Studium,  Über Heidelberg

Auf den Spuren von Robert Schumann

Heidelberg kann einen ganz schön um den Verstand bringen … und der oder die ein und andere wurde sogar dafür berühmt. So zum Beispiel Robert. Aber lass mich Dir seine Geschichte ganz von vorne erzählen:

Am 8. Juni 1810 kommt Robert in Zwickau, einer Stadt in Sachsen zur Welt. Schon früh kommt er mit Musik in Berührung, “komponiert” als Kind bereits seine ersten Stücke. Ok, es gibt sicherlich andere Beschäftigungen für Kleinkinder, aber der Kleine war da etwas anders gestrickt.

Jedenfalls glänzt er auch in der Schule mit zahlreichen Talenten: ihm liegen Sprachen – vor allem Latein, Griechisch und Französisch – er spielt im Schulorchester und wird literarisch tätig. Seit Vater war schließlich selbst bekannter Autor und Leiter einer Verlagsbuchhandlung. Doch er stirbt unerwartet, als der Junge erst 16 Jahre alt ist. Der Einser-Schüler Robert muss sich entscheiden. Was studieren? Er geht schließlich nach Leipzig, schreibt sich für Rechtswissenschaften ein und hört zum ersten Mal von einem außergewöhnlichen Juraprofessor (und Musikliebhaber) in Heidelberg.

Von Leipzig nach Heidelberg

Musik wird erstmal Nebensache. Ein Hobby, dass er in Form von Nachhilfeunterricht beim Theologen Wieck, einem strengen Klavierlehrer und Vater von der wunderschönen und hochbegabten Clara, stillt.

Wie sollte es auch anders sein: Robert verliebt sich in Clara (was Vater Wieck eher missfällt). Clara sei schließlich viel zu gut für ihn, bereits eine Starpianistin, europaweit bekannt. Robert wirkt zu jener Zeit noch orientierungslos und noch nicht wirklich ausgewachsen. Er gehört sogar einer Burschenschaft an und wird tatsächlich in einer polizeilichen Ermittlungsakte aufgeführt (aber man weiß heute nicht wirklich, warum) – das wirft natürlich nicht gerade ein gutes Bild auf ihn.

In Leipzig kommt er nicht voran. Er ist fest entschlossen, sein Studium nach einem zwei Semestern in Heidelberg fortzusetzen. Da ist er gerade mal 19 Jahren alt. Seine Ankunft 1829 beschreibt der Student so:

“Der Abend war schön stürmend und die Sonne ging pur pur wie ein Gott unter das schwarze Gewölk. Abends kam ich mit einem gemischten Gefühl von Freude und Wehmut in meinem ersehnten Heidelberg an.”

(Jugendbriefe, hrsg. von Clara Schumann)

Robert wohnt mitten in der Altstadt – gegenüber der Univerwaltung in der Seminarstraße (wo heute das Romanische Seminar steht), mit Blick auf das Heidelberger Schloss. Aus einem Brief an seine Mutter wissen wir interessanter Weise, dass die Irrenanstalt gleich nebenan liegt. Er gibt darin zu, dass er nicht wisse, was ihn mehr störe: die Gesänge aus der katholischen Kirche (Jesuitenkirche) oder das Wirrwarr aus dem Irrenhaus. Konzentration gleich Null.

Alltag in Heidelberg

Heidelberg gilt zu jener Zeit schon als Ideen-Pool für demokratische Bewegungen. Im Gegensatz zu anderen Universitätsstädten, gilt Heidelberg als frei und es gibt wenig Zensur. Studierende werden regelrecht von “revolutionären Ideen” angestiftet. Auch der Rechtsprofessor Thibaut – von dem Robert seit Beginn seines Jurastudiums schwärmt – gehört dazu. Zu dieser Zeit stehen Studierende im engen Verhältnis zu ihren Professoren. Es kommt oft vor, dass sie zu sich nach Hause eingeladen werden oder gemeinsam in der Kneipe Bier trinken.

