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Muskeln und Gehirn

Sind Akademiker*innen eigentlich sportlich? Also, so richtig sportlich mit einem wöchentlichen Zeitaufwand von mindestens 2-3 Stunden intensivem Schweißtreiben und Gewichtstemmen? Wenn man sich umschaut, sind Wandern, Yoga oder Radfahren oft das einzige Sportliche, dass man mit Student*innen, Wissenschaftler*innen und anderen typischen Bücherwürmern in Verbindung bringt.

Die Pädagogin macht Yoga…

Studenten zum Beispiel. Nur wenige sieht man regelmäßig das Haus in Sportkleidung verlassen. Die Pädagogin geht vielleicht zum Yoga. Der Soziologiestudent spielt lieber Tischtennis oder Badminton. Auch der ehemalige Bundeswehrsoldat, der jetzt sein Jura- oder Lehramtsstudium nachholt, dreht hin und wieder seine Runden im Park.

Passen körperliche Fitness und mentale Aktivität nicht zusammen?

Eher selten – und es kommt oft auf die Peergroup und Sozialisation an – gehen Studierende regelmäßig(!) ins Fitnessstudio. Ältere Menschen sieht man hier aber so gut wie gar nicht. Professor*innen kann man sich schlecht an einer Hantelbank vorstellen. Ich kann mich erinnern, wie verwirrt ich damals war, als mein Geschichtsdozent einmal (und nie wieder) am Crosstrainer neben mir stand. Irgendwie wollen körperliche Fitness und mentale Aktivität nicht zusammenpassen. Schon gar nicht schweres Bankdrücken und Linguistik oder Beinpresse und Komparatistik. Die paar Bücher, die der und die Studierende von A nach B transportieren, gehören wohl zur einzig angewandten Muskelkraft, immerhin!

Sport ist gesund, weiß doch jeder

Dabei ist Sport – und das weiß natürlich jede*r Schlauberger*in – genauso wichtig wie Schlaf, Recherche und Vokabellernen, wenn man erfolgreich sein will. Akademiker*innen reduzieren körperliche Bewegung oft gern auf einen ausgiebigen Spaziergang am Sonntag, auf die Wegstrecke, die sie mit dem Rad von Wohnung zur Uni zurücklegen oder aufs Wochenende, wenn die Freunde zum Paddeln oder Minigolfspielen einladen.

Ein Professor, der seinen Musculus biceps beugt

Zurück ins Gym. Ins Fitnessstudio, wo sich die echten Eisen-Enthusiast*innen tummeln. Es gibt diesen einen Professor an der Zürcher Hochschule für Künste. Jörg Scheller ist Kunstwissenschaftler, Journalist, Musiker (Heavy Metal!) und Bodybuilder. Und er hat einen hochinteressanten und hochwissenschaftlichen Text mit dem Titel BODYBILDER über die “körperliche Selbstoptimierung im digitalen Zeitalter” verfasst (Wagenbach Verlag, 2021). Vielen Dank an der Stelle für das Rezensionsexemplar.

Die Influencer*innen in den sozialen Medien haben gefühlt nichts anderes mehr zu zeigen, als ihren wohlgeformten Body, hart erarbeitet, overdiszipliniert. Bilder sagen viel – auch ohne ein einzig gesprochenes Wort. Scheller untersucht, wie das Training auf diesen Kanälen die Idealbilder im Fitnessstudio verändern und welche Selbstoptimierungsformen sich allmählich durchsetzen. Er geht interessanterweise auch auf Tätowierungen ein, die in diesem Kontext einmal mehr hervorstechen (jeder 10. Deutsche ist laut statista inzwischen tätowiert) und auf die Corona-Situation, die das Training noch einmal verändert hat.

Der Stuttgarter und zertifizierte Fitnesstrainer spricht aus eigener Erfahrung: er entspricht nämlich überhaupt nicht dem Bild, dass man von einem “Denker” hat. Gluteus maximus und Kunstkritik? Selbstoptimierung und Dekonstruktivismus? Sein Body, eine Provokation! Er sagt selbst über sich, er werde von manchen als Freak wahrgenommen:

“Weil es die westliche Trennung von Körper und Geist gibt. […] Seit der Antike und für uns so selbstverständlich, dass es den meisten Leuten ganz normal vorkommt, dass Muskeln und Hirn nicht zusammengehören.”

Jörg Scheller, brand eins Magazin 08/2021

Trennung von Körper und Geist

Er verweist auf Platon (und dazu zählt sicherlich auch Descartes) und auf die Trennung von Körper und Geist: auf der einen Seite das Physische, das Vergängliche und auf der anderen Seite der Geist (der Verstand), das Beständige. Dazu muss man sagen, dass hier die Vorstellung einer Seelenwanderung zugrunde liegt.

Fitnesstrends – Grund zur Abwendung oder eine Bereicherung?

