”.

Schließlich lassen sich Menschen mit einem kleineren Horizont besser und einfacher manipulieren. Man spricht in dem Kontext auch von Gehorsam, Abhängigkeit und Lenkung in eine bestimmte Richtung. Das erleben wir tagtäglich, denn die Großmutter beispielsweise auf das “Wort” des Pfarrers hört oder Bekannte unhinterfragt eine “Meinung” aus der Tageszeitung wiederkäuen.

Unreflektierten Menschen fehlt es oft an gesunder Skepsis. Sie haben oft ein schlecht ausgeprägtes Urteilsvermögen, auch fällt es ihnen schwer, zu abstrahieren, rational oder weitsichtig zu denken.

Deshalb ist kritisches Denken so wichtig! Es geht auch um die Entwicklung und Ausreifung der Fähigkeit, überhaupt die richtigen (relevanten) Fragen zu stellen und eine passende Antworten zu finden.

Deshalb ist Recherche und Informationsbeschaffung ein wichtiger Aspekt, der nicht zu kurz kommen darf. Die Kunst dabei ist, das Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden und das ist heute alles andere als einfach.

Die Informationen müssen richtig analysiert und evaluiert werden. Oft handelt es sich um einen Never-ending-Prozess. Denn, wer weiß schon, ob man an alle relevanten Infos gelangt und welche einem verborgen bleiben? Wer kann schon beurteilen, ob die Infos aussagekräftig oder gar vertrauenserweckend sind? Nach welchen Infos soll man überhaupt suchen? Ist nicht die Suche an sich schon vom eigenen Interessen geleitet und filtert man nicht sowieso nur die Infos raus, die man hören bzw. lesen will?

Insbesondere ein geisteswissenschaftliches bzw. verhaltensforschendes Studium eignet sich besonders gut dazu, sich die Fähigkeit des kritischen Denkens anzueignen und so manches Phänomen der Gegenwart in einen übergeordneten Zusammenhang zu setzen. Aber auch das regelmäßige Lesen von “überregionalen” Zeitungen, von Fachliteratur/ Sachbüchern und der zwischenmenschliche Austausch wirkt sich nachhaltig auf die eigenen Denkstrukturen aus.

Wer möchte diese besonderen Skills, die schließlich zur mentalen „Freiheit“ beitragen, nicht für sich selbst beanspruchen? Freiheit ist schließlich Unabhängigkeit. Wie gelingt also freies Denken und welche Methoden gibt es noch im Alltag?

Hier ein paar Vorschläge, die freies, selbstständiges Denken fördern:

  • Kritische Grundhaltung (aber nicht Pessimismus)
  • Optimistisch sein und positiv Denken
  • Immer nach dem Warum und Woher fragen
  • Seine Stärken kennen und diese immer weiter ausbauen
  • Sich in ein Studienfach einschreiben, noch einmal Studieren gehen
  • sich in ein Fach einschreiben, dass man noch gar nicht kennt, Neues ausprobieren
  • Eine Weiterbildung machen
  • Mit interessanten, inspirierenden und positiven Personen zu tun haben
  • Bücher lesen
  • öfters zu Fachliteratur/ Sachbüchern als zu Romanen greifen 
  • überregionale Zeitungen lesen
  • Sich gesund ernähren, den Körper pflegen, Sport machen
  • Stress abbauen, um in Ruhe nachdenken zu können
  • genügend schlafen, denn nur ausgeschlafen, lassen sich klare Gedanken haben
  • Sich mit unterschiedlichen Personen austauschen
  • Auch mal zurückziehen und die Ruhe genießen
  • Meditieren
  • Dankbar sein
  • Sich mit Philosophie beschäftigen
  • Auf Lesungen und Vorträge gehen
  • Dokumentationen schauen
  • die für sich wichtigen Dinge aufschreiben, ein Notizbuch besitzen
  • auf weniger konzentrieren
  • Fragen stellen – „was bringt mir das für´s eigene Leben?“
  • Erfahrungen sammeln und neue zulassen, auch mit der Gefahr, etwas falsch machen zu können
  • raus aus der Komfortzone treten, und bewusst Neues tun
  • auch Nein sagen können!
  • sich Fehler machen erlauben, aber wieder Aufstehen lernen
  • gelassen bleiben
  • geduldig sein

Diese Dinge solltest Du besser nicht mehr tun:

  • zu viel Fernsehen gucken
  • zu viele Nachrichten schauen
  • zu viel (ziellos) im Internet surfen
  • Dinge, die man Dir erzählt, sofort glauben
  • Autoritäten blind vertrauen
  • glauben, dass Du etwas nicht kannst, nur weil es jemand anderes einmal behauptet hat
  • die Meinung anderer Menschen zu wichtig halten
  • nach Fehlern suchen, anstatt Dich auf die Stärken zu konzentrieren
  • sich selbst ständig ablenken
  • oder zu stark einschränken und sich Neuem verschließen
  • zu wenig schlafen, ständig unausgeschlafen sein
  • Dinge tun, die dem Körper ganz sicher schaden
  • dich mit Personen abgeben, die Dir offensichtlich nicht guttun
  • Probleme nicht aktiv angehen, sondern sie stets ignorieren oder gar meiden
  • zu viel vornehmen, in Zeitstress geraten
  • pauschale Sätze meiden oder Stereotypen nutzen („das war schon immer so“, „das ist typisch für ihn…“)
  • von einer absoluten Wahrheit ausgehen

Zu diesem Thema ist lange noch nicht alles gesagt und man könnte ganze Bücherregale füllen. Also stay tuned. It will be continued… 😛