Robert geniesst offensichtlich seine Zeit in Heidelberg. Er beschreibt seinen Studentenalltag so:

“Meine Idylle ist einfach und zerfällt in Musik, Jurisprudenz und Poesie. Von vier bis sieben arbeite ich. Von sieben bis neun geht´s an Klavier, dann zu Thibaut. Nachmittags wechselt Kollegium mit englischer und italienischer Stunde. Abends geht´s unter die Menschen und in die Natur. Das ist das Ganze – und ein Ganzes!”

(Robert Schumann)
Folg ich meinem Genius, so weist er mich zur Kunst!

Sein Rechtsprofessor ist ein begnadeter Redner und außerordentlicher Rechtsgelehrter. Er hat sich auf vor allem auf die von römischem Recht begründete sogenannte Pandektenwissenschaft spezialisiert. Und er ist Musikliebhaber – schreibt ein Buch über die “Reinheit der Tonkunst” – was die Musiker in ganz Deutschland aufhorchen lässt. So auch Robert, der im privaten aber legendären Singkreis des Professors mitwirkt und gerne Konzerte in Heidelberg besucht.

Thibaut ist es auch, der in Robert ein außergewöhnliches Talent sieht. Der Professor bringt ihn dazu, sich beruflich neu zu orientieren. Robert sagt über ihn, er sei “ein herrlicher, göttlicher Mann, bei dem ich meine genußreichsten Stunden verlebe”.

Nach einer durchzechten Nacht und einem ausgiebigen Spaziergang am Neckar, fasst er schließlich den Entschluss, Musiker (von Beruf) zu werden. Auch hier wieder ein Brief an seine Mutter: “Folg ich meinem Genius, so weist er mich zur Kunst, und ich glaube zum rechten Weg”.

Dass mit der Musik, ist keine leichte Sache. Denn er muss schließlich sein Leben (und später das seiner Familie) damit finanzieren. Seine Mutter zweifelt sogar daran. Er sei einfach “zu spät” dran, mahnt sie. In Heidelberg hat er auch keine Chance, diesen neu eigeschlagenen Weg zu verwirklichen. Deshalb packt Robert wieder seine Koffer, verlässt Heidelberg nach nur drei Semestern und geht zurück nach Leipzig. Er zieht zu seiner Freundin Clara und nimmt wieder Unterricht bei Wieck.

Den “schlimmen Finger” trainieren

So romantisch alles angefangen hat, nimmt es leider eine dramatische Wende. Jede*r, der oder die aktiv Klavier spielt, weiß, dass der Ringfinger eine technische Schwachstelle hat. Er ist vergleichsweise sehr unbeweglich und hat einfach weniger Kraft als die anderen Finger. Robert will dies nicht akzeptieren und geht sogar in die Geschichtsbücher dafür ein, dass er den sogenannten “schlimmen Finger” besonders effektiv trainieren will – mit dem Ergebnis einer üblen Sehnenscheidenentzüdung, die sogar seine musikalische Karriere auf Eis legt.

Clara, die wahrscheinlich bessere Pianistin

Die Schmerzen im Arm werden zu Lähmungen. Robert wird depressiv und Clara, inzwischen seine Frau, muss viel für ihn übernehmen. Man munkelt sogar, dass sie die eigentliche Virtuosin ist, die bessere Komponistin und Pianistin. Er habe vielleicht von ihr abgekupfert oder zumindest das ein und andere musikalisch von ihr übernommen.

Dass Robert damals wie heute bekannter als seine Frau ist, liegt leider daran, dass Frauen im 19. Jahrhundert nicht viel zu melden haben. Sie sind quasi unsichtbar. Die hochbegabte Pianistin schafft es trotz “Haushaltsführung, Mutter von insgesamt vier(!) Kindern und kompletter Rückendeckung ihres Mannes”, international durchzustarten. Was für eine Powerfrau – die jetzt erst wiederentdeckt wird. Clara war übrigens auch ab und an in Heidelberg – leider weiß man darüber nur sehr wenig.