Erneut zurück ins Gym. Natürlich fühlt sich nicht jeder sofort wohl im Inneren dieser verschwitzen Body-Tempel. Man wird (gefühlt) von allen Seiten angeschaut. Was sollen all diese Maschinen? Und wozu Hanteltraining vor dem Spiegel? Echt jetzt, “Burpees” und “Russiantwist”? 

Und immer diese wechselnden Trends. Ständig wechseln die Fitness-Angebote. Jetzt gibt´s schon Yoga-HIIT – steht für High Intensity Intervall Training und ich dachte immer, Yoga wäre was Entschleunigendes, etwas für die Seele, weit entfernt von Optimierung und Leistungsdruck?!?

https://www.dieheidelbergerin.com/yoga-your-mind/

Und hast Du schon etwas von Glide Fit gehört? Darunter versteht man mega chice Balance Boards, möglichst aus Holz, die eher an ein Skateboard erinnern oder das sogenannte “Aquatic Based Stability Training” (ABST), das sind Boards auf dem Wasser – für noch mehr Balance, actually. 

Crossfit ist und bleibt der Renner, insbesondere im Lockdown. Darunter versteht man eine Handvoll funktioneller Übungen mit Seilen, Medizinbällen, Stangen, Kisten und alles, was sonst noch zur Verfügung hat. Es wird gesprungen, gehoben, gepusht und gezogen. Crossfit gilt als perfekte Kombi aus Ausdauer, Schnelligkeit und Kraft, verknüpft mit vielen Koordinationsübungen.

Warum sich das Muskeltraining (immer!) lohnt

Und ja, der Muskel braucht Abwechslung (man spricht in diesem Zusammenhang von “neuen Reizen”), um zu wachsen, zu “hypertrophieren”. Warum aber muss der Muskel überhaupt wachsen? Wie beeinflusst dieser unser Denkvermögen und warum ist Sport im Sinne von Muskeltraining immer ratsam (reicht da nicht doch die kleine Runde im Park)?

  • Als allererstes ist da der Rücken. Jeder hat einen 🙂 jeder spürt ihn, von Jahr zu Jahr immer deutlicher. Wer hat nicht schon einmal Schmerzen in der Wirbelsäule verspürt? Es geht um Körperhaltung (nicht um Schmerztabletten). Muskeln stabilisieren unser Skelett.
  • Und wir denken auch an unser kleines Bäuchlein, der kleine Speckgürtel, der mit der Zeit immer größer wird, wenn wir zu lange bewegungslos am Schreibtisch sitzen. Muskeln bauen gezielt Fett ab. Nur Muskeln!
  • Muskeln sorgen für Energie. Sportwissenschaftlich gesprochen sind es die Mitochondrien, die sich durch Sport vermehren und Energie bereitstellen. Diese benötigen wir zum Lernen, Arbeiten und Denken. Und wer braucht sie nicht: klare Gedanken, Erinnerungsvermögen, pfiffige Ideen, Schlagfertigkeit usw.
  • Krafttraining wirkt präventiv gegen Gelenkverschleiß (“Arthrose”) und Knochenabbau (“Osteoporose”) und all die anderen unschönen Alters-Wehwehchen. Wir sind ja nicht umsonst fleißig. Das wäre ja vertane Müh! 
  • und leider bauen Muskeln automatisch ab (“Atrophie”), wenn wir sie nicht aktiv nutzen. Unser Körper arbeitet eben ökonomisch – manchmal nicht zum eigenen Vorteil. Also, ran ans Eisen. 

Kraft- oder Ausdauertraining?

Übrigens, der Unterschied von Hanteltraining zu Joggen ist die Ausrichtung. Laufen ist Ausdauertraining. Klar, der Fokus liegt auf der Dauer einer beständigen Tätigkeit unter moderater Intensität (wie Laufen, Schwimmen, Radfahren), die vor allem den Herz-Kreislauf trainiert. Beim Krafttraining wird mittels eines Widerstands (Gewicht) der Muskel mehrfach kurz gereizt, was die Leistung genau dieses Muskels mit der Zeit steigert. Perfekt ist wohl die Kombination aus beidem (und in vielen Fällen auch nicht strikt voneinander trennbar – denn auch beim Laufen aktiviert man Muskeln).

Es gibt inzwischen sehr coole Studios, die eher an eine Wellness-Oase erinnern, als an die Gyms der 1970er Jahre. 

Und wer keine Lust auf´s Gym hat, kann sich doch genauso gut Zuhause austoben! Es genügen ein paar Kurzhanteln (bestenfalls verstellbare) oder das eigene Körpergewicht (hierzu gibt es tausend von Übungen, die alle Muskelpartien ansprechen). Selbst Power-Yoga hat das Zeug zum “Body Building” oder man besucht Calisthenics-Anlagen (früher auch einfach nur “Trimm-Dich-Pfad” genannt), die immer häufiger in Städten zu finden sind.

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