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Rezension zu FAKE – Fälschungen, wie sie im Buche stehen

Ist euch das auch schon aufgefallen? Seit spätestens der Sendung BARES FÜR RARES (im ZDF), ist Kunst wieder voll im Trend und in aller Munde. Das Interesse für Antiquitäten, seltene Fundstücke oder alten Schmuck ist wieder da. Jeder schaut selbst vorsichtshalber aufm Dachboden, ob da nicht doch ein altes Gemälde oder ein orientalischer Teppich herumliegt, den oder das man vielleicht zu Geld machen kann. Und wer weiß, vielleicht ist die hässliche Vase doch ein Designerstück oder der Wert seiner Briefmarkensammlung ist inzwischen gestiegen?!

Oder aber – das ist ehe alles nur Fake! Opa hat sich damals bestimmt nur über den Tisch ziehen lassen, als er sich die Goldmünzen auf dem Flohmarkt hat anschwatzen lassen. Und Tante Lillis überlassenes Tafelbesteck ist mit höchster Wahrscheinlichkeit nur versilbert.

Bekannte Fälschungen

Fälschungen verschiedenster Art gibt es seit jeher! Zu den bekanntesten zählen die falschen Werke von Wolfgang Beltracchi, Han von Meegeren oder Tom Keating. Auch die an den STERN für mehrere Millionen DM verkauften “Tagebücher des Adolf Hitlers” von Konrad Kujau, erregten 1983 großes Aufsehen. Menschen wie Frank Abagnale gefälschten Urkunden, um bestimmte Berufe auszuüben (seine Biografie inspirierte übrigens das Buch Catch me if you can) und selbst unsere Lebensmittel bleiben nicht verschont, wenn auf der Pizza sogenannter Analogkäse liegt oder sich Zuckersirup statt Honig im Glas befindet.

Imitate, Kopien, Plagiate. Fake News, Fake Profil, Fake Money! Ein Fall für die Krimialpolizei… ODER für die Universitätbibliothek (UB) Heidelberg – natürlich in enger Zusammenarbeit mit dem Kunsthistorischen Institut.

Ausstellung in der Unibibliothek Heidelberg

In den Jahren 2016/17 zeigte die UB eine spannende Ausstellung mit dem Titel FAKE Fälschungen, wie sie im Buche stehen. Man kann sie zwar nicht mehr besuchen, aber im Katalog mit demselben Titel blättern, der im Universitätsverlag WINTER Heidelberg publiziert wurde. An dieser Stelle, herzlichen Dank für das Rezensionsexemplar.

Sektionen I-V

Auf der einen Seite wollte die UB mit der Ausstellung sicherlich zeigen, welch beachtliche Sammlung in den eigenen Regalen inzwischen herangewachsen ist. Auf der anderen Seite, war die Ausstellung eine hervorragende Chance für Kunsthistoriker*innen, aus dem Elfenbeinturm zu steigen und ein Thema für eine breite Bevölkerung aufzubereiten.

Es geht um Fälschungen im Allgemeinen (erste Sektion). “Im Spiegel der Bücher” werden beispielsweise Biografien gezeigt, die entweder selbst etwas “aufgehübscht” wurden oder über Menschen handeln, die es gar nicht gegeben hat. Es geht um Aufdeckungen und darum, welche Rolle dabei die Fachliteratur spielt. Zahlreiche Romane und Filme haben sich mit Fälschungen beschäftigt. Als Beispiel wird hier Riccardo Nobilis A Modern Antique herangezogen.

Sektionen zwei bis vier nehmen sich die Kunstfälschung dann genauer vor, eingeteilt in geschichtliche Abschnitte, von der Antike bis in die frühe Neuzeit (zweite Sektion), von Barock (dritte) bis hin zur klassischen Moderne (vierte). Sektion fünf spannt den Bogen schließlich von Vergangenheit, Gegenwart, bis in die Zukunft. Wird es aufgrund der heutigen Erkenntnisse und verbesserten Technologien, die es Fälschern immer schwerer machen, weiterhin zu unerlaubten Nachahmungen kommen? Selbstverständlich! Und Bücher – so das Fazit – werden nach wie vor bei der Konzeption, Herstellung und in der Distribution falscher Werke eine wichtige Rolle spielen.

Interviews

Interessant am Katalog sind vor allem die beiden Interviews – einmal mit dem Kriminologen Ernst Schöller (LKA Stuttgart), der auf die Fälschungen des Wolfgang Lämmers gestoßen ist und das andere Mal mit der Museumsleiterin Diane Grobe aus Wien, die sich mit ihrem Museum explizit auf gefälschte Werke spezialisiert hat.

Der Kriminalhauptkommissar Schöller erzählt, wie er eines nachts von einem alten Herrn kontaktiert wird, da dieser “nach einem Kinobesuch […] an einer Galerie vorbeigelaufen war und dort im Schaufenster ein gefälschtes Pastell entdeckt, das vorgab von […] Max Ackermann zu stammen.” Er war weder Sachverständiger noch Gutachter, lediglich ein Mann, der die Werke seines Lieblingskünstlers seit über 40 Jahren sammelte und überzeugt war, dass “der […] überhaupt nicht verstanden (hat), was der Künstler eigentlich ausdrücken wollte.” Schließlich haben sich die Kriminologen eingearbeitet und die Fährte ausgenommen. Am Ende sind sie auf einen Kunstfälscher gestoßen, der zu damaliger Zeit – das Ganze spielte sich in den 1980er Jahren ab – ziemlich professionell vorging und handwerklich gut gearbeitet hat. Warum er mit einem solchen Talent nicht einfach seine eigenen Werke produzierte, verriet er dem Kommissar. Die Unterschrift eines bekannten Künstlers war unter seinen Bildern einfach gleich 13 Mal wertvoller, als die eigene. Er hatte schließlich vier Kinder und eine Frau zu versorgen. Irgendwann war er es satt, immer wieder runter gehandelt zu werden, nur weil sein Name nichts zählte.