Begnadet & psychisch krank

Robert wird psychisch krank, hat Wahnvorstellungen und wünscht sich schließlich den Tod. Dennoch ist er ein grandioser Musiker, komponiert zum Beispiel die weltbekannten “Kinderszenen”, die “Papillons” und “Carneval”. Er erschafft die “Liederzyklen wie “Dichterliebe ” und “Liederkreis”, ganz tolle orchestrale Sinfonien und die Oper “Genova”.

Im Jahr 1854 – Robert ist inzwischen 55 Jahre alt – werden schließlich sämtliches Dirigieren und Komponieren eingestellt. Einige abgelehnte Bewerbungen und erfolglose Proben führen dazu, dass der Musiker an sein Limit kommt. Ihn plagen schlaflose Nächte, man vermutet eine bipolare Störung und er steht unter ärztlicher Aufsicht. Ausgerechnet an einem Rosenmontag springt er von der Brücke in den Rhein – ein letzter Ausweg? Man weiß es nicht. Er überlebt und wird in die Psychiatrische aufgrund von “Melancholie und Wahn” bei Bonn eingeliefert. Clara ist gerade mit dem vierten Sohn schwanger und zieht vorübergehend zu einer Freundin. Erst zwei Jahre später, auf Anraten eines Arztes, lässt sie sich in seiner Einrichtung blicken. Als hätte er genau darauf gewartet, sie ein letztes Mal wiederzusehen. Denn er stirbt nur wenige Tage später, mit nur 46 Jahren im Jahr 1856.

Und Clara?

Clara gibt die ältesten drei Kinder ab (behält den körperlich und geistig behinderten Jungen) und zieht zunächst nach Berlin. Doch hier fühlt sich sie überhaupt nicht wohl! “Ich gehöre hier nicht her. hier werde ich früher älter […]. Mit fehlen die musikalischen Genüsse, der künstlerische Verkehr […] das Licht, die Luft, die ich brauche.” Clara zieht schließlich nach Baden-Baden und verliebt sich in den Komponisten Kirchner, der jedoch ebenfalls “vorbelastet” durch seine Spielsucht ist. Man möchte meinen, man verliebt sich immer in die gleichen Chaoten. Aber Clara zieht ihr Ding durch. Sie wird 1878 die erste Klavierlehrerin überhaupt, sie komponiert die berühmten “Drei Lieder aus Opus 12”, ein wunderschönes “Klaviertrio Op. 17” und schafft es sogar auf den 100 DM-Schein. Erinnerst Du dich vielleicht noch? Clara überlebt Robert schließlich um 40 ganze Jahre.

Was für eine “wahre”, romantische und zugleich tragische Geschichte, die von niemand anderem als Robert Schumann und seiner Frau Clara (geb. Wieck) handelt und die vor allem in Heidelberg ihren Höhe- und Wendepunkt hat.

Die Stadt wirkt auf die meisten Besucher*innen sehr berauschend. Vor allem Studierende erleben hier nicht selten eine Art Transformation oder komplette “Wiedergeburt”. Das hast Du wahrscheinlich selbst schon bemerkt: aus Heidelberg entspringen außergewöhnlich viele berühmte Künstler*innen, Musiker*innen, Dichter*innen, Denker*innen und Poet*innen. Aber nicht nur das! In Heidelberg machen sich auch Naturwissenschaftler*innen, Politolog*innen und Mediziner*innen einen Namen mit Weltruf. Sowohl früher als auch gegenwärtig.

Wenn Du also eine Idee hat oder so etwas wie ein inneres Feuer verspürst, besuche die Stadt am Neckar – dies könnte Dein Leben verändern. 🙂

Weitere Infos zu Robert Schumann in Heidelberg findest Du in dieser Doku:

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