Die Leiterin des Fälschungsmuseums Grobe aus Wien bekommt gerade genau das Gegenteil zu spüren. Auf Kunstaktionen steigt der Marktwert von “berühmten” Fälschungen à la Beltracchi, Kujau & Co. enorm. Von wegen Schnäppchen. Die Nachfrage ist groß! Inzwischen hängen sich Menschen ja auch bewusst Kopien ins Wohnzimmer, bestens Beispiel ist Donald Trump. Sein Renoir ist auch bloß eine gute Kopie. Es geht der Leiterin, die selbst Malerin ist, vor allem um die Hintergründe: “Wie imitiere ich etwas […] und wie wird was warum auf dem Kunstmarkt gehandelt?” Sie interessiert sich für die Geschichte, die hinter der Fälschung steckt und sie fragt sich bei manchen Werken natürlich auch, wie diese überhaupt als Originale durchgehen konnten. Das Prinzip scheint immer dasselbe zu sein:

“Man braucht Beziehungen und den Glauben von anderen Menschen – und dann kann man ihnen zuweilen fast alles verkaufen, was man will. […] Es geht weniger darum, was wer kann, sondern darum, ob das zu etwas Gängigem passt oder man jemanden mit Geld und Beziehungen kennt.”

(Diane Grobe)

Sprache – nicht für jedermann

Neben den Interviews gibt es im Katalog noch sechs andere Spezialthemen, die allerdings etwas mühsam für absolute Laien zu lesen sind. Wir dürfen nicht vergessen, dass wir es hier mit Wissenschaftler*innen zu tun haben, die seit Jahren komplett in ihre Arbeit eingetaucht sind und sich in diesem Milieu bewegen. Leider wirkt ihre Sprache immer etwas befremdlich auf das gemeine Volk und der oder die Außenstehende wird so seine oder ihre Schwierigkeiten haben, zu verstehen, worum es hier eigentlich geht. Beispielhaft sind die oft über mehrere Zeilen verschachtelten und mit Fremdwörtern ausgeschmückten Sätze, welche die Fähigkeit haben, die ganze Welt in einem Atemzug zu erklären. Puh, da muss man selbst erst einmal tief Luft holen.

Was der Gesellschaft gerade wichtig ist

Nichtsdestotrotz ist das Thema spannend und relevant. Denn, wir fragen uns ja, warum überhaupt gefälscht wird? Da, wo Nachfrage ist, entsteht ein Angebot – manchmal eben etwas zusammenkopiert oder exakt nachgemacht. Eine mögliche Antwort liefert dieser Ansatz, der auf die wichtige Verbindung von Fälschungen und Bücher hinweist. Dort heißt es:

“Fälschungen und Bücher weisen eine Parallele auf, die häufig nicht beachtet wird: Sie fungieren beide als Spiegel der Themen und Werte, die einer Gesellschaft wichtig sind: Gefälscht wird nur, was wertvoll ist, und als wertvoll wird erachtet, was einer Gesellschaft gerade wichtig ist.”

So wäre die logische Folgerung, dass die Nachfrage eines bestimmten Objektes immer eine Anzahl von Menschen voraussetzt, die den Wert dessen durch seine Nutzung bestimmt. Der Wert kann aber nur bestimmt werden, wenn er irgendwo auch kommuniziert wird, beispielsweise über Bücher. Bücher wiederum greifen in der Regel Themen auf, die für die jeweilige Zeit, im jeweiligen Kontext als wichtig erachtet werden (sonst bräuchte man ja nicht darüber zu schreiben). Weiter heißt es

“Eben dies wird von Büchern zum Thema gemacht und dort dann verhandelt, so dass ein Blick in ältere und neue Publikationen Auskunft darüber geben kann, was eine Gesellschaft hinsichtlich der Themen und Werte jeweils gerade bewegte und bewegt.”

Kunstgeschichte liegt im Trend

Wer sich für die (akademische) Kunstgeschichte interessiert oder gerade ein gutes Thema für seine geisteswissenschaftliche Hausarbeit sucht, sollte ein Blick in diesen Katalog von mehr als 180 Seiten werfen. Man wird hier zwar keinen praktischen Leitfaden für die Begutachtung seiner persönlichen Kunstschätze im Keller finden, aber vielleicht sein Interesse an der wissenschaftlichen Abhandlung von Fälschungen, wie sie im Buche stehen wecken. Von wegen “brotlose Kunst” – wie gesagt, Kunstgeschichte liegt voll im Trend!

Mehr zum Thema findest Du in diesem Rückblick der Unibibliothek Heidelberg.

Erfahre außerdem mehr zum Thema im gleichnamigen Beitrag der Rhein Neckar Zeitung (2017)

Und hier gehts zum Universitätsverlag WINTER Heidelberg